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Protestnote: Unternehmer ruft zum Widerstand gegen Berlin auf

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Mit einer eigenwilligen Aktion hat ein Oldenburger Unternehmer seinem Ärger über das Politchaos in Berlin Luft gemacht. Öffentlich rief er die Politiker zu mehr Geradlinigkeit auf - in einer ganzseitigen Anzeige in der "FAZ" für mehr als 35.000 Euro.

Berlin - Der Mann ist geradeheraus und daran gewöhnt, zu sagen was er denkt, ohne Rücksicht darauf, ob es ihm zum Nachteil gereichen könnte. Anfang dieser Woche drängte es Rolf Hilchner, dies öffentlich zu tun - so laut wie irgend möglich. Jeder sollte erfahren, was er von einer Politikerkaste hält, die ein solches Tohuwabohu anrichten, wie derzeit die Akteure in Berlin.

Anzeige in der "FAZ": "So nicht, liebe Politiker!"

Anzeige in der "FAZ": "So nicht, liebe Politiker!"

Kurz entschlossen schaltete der Oldenburger Unternehmer eine Anzeige in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Dort steht das Pamphlet heute im politischen Teil auf Seite Neun - ganzseitig.

In der Anzeige schenkt Hilchner im Namen seiner Software-Firma namens ashampoo den Politikern kräftig ein. "Herr Müntefering, dass Sie sich durch so eine kleine Schlappe genötigt sehen, Ihren Parteivorsitz aufzugeben! Oder Sie, Herr Stoiber: Sie gehen jetzt also doch nicht nach Berlin! Zu viel Risiko?" Nach alledem entstünde der Eindruck, dass die Angesprochenen Politik nicht als ernsthafte Aufgabe ansehen, sondern als ein Spiel um Intrigen und Macht.

Indirekt ruft Hilchner dann die Bevölkerung auf, sich zu wehren. Nicht mit Gewalt oder Demonstrationen, sondern mit "Leistung, Fleiß, Ausdauer, aber vor allem mit geradlinigem Handeln".

Der Aufruf, sich der Schelte anzuschließen, verfehlte trotz der etwas altväterlichen Attitüde seine Wirkung nicht. Innerhalb weniger Stunden meldeten sich mehr als 2000 "FAZ"-Leser per E-Mail bei ashampoo, um ihrerseits ihrem Unmut Luft zu machen.

"Was bilden sich diese sogenannten Volksvertreter eigentlich ein? Statt die Interessen des Volkes zu vertreten, vertreten sie nur ihre eigenen Interessen und die heißen, noch mehr Kohle in die eigene Tasche scheffeln und noch mehr Postengeschiebe", schreibt Lutz Kröber aus Bad Vilbel.

Frank Friedrich sieht die designierte Kanzlerin Angela Merkel als Strippenzieherin im Hintergrund und spart auch nicht mit abfälligen Beschreibungen: "Was Machtbesesseneres (...) hab ich noch nie gesehen. Kanzlerin um jeden Preis. Egal wer dabei auf der Strecke bleibt".

Georg A. Leschzyk nimmt den ehemaligen grünen Außenminister Joschka Fischer ins Visier: "Warum will Fischer nicht mehr weitermachen? Schmollend verlässt er das Kabinett weil er nicht mehr Minister sein darf".

Differenzierter beschreibt ein E-Mail-Schreiber namens Axel Jakob die Situation: "Kein Unternehmer könnte sich solche Eskapaden leisten. Kein Kaufmann dürfte so wirtschaften, wie es die Regierung tut. Und kein Wirtschaftsboss ist so schnell eingeschnappt und spielt beleidigte Leberwurst, wie es die Herren Müntefering und Stoiber tun. Da sehe ich im Kindergarten mehr Verantwortungsbewusstsein und bessere Umgangsformen!".

Die teilweise recht rüden Formulierungen stören Hilchner nicht. "Wir geben den Leuten die Gelegenheit, Luft abzulassen, ebenso wie wir uns die Freiheit genommen haben, diese Anzeige zu schalten", sagte er SPIEGEL ONLINE. Die E-Mails, die gegen Gesetze verstießen, habe sein Team vorher aussortiert.

"Um der Ehrlichkeit willen" räumt Hilchner ein, dass die Anzeige ebenso dazu dient, den Namen seines Unternehmens ein wenig bekannter machen: "Dieser Aspekt stand zwar nicht im Vordergrund, spielte aber durchaus eine Rolle bei der Frage, ob wir mehr als 35.000 Euro für die Aktion ausgeben wollten".

35.481,60 Euro um genau zu sein. So viel nämlich verlangt die "FAZ" für eine ganzseitige Anzeige in Schwarz-Weiß. "Rabatte gibt es bei uns nicht", sagt eine Sprecherin des Verlags. Mit der Anzeige selbst hat sie keine Probleme: "Das wurde eingehend geprüft. Keine der Formulierungen verstößt gegen Gesetze oder gegen die guten Sitten. Also spricht nichts dagegen." Um sich gegen möglichen Ärger abzusichern, erbat sich die Anzeigenabteilung aber trotzdem das Plazet von ganz oben. Einer der Herausgeber entschied schließlich, den Auftrag anzunehmen.

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