Quartalsgewinn Goldman taktiert sich zum Milliardenerfolg

Die Bankbranche applaudiert: Mit dem besten Quartalsgewinn seit dem Rekordjahr 2007 feiert Goldman Sachs ein glänzendes Comeback. Ausgerechnet Geschäfte mit der Krise haben den Geldkonzern wieder stark gemacht - auch auf Kosten seiner Rivalen.

Von , New York


David Viniar, der Finanzchef der Wall-Street-Bank Goldman Sachs Chart zeigen, beherrscht die Sprache seiner Branche perfekt. Die Telefon-Schaltkonferenz, bei der er den Analysten an diesem Dienstag seine Quartalszahlen erklärte, war eine Lawine aus Finanz-Kauderwelsch: "Underwriting", "diversifizierte Geschäftsmodelle", "makro-ökonomische Perspektiven", "Liquiditypool", "Risikohedging".

Finanzdistrikt in New York: "Wir sind uns schmerzlich bewusst, wie wichtig es ist, eine Kraft des Guten zu sein"
AP

Finanzdistrikt in New York: "Wir sind uns schmerzlich bewusst, wie wichtig es ist, eine Kraft des Guten zu sein"

An einer Stelle des einstündigen Gesprächs der Fachleute jedoch rutschte Viniar für einen Moment in eine andere Sparte ab: Sport. "Für die Firma", so fasste er dieses für Goldman ziemlich phänomenale zweite Quartal zusammen, "war es ganz einfaches Blocken und Tacklen". Dies sind bekanntlich zwei Ausdrücke aus dem Football - für Aktionen, mit denen die konkurrierenden Teams um die Herrschaft über den Ball streiten.

Die Metapher war zwar etwas schräg, stimmte jedoch in einer Hinsicht: Mit einer cleveren Mischung aus Angriff und Verteidigung gelang es Goldman, den Stammplatz als mächtigste Bank der Wall Street zu behaupten - trotz und gerade wegen der Finanzkrise.

Seit Tagen schon fieberte nicht nur die Wall Street den Goldman-Zahlen entgegen, als Zukunftssignal für die ganze krisengeschüttelte US-Finanzbranche. Alle Analysten hofften auf überragende Quartalsergebnisse.

Das Ergebnis aber übertraf die kühnsten Vorstellungen: 2,7 Milliarden Dollar Gewinn (1,9 Milliarden Euro) verbuchte Goldman im zweiten Quartal. Vor Ausschüttung der Vorzugsdividenden waren es sogar 3,4 Milliarden Dollar.

"Ziemlich gute Ergebnisse", sagte Moody's-Analyst Peter Nerby - und gab umgehend zu, dass dieses Urteil zu zurückhaltend sei. Schließlich waren es die besten Zahlen seit dem Rekordjahr 2007. Damit hat Platzhirsch Goldman jetzt schon die Rezession hinter sich gelassen - und sich zugleich von der lästigen Kandare des Staates losgerissen: Erst kürzlich hatte der Konzern als erster auch die zehn Milliarden Dollar an Hilfsgeldern zurückgezahlt, mit denen die US-Regierung ihm voriges Jahr durch die schlimme Krise geholfen hatte.

Die Ruhe kehrt zurück

Gerade mal ein Jahr ist es her, dass die gesamte Wall Street regelrecht implodierte. Von den einst großen Investmentbanken gingen zwei ganz unter (Lehman Brothers und Bear Stearns), eine weitere wurde an die Bank of America verscherbelt (Merrill Lynch), und Branchenführer Goldman Sachs schrieb zum ersten Mal in seiner Firmengeschichte Verluste. Am Ende musste das Traditionshaus von einer Investmentbank zur regulären Geschäftsbank umgewandelt werden, wenn auch zur fünftgrößten des Landes.

