Betreuung von Demenzkranken Melissa Chan schafft Verständnis fürs Vergessen

Immer mehr Menschen erkranken früh an Demenz. In Singapur bleibt die Pflege meist an deren Töchtern und Söhnen hängen. Melissa Chan hat eine Plattform gegründet, auf der sie Erfahrungen austauschen können.

Melissa Chan
Project We Forgot

Melissa Chan

Von Charmaine Ng für The Straits Times, Singapur


Als bei ihrem Vater im Alter von 54 Jahren eine frühe Demenz diagnostiziert wurde, veränderte sich das Leben von Melissa Chan für immer.

Mit nur 14 Jahren musste sie die Pflege übernehmen und hatte mit diesem plötzlichen Rollentausch zu kämpfen. Wo sie bisher ihre Tage mit Schulfreunden verbracht hatte, badete sie nun ihren Vater und bereitete ihm sein Essen zu.

Als Teenager verstand sie weder diese Krankheit, noch warum sie ihr den Vater wegnahm. Als er schließlich vergaß, wer sie war, begann Melissa an sich und ihrem Selbstwert zu zweifeln. "Ich fragte mich, ob ich nicht gut genug war, dass man sich an mich nicht erinnert. So viele Fragen gingen mir durch den Kopf ", sagt Chan, die heute 28 Jahre alt ist.

Damals wurde über Demenz noch nicht so viel geredet wie heute. "Ich wusste nicht, was Demenz im medizinischen Sinne war und wie sie das Gehirn beeinflusst", sagt Chan. "Wenn ich heute zurückblicke, hätte es mit sehr geholfen, zu wissen, was die Symptome sind und wie man als junge Pflegeperson damit zurechtkommt."

  • Dieser Text ist Teil des Projekts "Women in Businesses for Good". Dazu veröffentlichen 20 Redaktionen weltweit am 8. März, dem Weltfrauentag, jeweils einen Text über außergewöhnliche Frauen, die ein soziales Unternehmen oder Projekt gegründet haben, das die Welt ein bisschen besser machen kann. Aus Deutschland ist neben SPIEGEL ONLINE auch die Redaktion von "Brigitte" beteiligt.

Melissas Vater starb 2014 - drei Jahre später beschloss sie, etwas anzufangen, das anderen Pflegenden dabei helfen könnte, sich nicht so verloren und überfordert zu fühlen wie sie damals.

Nach ihrem Bachelorabschluss in Betriebswirtschaft hatte sie fast vier Jahre lang in der Finanz- und Hotelbranche gearbeitet. Nun wagte sie etwas völlig andere: Sie gründete das Sozialunternehmen Project We Forgot. Nur einen Monat nach dem Start kündigte sie ihren Vollzeitjob, um ihre Energie voll und ganz auf ihr neues Unternehmen zu konzentrieren.

Das Project We Forgot bietet Unterstützung für junge Pflegende unter 39 Jahren. Eine Onlineplattform ermöglicht es ihnen, ihre Erfahrungen zu teilen und sich mit anderen über soziale Medien zu vernetzen. Inspiriert hat Chan dabei der Fotoblog "Humans of New York".

Für junge pflegende Angehörige ist die Plattform auch ein Möglichkeit, sich gegenseitig Mut zu machen. "Einige von ihnen wissen nicht einmal, was sie tun sollen", sagt Jason Foo, Geschäftsführer des Singapurer Alzheimer-Vereins. "Sie sind es gewohnt, dass ihre Mutter und ihr Vater sich um sie kümmern. Der Rollentausch kann für ein Kind sehr schwer zu akzeptieren sein." Foo schätzt, dass jedes Jahr bis zu 200 junge Betreuer in diese Rolle "hineingeworfen" werden, weil immer mehr Menschen immer früher an Demenz erkranken.

Laut dem Nationalen Neurowissenschaftlichen Institut wurde 2015 bei viermal so vielen Patienten unter 65 Demenz diagnostiziert wie noch 2011. Allein in Singapur leben schätzungsweise 40.000 Menschen mit Demenz und jeder Zehnte ist unter 65 Jahre alt. "Wenn man darüber nachdenkt, heißt das: Wenn die Patienten jünger werden, werden natürlich auch die Betreuer jünger", sagt Foo.

