Obduktion im Fall Beresowski: Sein Tod ist nicht genug

Von , Moskau

Russischer Oligarch Beresowski: Bat er Putin in einem Brief um Verzeihung? Zur Großansicht
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Russischer Oligarch Beresowski: Bat er Putin in einem Brief um Verzeihung?

Es war wohl Selbstmord: Der russische Ex-Oligarch Boris Beresowski soll sich erhängt haben, das ergab die Obduktion in Großbritannien. Der Kreml versucht, Kapital aus dem Tod zu schlagen, und inszeniert das Ende des Rivalen als Kapitulationserklärung.

Der russische Oligarch Boris Beresowski hat höchstwahrscheinlich Selbstmord begangen. Die Obduktion der Leiche "deutet auf Erhängen hin", teilte die Polizei am späten Montagabend mit. Der Pathologe habe "keine Hinweise auf einen gewaltsamen Kampf" gefunden. Die Leiche weise keine Anzeichen von Fremdeinwirkung auf. Weitere Ergebnisse, unter anderem diejenigen toxikologischer Untersuchungen, stünden noch aus. Die Ergebnisse würden auch noch mehrere Wochen auf sich warten lassen.

In der Villa des Oligarchen im feinen Londoner Vorort Ascot hatten die Männer der Thames Valley Police bereits nach chemischen, biologischen und radioaktiven Stoffen gesucht. Aber sie haben nichts gefunden, was auf eine Vergiftung des Oligarchen Boris Beresowski hindeutet. Nur einen Schal, der neben der Leiche auf dem Badezimmerboden lag. Nach Angaben aus Ermittlerkreisen wurde Beresowskis Leiche von einem Angestellten im Bad gefunden.

Seit Anfang der neunziger Jahre war Beresowski fast ununterbrochen von Leibwächtern umgeben, er fürchtete Anschläge. Zunächst seitens seiner Konkurrenten, die 1994 eine Bombe neben seinem Mercedes in Moskau detonieren ließen. Dann hatte er Angst, dass ihm Russlands Geheimdienst FSB nach dem Leben trachtet.

Viel spricht dafür, dass der Magnat nicht Killern zum Opfer fiel, sondern Depressionen, die ihn in den Selbstmord trieben. Das kolportieren vor allem dem Kreml freundlich gesinnte Medien. Es gibt andere Oligarchen, die mehr Vermögen angehäuft haben als Beresowski. Aber keiner vermochte wie der gelernte Mathematiker, Geld in Macht zu verwandeln und Macht in noch mehr Geld.

Beresowski, das ist für viele Russen ein Synonym für das Chaos und die Ungerechtigkeit der neunziger Jahre. Die Nachricht von seinem Tod schlug in Moskau ein wie eine Bombe. Das Fernsehen berichtete in Sondersendungen. Die nutzte dann der Kreml, um eine zweite, nicht weniger sensationelle Neuigkeit zu platzieren. Beresowski "hat Putin um Verzeihung für seine Fehler gebeten und sich mit der Bitte an den Präsidenten gewandt, in die Heimat zurückkehren zu dürfen", verkündete Kreml-Sprecher Dmitrij Peskow.

"Ich verstehe, wie schwer es ist, mir zu verzeihen"

Putin und Beresowski verbindet eine lange gemeinsame Geschichte. Der Oligarch spielte eine Schlüsselrolle bei der Suche nach einem Nachfolger für den kranken Boris Jelzin und unterstützte den damaligen Geheimdienstchef Putin. Kaum aber in den Kreml gezogen, hielt Putin Jelzins Einflüsterer Beresowski auf Distanz. Dann drängte er ihn aus dem Land.

Es war die erste Schlacht des Neuen im Kreml in seinem Feldzug gegen die Oligarchen. Weitere folgten: 2001 floh der Medienmagnat Wladimir Gussinski nach Israel, 2003 folgte ihm Leonid Newslin, Partner von Michail Chodorkowski. Der Jukos-Chef selbst wurde im Oktober 2003 verhaftet, 2005 verurteilt und sitzt noch immer in Haft.

Manche der Oligarchen hatten geglaubt, auch die Staatsmacht privatisieren zu können. Putin hat den Kampf mit ihnen gleich zu Beginn seiner Amtszeit gesucht und gewonnen. Der Konflikt mit Beresowski, Chodorkowski und Co. aber wirft bis heute auch einen Schatten auf seine Amtsführung. Der Kreml hält Beresowskis Brief unter Verschluss. Handschriftlich soll er ihn verfasst und Putin durch einen Gewährsmann übergeben haben.