Jetzt kehrt in die Finanzwelt offenbar wieder etwas Ruhe ein. Zwar blieben die Märkte auch heute "schwach", und die breitere US-Wirtschaft stehe weiter vor Herausforderungen, erklärte Goldman-Vorstandschef Lloyd Blankfein. Doch zeigten die jüngsten Bilanzzahlen, dass sich das Geschäftsumfeld zusehends "verbessert".

Es sind Worte, die die angeschlagene Industrie ersehnt hat und die wohl auch kurzfristig die Schlagzeilen bestimmen dürften. Doch sie fallen unter Vorbehalt. Goldman verdankt sein grandioses Quartal nicht zuletzt besagtem staatlichen Finanzkissen - manche sprechen sogar von "Doping" - und zugleich seinem Gespür, selbst schlechteste Bedingungen zu seinen Gunsten auszuschlachten. Fraglich bleibt jedoch, ob sich das auf Dauer so durchhalten lässt - vor allem auch für die großen Branchenrivalen, die in den nächsten Wochen mit ihren Ergebnissen folgen.

Und so wird Goldman seinem Ruf auch dieses Mal wieder gerecht: Verehrt oder verhasst - doch stets der Neid der Wall Street. "Wie konnte Goldman sich bloß so schnell erholen?", fragt sich da nicht nur Andrew Ross Sorkin, der Börsenblogger der "New York Times".

Die Ergebnisse seien zuallererst der "Breite, Stabilität und Anpassungsfähigkeit unserer Klientenabteilung" zu verdanken, betonte Finanzchef Viniar am Dienstag - sowie "unserem Können, uns aufs Wesentliche zu konzentrieren". Dieser Blick aufs Wesentliche zahlte sich in der Tat aus. Goldman sah die Chance in der Krise: Es kassierte mit festverzinslichen Anleihen, jonglierte mit Währungen und Rohstoffen. Und profitierte von den Nöten anderer Banken, die sich auf den Aktienmärkten neues Kapital suchen mussten - wofür Goldman als zeichnende Emissionsbank kräftig Gebühren berechnen konnte. Goldman, schreibt die Analystenfirma Meredith Whitman, sei "eine Bullenaktie für den Bärenmarkt".

Das war immer schon Goldmans Stärke. "Es geht opportune Risiken ein, die andere scheuen", sagte Wall-Street-Historiker Charles Geisst der "New York Times". Eine ironische Entwicklung der Dinge: Risiko führte die Sparte in die Krise - und jetzt soll es sie wieder herausführen. "In vielerlei Hinsicht", sekundiert Analyst Roger Freeman von Barclays Capital, "ist bei Goldman alles beim Alten geblieben".

Zumal Goldman nun wieder schalten und walten kann, wie es will. Nach Rückzahlung der staatlichen Finanzspritze ist es der Regierung keine Rechenschaft mehr schuldig. Selbst unter den neuen Regulierungen, mit denen Washington die Wall Street künftig stärker im Griff halten will: Das Reformpaket wird jetzt schon dank des Einsatzes von Banklobbyisten zerfleddert - und Goldman Sachs ist ganz vorne mit dabei.

Weniger Konkurrenz

Auch die kürzliche Aufregung um die Gehälter und Bonuszahlungen ist bei Goldman schon wieder verflogen. Die Bank gab bekannt, sie habe im zweiten Quartal dieses Jahres 6,7 Milliarden Dollar für Kompensationen und Zusatzleistungen zurückgelegt - und damit fast die Hälfte des Umsatzes. Im ersten Quartal waren es noch 4,7 Milliarden Dollar. Bis Ende des Jahres, so schätzen die Analysten, dürfte Goldmans Gehaltstopf für die 29.400 Angestellten 18 Milliarden Dollar umfassen.

Doch selbst wenn die alten Standards bei Goldman zurückkehrten - ein Ende der Krise sei das noch nicht, schreibt Meredith Whitman. Goldmans Stärke ändere nichts an "unserer anhaltenden, negativen Einschätzung der US-Wirtschaft und der Lage der US-Finanzbranche im allgemeinen". Auch profitiere Goldman von einem automatisch größeren Marktanteil, da etliche Rivalen von der Bildfläche verschwunden seien. "Es ist definitiv weniger Konkurrenz da draußen", sagte auch Viniar.

