Protest gegen Produktionsbedingungen Bloggerin trickst Tchibo aus

Die Bloggerin Kirsten Brodde bestellte bei Tchibo T-Shirts mit ungewöhnlichem Schriftzug: "Gefertigt für Hungerlöhne" stand darauf. Der Kaffeeröster produzierte die Shirts - will sie jetzt aber zurück. Und bietet als Ersatz ein Päckchen fair gehandelten Kaffee.

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Hamburg - 37 Minuten haben sie ihr gegeben. So lange haben sie Kirsten Brodde vor der Hamburger Tchibo-Filiale am Rathausmarkt stehen lassen, mit einem selbstgemalten Schild in der Hand. 37 Minuten, um die Kunden zu fragen, was sie von den Bedingungen halten, unter denen der Kaffeeröster und Textileinzelhändler seine Kleidung produzieren lässt. 37 Minuten, um über Hungerlöhne, Kinderarbeit und die Verantwortung von großen Konzernen zu diskutieren.

Dann aber war Schluss: Drei freundliche Hamburger Polizisten teilten der Bloggerin und Textilhandelsexpertin Brodde mit, dass Tchibo kein Interesse an ihrer Meinungsäußerung direkt vor der eigenen Filiale habe. Nach einer Belehrung durch die Polizei brach Brodde ihre Aktion ab.

Mit dem Besuch bei Tchibo endet eine Geschichte, die kurioser nicht sein könnte: Durch einen Newsletter wird die Bloggerin Kirsten Brodde Anfang Juni auf ein Angebot von Tchibo aufmerksam. Ab 12,90 Euro kann man bei dem Kaffeeröster ein T-Shirt individuell gestalten. "Qualitäts-Shirts für Damen, Herren, Kinder, Babys und Hunde aus hochwertiger Baumwolle von namhaften Markenherstellern in vielen Farben und Formen" - so bewirbt Tchibo sein Angebot.

Und das bringt Brodde, die sich in ihrem Blog mit "Grüner Mode" beschäftigt, auf eine Idee: Wie der amerikanische Student Jonah Peretti bei Nike bestellt sie bei Tchibo zwei T-Shirts. Peretti hatte 2001 Schuhe mit dem persönlichen Schriftzug "Sweatshop" gewählt, was so viel wie "Ausbeuterbetrieb" bedeutet. Nike hat den Wunsch damals wiederholt abgelehnt, woraufhin Peretti den Briefwechsel mit dem Konzern ins Internet stellte und quasi über Nacht bekannt wurde.

Ähnliches also versucht Brodde, die zwei Wunsch-T-Shirts bestellt: "Tchibo Shirts: Gefertigt für Hungerlöhne" soll es in weißer Schrift auf einem roten T-Shirt heißen und "Dieses T-Shirt hat ein Kind für Tchibo genäht" in weiß auf schwarz. "Ich habe nicht damit gerechnet, dass Tchibo die T-Shirts überhaupt druckt, ich hätte gedacht, dass sie sie gleich aus formalen Gründen ablehnen", sagt Brodde.

Zur Entschädigung fair gehandelten Kaffee

Doch sie hat den Konzern falsch eingeschätzt: Am 10. Juni werden beide Shirts geliefert, mit dem gewünschten Aufdruck. Von der Sendung überrascht, ruft Brodde bei Tchibo an und erkundigt sich, ob das Unternehmen kein Problem mit den diffamierenden Produkten habe. Dort gibt man sich erst einmal amüsiert, verweist an den Kooperationspartner, der hier wohl geschlafen habe, und bietet an, die T-Shirts wieder zurückzunehmen. Als Entschädigung soll es neben dem Kaufpreis auch ein Päckchen fair gehandelten Kaffee geben - den man momentan in deutschen Filialen gar nicht kaufen kann.

Das aber wiederum will Brodde nicht, die sich als Greenpeace-Mitarbeiterin lange mit den Produktionsprozessen von Kleidung beschäftigt hat. Sie will sich die Produktionsbedingungen lieber selbst ansehen, unangemeldet in einer der Fabriken in Bangladesch, Pakistan oder China auftauchen. Das stößt bei Tchibo nicht auf Begeisterung, per Telefon soll die Firma außerdem darum gebeten haben, die T-Shirts weder zu tragen noch zu vervielfältigen und die Fotos aus dem Netz zu nehmen.

Auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE gibt man sich bei Tchibo allerdings entspannt: "Wir sind erst mal froh, dass wir durch die Aktion von Frau Brodde Lücken in unserer Qualitätssicherung entdeckt haben", sagt Achim Lohrie, bei Tchibo zuständig für den Bereich Unternehmensverantwortung. Ansonsten habe man überhaupt nichts zu verbergen, jeder könne sich nach den Sozialstandards bei Tchibo erkundigen, denn in diesem Bereich mache man viel.

