Protest-Mail an Vorstand Telekom-Mitarbeiter feiern Kollegen

Er ahnte nicht, dass er so vielen aus dem Herzen sprach: Ein Berliner T-Com-Mitarbeiter hat sich in einer Mail an den Vorstand seinen Frust über Jobabbau und Managementchaos vom Leib geschrieben. Nun feiern Kollegen seinen Mut - und der Brief wird im Konzern weitergemailt wie ein Manifest.

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Hamburg – "Die Welle überrollt mich", staunt der T-Com-Techniker aus Berlin. Eigentlich, sagt er, habe er ja gar keinen offenen Brief schreiben wollen. Seine E-Mail, die er am 9. März abschickte, sei bloß an den Telekom-Vorstandschef René Obermann adressiert gewesen, an Festnetz-Chef Timotheus Höttges, Bereichsvorstand Dietmar Welslau, an die Gewerkschaft - und "wenige Kollegen" bei der Deutschen Telekom Chart zeigen.

Telekom-Mitarbeiter protestieren vor der Konzernzentrale in Bonn: "Schlechte Publicity nicht verdient"
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In den Tagen danach wurde trotzdem ein Kettenbrief daraus.

Die Mail an den Vorstand wurde "wie in einem Schneeballsystem" immer weiter und weiter geschickt. Seitdem findet der Techniker aus Berlin in seiner Inbox täglich neue Briefe von Kollegen, die ihm gratulieren - für seine treffenden Worte und seinen Mut, den Konzernoberen die Meinung zu sagen.

Er habe einfach "Frust ablassen" wollen, erzählt der T-Com-Mann im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Frust darüber, "dass das Management Fehler macht und wir Mitarbeiter das dann ausbaden und über die Klinge springen müssen."

Rund drei DINA4-Seiten lang ist der Brief an Obermann & Co., der SPIEGEL ONLINE vorliegt - und inzwischen auch im Internet gepostet wurde ( Teil eins, Teil zwei). Über die "Arroganz und die Selbstherrlichkeit" immer neuer Top-Manager, die sich "im Vorstand die Klinke in die Hand" gäben und "mit vollgestopften Taschen weiter" zögen, schreibt der Techniker da. Er beklagt, dass erst beim Service im großen Stil qualifiziertes Personal eingespart wurde – und es nun plötzlich heißt, die Telekom sei so schlecht im Service. Bei allem Ärger bekennt sich der End-Vierziger klar zum Konzern: "Wir würden lieber heute als morgen die Telekom wieder an die Spitze bringen!"

"Wir stehen zu unserer Firma"

"Viele Hunderte" Mails von Kollegen habe er bekommen, erzählt der Techniker – aus praktisch allen Sparten und Regionen des Telekom-Reichs. "Ihr Brief an den Vorstand läuft herum wie ein Lauffeuer", heißt es in einer der Mails. "Ich selbst habe ihn schon drei Mal gelesen, und jedes Mal muss ich stumm nicken." "Ihr Brief … war das Gesprächsthema unserer Mittagspause und jedes Wort spricht uns aus der Seele", stimmt ein T-Com-Mitarbeiter aus Bayern zu.

Ein Kollege aus der konzerneigenen Beschäftigungsgesellschaft Vivento schreibt: "Wie rief man im damaligen Osten: 'Wir sind das Volk!'. Heute möchte man rufen: 'Wir sind das Unternehmen!'" Und aus Mainz meldet sich ein Konzernveteran: "Auch ich habe in diesem Unternehmen schon überragende Leistungen gebracht, da haben die jetzt 'Verantwortlichen' noch ihr Einser-Abi in den Villen ihrer reichen Eltern gefeiert."

Mails wie die des Berliner Kollegen gäbe es viele in diesen Tagen, sagt Wolfgang Borkenstein – er ist bei der Festnetzsparte T-Com der Gesamtbetriebsratschef. "Diese hier hat aber besonders weite Verbreitung gefunden. Da hat jemand die Stimmungslage getroffen, deswegen reagieren viele darauf."

Sorgen um die Zukunft machen sich bei der Telekom Tausende. Erst Ende Februar hatten 13.000 Menschen vor dem Bonner Konzernsitz gegen Obermanns Pläne demonstriert, rund 50.000 Mitarbeiter in die neue Sparte T-Service zu verlagern - wo sie weniger verdienen werden. Den Unmut der Belegschaft bekam Obermann jüngst auch bei einem internen Chat über die Sanierungsvorhaben zu spüren.

Eine Antwort vom Vorstand hat der Berliner Techniker bisher nicht bekommen. Er hofft, dass die Debatte über die Konzernsanierung konstruktiv bleibt. Er selbst sei seit Mitte der siebziger Jahre im Unternehmen, damals gehörte es noch zur Bundespost. Seine größte Angst: Dass er als "Nestbeschmutzer" gelten könnte.

Es war auch nicht er selbst, der die Mails an SPIEGEL ONLINE weiter gab - sie wurden der Redaktion von einem Dritten zugespielt. "Wir müssen unsere Probleme intern klären, ohne Streit in der Öffentlichkeit", sagt der T-Com-Mann. "Wir stehen zu unserer Firma. Schlechte Publicity hat die Telekom nicht verdient."



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