Nur ein Satz ist an die Öffentlichkeit gesickert. "Ich habe viele Fehler gemacht, ich verstehe, wie schwer es ist, mir zu verzeihen, aber ich habe mich geirrt und flehe um Vergebung", lautet er. Margarita Simonjan hat ihn öffentlich gemacht, die Chefin von Moskaus englischsprachigem Propagandasender "Russia Today". Das wirkt so, als sei die Nachricht vom Tod des erbitterten und ruchlosen Widersachers nicht Triumph genug, als setze der Kreml nun auch noch Beresowskis Kapitulation medienwirksam in Szene.

Der Brief sei dem Kreml schon vor Monaten zugegangen. Plötzlich brüstet sich auch der Kreml-zahme Nationalistenführer Wladimir Schirinowski mit Kontakten zu dem Oligarchen, den Moskaus Establishment seit zwölf Jahren mied wie der Teufel das Weihwasser. Für eine Rückkehr nach Russland sei Beresowski bereit gewesen, auf alle Bedingungen einzugehen.

12,5 Millionen Euro Kopfgeld

Den Fall des 2006 mit radioaktivem Polonium vergifteten russischen Geheimdienstüberläufers Alexander Litwinenko - der Ex-Spion war ein Vertrauter des Kreml-Kritikers - habe er aufgeben wollen. Putin habe er sogar am 7. Oktober zu dessen Geburtstag gratuliert.

Vor einem Jahr und einem Monat meldete sich Beresowski bei Facebook an. Sein erster Eintrag war eine Entschuldigung an Russlands Bürger: "Ich bereue und bitte um Vergebung für meine Gier." Er habe "viele Fehler gemacht". Er bitte "um Vergebung dafür, dass ich Wladimir Putin an die Macht gebracht habe", einen "Tyrannen und Usurpator".

Zu Putins Amtseinführung im Mai schrieb er wieder. Da setzte Beresowski ein Kopfgeld aus für die Verhaftung von Russlands Präsidenten - 500 Millionen Rubel, das sind 12,5 Millionen Euro. Am 17. August schrieb er einen offenen Brief an Putin, den er unversöhnlich "Diktator" nennt.

Kann es wirklich sein, dass der Mann nach zwölf Jahren Kampf mit dem Kreml innerhalb von sieben Wochen seine Meinung um 180 Grad drehte und seinem Rivalen zum Geburtstag gratulierte? In Moskau wachsen daran die Zweifel. Ein vertraulicher Brief sei so gar nicht die Art des Oligarchen, meint die Moskauer Tageszeitung "Moskowski Komsomolez". Beresowski habe "immer öffentlich agiert". Der Kreml solle das Schreiben veröffentlichen. "Oder müsst ihr es noch fertig schreiben, redigieren?", stichelt das Blatt.

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mit Material von AFP

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insgesamt 49 Beiträge
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1. Russia Today
spon-facebook-1625336565 26.03.2013
Russia Today ist nicht mehr ein Propaganda-Sender, als BBC ein britischer oder Deutsche Welle ein deutscher Propaganda-Sender ist.
2.
DennisFfm 26.03.2013
zumindest der einzige englischspracheige, von dem man zumindest eine andere ansicht der dinge erfahren kann.
3. Lieber Benjamin
donnerfalke 26.03.2013
Stellen Sie sich für einen Moment vor, Putin wäre gestorben. Was glauben Sie welche riesigen Ziegelsteine hiesige Medien vor Freunde scheissen würden? Die Merkel hat erst vor ein Paar Tagen ganz öffentlich und frech gesagt dass es in Ordnung ist wenn man russische Konten in Zypern plundert. Das was Sie da schreiben ist nur Demagogie und heisse Luft ohne jede Substanz. Die Medien heutzutage, egal ob in Russland oder in Deutschland, sind gekauft und gesponsert und sie sind abhängig.
4. Kopfgeld
vitalik 26.03.2013
Interessant. Wie würden wohl andere Länder reagieren, wenn man auf das Regierungoberhaupt ein Kopfgeld aussetzt und dass es ernstgemeint war/ist, ist glaube ich ersichtlich. Natürlich vergisst man nicht zu erwähnen, dass die Medien in Russland nur Propaganda verbreiten, aber naja. Es ist aber eventuell bereits jedem klar, dass es so ist und bringt bei dem Artikel nur einen faden Beigeschmack.
5. Wie das...
BettyB. 26.03.2013
Man schildert plötzlich Putins Kampf gegen die das Land ausbeutenden Oligarchen? Sollte das ein Versehen sein underder Versuch, Putin anders einzuschätzen als bisher?
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