Das war nicht immer so - tatsächlich war Tchibo vor ein paar Jahren wegen genau dieser Sozialstandards in der Kritik: Ende 2005 konfrontierte die "Kampagne für saubere Kleidung" (Clean Clothes Campaign) das Unternehmen mit Vorwürfen zu massiven Arbeitsrechtsverletzungen - am Beispiel einer Fabrik aus Bangladesch, die für Tchibo arbeitete. Anhaltende Proteste von Verbrauchern führten schließlich dazu, dass Tchibo einlenkte und sich mit der Frage nach fairen Handelsbedingungen beschäftigte. Man entwarf Richtlinien, warb mit Lohrie einen anerkannten Experten für Corporate Social Responsibility (CSR) bei Otto ab und versucht seitdem, sich mit verschiedenen Programmen als verantwortungsbewusstes Unternehmen zu profilieren.

Mindestlohn bei 18 Euro bis 24 Euro

"Natürlich ist es gut, dass sich Tchibo inzwischen überhaupt mit dem Thema auseinandersetzt, das war vor drei Jahren nicht der Fall", sagt Gisela Burckhardt von der Kampagne für saubere Kleidung. Allerdings reagiere das Unternehmen nur punktuell, wenn man es auf konkrete Missstände hinweise. "An den konkreten Arbeitsbedingungen vor Ort hat sich aber nichts verbessert." In der damals kritisierten Fabrik gebe es zwar inzwischen eine Beschwerdebox, trotzdem verdienten die Arbeiter dort immer noch nur den Mindestlohn. Der liegt derzeit bei 18 bis 24 Euro - im Monat.

Diesen konkreten Vorwurf will man bei Tchibo so allerdings nicht gelten lassen: "In den Fabriken, mit denen wir arbeiten, lassen auch andere Hersteller produzieren, wir können deshalb nur sicherstellen, dass die Angestellten den Mindestlohn bekommen", sagt Lohrie. Alles andere sei Sache der Regierungen, die die Standards der Internationalen Arbeiterorganisation (ILO) durchsetzen müssten. Als Unternehmen stoße man hier immer wieder an "systemische Grenzen" und könne nur auf einen "dialogischen Entwicklungsprozess" setzen.

Das sehen Experten anders: "Ein Konzern wie Tchibo hat eine gewisse ökonomische Macht und kann sehr wohl Einfluss auf seine Produzenten nehmen", sagt Ingeborg Wick vom Institut für Ökonomie und Ökumene Südwind, die seit Jahren Textilfabriken in Asien besucht. Sie kritisiert außerdem, dass Tchibo - im Gegensatz etwa zu Sportartikelherstellern wie Nike - die Namen seiner Zulieferer nicht veröffentlicht. "Das wäre ein kleiner Schritt hin zu mehr Transparenz, der extrem viel für die Glaubwürdigkeit des Unternehmens bringen würde."

"Transparenz in steuerbarem Umfang"

"Wir sagen, in welchen Ländern wir produzieren, und wir lassen uns von externen Prüfern kontrollieren", verteidigt Lohrie das Vorgehen des Konzerns. Mehr aber will man nicht preisgeben - denn sonst könnte ja jeder die Fabrik unter die Lupe nehmen: "Da kann dann nicht jemand kommen und Räuber und Gendarm spielen." Das nämlich verunsichere auch die Lieferanten. "Transparenz in steuerbarem Umfang" nennt Lohrie das.

"Ich glaube, dass die Konsumenten hier sehr viel weiter sind als die Unternehmen", sagt Bloggerin Kirsten Brodde. "Sie interessieren sich dafür, wie und wo die Waren produziert werden." Und nähmen auch höhere Preise in Kauf, wenn dadurch bestimmte Sozialstandards garantiert würden. Obwohl der Konzern sich hier bislang uneinsichtig zeigt, macht ihr die ganze Aktion trotzdem Mut: "Ich hätte nicht gedacht, dass eine einsame Bloggerin so einfach einen Handelsriesen aus der Reserve locken kann."


Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, die Polizei habe Frau Brodde vor der Tchibo-Filiale des Ortes "verwiesen". Dies ist juristisch gesehen nicht korrekt: Die Polizei hat keinen Platzverweis ausgesprochen, sondern die Aktivistin nur belehrt. Ein Platzverweis war auch gar nicht nötig, weil Frau Brodde nach dem Gespräch mit den Polizisten erklärte, sie habe ihre Aktion ohnehin in diesem Augenblick abbrechen wollen. Wir bitten unsere Leser um Entschuldigung für die Ungenauigkeit.



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