"Und genau hier kommt Project We Forgot ins Spiel", sagt Chan. Nachdem sie über ein Jahr lang alleine daran gearbeitet hatte, erkannte sie, dass sie mehr Mitarbeiter und eine größere Plattform benötigt. Im vergangenen Jahr hat sie deswegen ihr Team um den technischen Leiter Neo Kai Yuan (27) und den Community-Manager Clarence Oo (31) erweitert.

Bisher ist es dem Unternehmen gelungen, eine Gemeinschaft von 3000 Pflegenden über Social-Media-Kanäle aufzubauen. Das Sozialunternehmen steht außerdem mit mehr als 200 Betreuern im Austausch, die sich direkt mit einer Bitte um Hilfe an sie gewandt hatten.

Neben dem Aufbau einer Community organisiert Project We Forgot auch Workshops, Schulungen und Vermittlungsprogramme für Schulen und andere Organisationen. Eine Social-Network-App für Pflegende ist ebenfalls in Entwicklung und wird voraussichtlich Ende des Jahres auf den Markt kommen.

Durch diese Instrumente und Dienstleistungen hofft das Team, bald ein nachhaltiges Geschäftsmodell als soziales Unternehmen zu entwickeln.

"Einer der häufigsten Ratschläge, den uns viele Leute geben, ist, dass wir uns besser als Non-Profit- oder gemeinnützige Organisation aufstellen sollten", sagt Chan. "Aber wir als Team wollen erst mal testen, ob und wie wir ein Geschäftsmodell für soziale Zwecke gestalten können."

Sie betont, dass das ultimative Ziel von Project We Forgot nicht die Einnahmen sind, sondern dass sein Erfolg an seinen sozialen Auswirkungen gemessen werden soll. "Als Sozialunternehmen geht es uns nicht nur darum, ein Geschäftsmodell aufzubauen. Es geht uns besonders um die Menschen, die wir beeinflussen. Das ist es, was mich antreibt."

Obwohl Project We Forgot bisher noch keine Gewinne eingefahren hat, bekam es finanzielle Unterstützung sowohl aus dem privaten als auch aus dem öffentlichen Sektor - im Moment die einzige Einnahmequelle. Im vergangenen Jahr erhielt das Projekt einen Zuschuss von 20.000 US-Dollar im Rahmen des "Singtel Future Markers-Programm" und einen weiteren nicht öffentlich gemachten Betrag im Rahmen des Nationalen Jugendfonds der Regierung von Singapur.

Auch wenn dies schon kleine Erfolge sind, ist es immer noch ein langer, nicht einfacher Weg, um die Zukunft von Project We Forgot zu sichern, erklärt Chan, die ihre ganzen eigenen Ersparnisse in den Aufbau ihres Geschäftsmodells gesteckt hat.

In den gut zwei Jahren Arbeit in ihrem Sozialunternehmen hat sie viel über die Pflege demenzkranker Patienten gelernt - viel mehr als noch zu Lebzeiten ihres Vaters.



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jannick72 16.05.2018
1. Demenz geht jeden etwas an
Erstmal vorweg: Jeder der sich in unserer Gesellschaft für jemand anderen einsetzt, oder jemand anderem hilft, hat meines Erachtens nach viel Lob und Anerkennung verdient. Gerade in der heutigen, schnelllebigen und egoistischen Zeit ist das selten. Auch die Idee und die Vorgeschichte der „Firmengründung“ ist durchaus beachtenswert. Wobei ich auch sagen muss, dass es vor ein paar Jahren noch wesentlich schwieriger war Informationen oder Hilfe gerade bei so „schwierigen“ Themen wie Demenz oder Demenzpflege zu erhalten. Heutzutage gestaltet sich das schon wesentlich einfacher. Es gibt in zwischen ja verschiedene auf Demenz ausgerichtete Wohnformen, wie z.B. die Demenz-WGs. Und auch Seniorenheime haben mächtig aufgerüstet. So bieten viele Heime inzwischen spezielle Demenz- Pflegekonzepte an, wie es z.B. hier https://www.augustinum.de/pflege/demenz-pflege/betreuungskonzept-demenz/ der Fall ist. Oder stellen eine Tagespflege zur Verfügung, die speziell auf Demenzkranke ausgerichtet ist. Bin gespannt, was uns die nächsten Jahre noch so erwartet.
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