"Project Match" IBM bietet gefeuerten Mitarbeitern Jobs in Indien

IBM feuert trotz hoher Gewinne Tausende US-Mitarbeiter - und will ihnen einem internen Papier zufolge nun eine neue Stelle in Staaten wie Indien oder China anbieten. Gewerkschafter sind schockiert, Ökonomen verteidigen das Projekt dagegen als "neue Stufe der Globalisierung".

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Hamburg - Exotische Verlagerungspläne sorgen bei IBM für helle Aufregung. Laut einem internen Dokument, das mehrere US-Mitarbeiter erhalten haben, betreibt der Tech-Riese derzeit eine Art Jobvermittlungsprogramm namens "Project Match". Dieses bietet Arbeitern, die IBM in den USA entlassen will, im Ausland einen neuen Job an.

"Project Match" vermittelt demnach unter anderem Stellen in Indien, China, Brasilien, Mexico, Tschechien, Russland, Südafrika und Nigeria. Gesucht werden Bewerber, die gerade ihren US-Job verloren haben und die ...

  • "... begierig sind, ihre Karriere zu entwickeln und neue Fertigkeiten zu erlernen, indem sie im Ausland arbeiten",
  • ... sich darüber freuen, zur "Entwicklung einer aufstrebenden Ökonomie" beizutragen,
  • ... offen sind für "neue Erfahrungen und Kulturen".

IBM-Logo: Neue Dimension der Globalisierung?
AFP

IBM-Logo: Neue Dimension der Globalisierung?

Und noch eine Voraussetzung gibt es laut IBM-Schreiben zur Teilnahme an "Project Match". Bewerber sollten bereit sein, "zu den lokalen Bedingungen zu arbeiten" - sprich: für weniger Gehalt, dafür allerdings auch in einem Land mit geringeren Lebenshaltungskosten.

Kandidaten, die bereit sind, diese Bedingungen anzunehmen, verspricht IBM Unterstützung: Sollte man eine Position im Ausland annehmen, übernehme der Konzern einen Teil der Umzugskosten und gebe Hilfestellung bei der Beantragung eines Visums und der Organisation anderer Förmlichkeiten, heißt es in dem Dokument.

IBM ist der zweitgrößte Software-Hersteller der Welt und die Nummer eins bei den Mainframes genannten Großrechnern. Ende Dezember beschäftigte der Konzern fast 400.000 Mitarbeiter im Vergleich zu 386.000 im Jahr zuvor. Vor allem in Indien hat der Tech-Konzern in den vergangenen Jahren Zehntausende Jobs geschaffen.

Der Zeitpunkt, zu dem der Vorstoß bekannt wird, könnte für IBM kaum ungünstiger sein: Erst Mitte Januar war der IT-Riese in die Kritik geraten, weil er trotz eines unerwartet starken Gewinns von 4,4 Milliarden Dollar im Winterquartal 2008 Tausende Stellen abbaut.

Schlimmer noch: IBM gibt über die Entlassungen keine genauen Zahlen bekannt, sondern bestätigt nur pauschal, dass Personal entlassen wird. Die Angaben darüber, wie viele Mitarbeiter gehen müssen, schwanken zwischen rund 2800 ("Wall Street Journal") und 4800 Personen (die Konzerngewerkschaft "Alliance @ IBM").

Bei Alliance @ IBM sorgt der Vorschlag entsprechend für Entrüstung. Er sei "schockiert", sagte Lee Conrad, Vorsitzender der Arbeitnehmerorganisation, der US-Zeitung "New York Lower Hudson Valley" ("Lohud"). Es sei ja schon viel davon die Rede gewesen, dass Firmen ganze Geschäftssektoren in Billiglohnländer auslagern. Er habe aber vor IBMs Offerte noch nie davon gehört, dass ein Konzern seine Mitarbeiter ermutige, "sich selbst auszulagern". Das Angebot, den Angestellten beim Umzug behilflich zu sein, findet Conrad einfach nur skurril: Wenn ein Arbeiter in den USA umziehe, würde IBM schließlich auch nichts zahlen.

Ein IBM-Sprecher verteidigte das Programm dagegen. "Project Match" sei als Chance für Personen zu sehen, die neue Erfahrungen durch Arbeit im Ausland sammeln wollen. "Viele Menschen wollen in Indien arbeite", sagte er der "Information Week".

Tatsächlich stößt die Selbstauslagerung von Menschen in Entwicklungsländer, die die US-Gewerkschaft und die Twitter-Gemeinde scharf verurteilen, unter Globalisierungsverfechtern und Business-Strategen durchaus auf Begeisterung. John Challenger, Vorstandschef der Personalvermittlungsfirma Challenger, Gray and Christmas, wertet "Project Match" im "Lohud" als "Signal für eine neue Stufe der Globalisierung von Arbeit".

Auch Robert Kennedy, Wirtschaftsprofessor an der Michigan Ross School of Business, findet IBMs Vorstoß nur konsequent. Es gebe zwei Entwicklungen, die einen solchen Schritt befeuerten, sagte er der "eWeek": die Finanzkrise, die IBMs Margen drücke, und die Globalisierung, "die den Servicesektor immer stärker beeinflusst und damit auch eine Verlagerung von Arbeitskräften verstärkt".

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