Das wird diejenigen kaum beschwichtigten, die Goldman seit jeher als die größten Schurken der Wall Street sehen - im Gegenteil. "Bandits of Broad Street" heißen die Goldman-Händler in manchen Kreisen, benannt nach ihrer Adresse in Lower Manhattan. Andere vergleichen sie mit den "Orcs", den gruseligen Kriegern aus J.R.R. Tolkiens Mythentrilogie "Herr der Ringe".

Gerade erst hat sich auch das Magazin "Rolling Stone" in einem langen, kontroversen Artikel über Goldman hergemacht - unter dem vielsagenden Titel: "Die große amerikanische Bubblemaschine." Autor Matt Taibbi beschreibt den Konzern darin als "einen enormen Vampir-Tintenfisch, der sich um das Gesicht der Menschheit gewunden hat und seinen Blut-Rüssel in alles rammt, das nach Geld riecht".

Bei Goldman kommt das erwartungsgemäß nicht gut an. Sprecher Lucas Van Praag nannte Taibbis Bericht "eine hysterische Ansammlung von Verschwörungstheorien" und wies energisch zurück, dass sein Haus "von Krisen profitiert". Zur Untermauerung fügte er noch hinzu: "Wir sind uns schmerzlich bewusst, wie wichtig es ist, eine Kraft des Guten zu sein."



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Seite 1
jinky, 08.07.2009
1.
Zitat von sysopWeltweit kehren die Banken zum gewohnten Geschäft zurück - als hätte es die Finanzkrise nie gegeben. Müssen Wall Street und Londoner City umsteuern oder ist ist die Chance der Branche vertan, der Gier Grenzen zu setzen?
Sie hätten umsteuern müssen bzw. man hätte sie zu einem Umsteuern zwingen müssen.
Pinarello, 08.07.2009
2.
Zitat von sysopWeltweit kehren die Banken zum gewohnten Geschäft zurück - als hätte es die Finanzkrise nie gegeben. Müssen Wall Street und Londoner City umsteuern oder ist ist die Chance der Branche vertan, der Gier Grenzen zu setzen?
Warum sollten diese Gangster umsteuern? Jetzt gibt es doch unbegrenzten Kredit vom Staat der auch noch gleich die Verluste übernimmt! Also dann, warten halt bis zur nächsten Krise, die natürlich weit weit schlimmer werden wird, aber warum sollten denn die Politiker ausgerechnet gegen die Leute was unternehmen, von denen sie bezahlt werden und von denen sie ihre Befehle empfangen, hat doch dieses Mal ausgezeichent geklappt, die Folgen dieses Finanzverbrechens dem arbeitenden Bürger und Steuerzahler in die Schuhe zuschieben, genau so stellt sich die Finanzelite doch die Weltherrschaft vor.
schensu 08.07.2009
3.
Zitat von sysopWeltweit kehren die Banken zum gewohnten Geschäft zurück - als hätte es die Finanzkrise nie gegeben. Müssen Wall Street und Londoner City umsteuern oder ist ist die Chance der Branche vertan, der Gier Grenzen zu setzen?
Pah, als ob da unsere Meinung zählte! Das Ganze ist ein Selbstläufer, abgehoben von bekannten Realitäten zum Nutzen Weniger und ggf. Schaden Vieler. Ich brauch die jedenfalls mal gar nich.
Schelm-77 08.07.2009
4. Die Banken kehren zum gewohnten Geschäft zurück...
Am effektivsten läßt sich die Geldgier der Banker stoppen indem man sie einfach weitermachen läßt. Der nächste Crash wird einen frischen Wind durch die meist hohlen Köpfe der Finanzgenies pusten. Einen neuen weltweiten Rettungsfonds wird es dann mit Sicherheit auch nicht mehr geben. Der normalen Anleger sollte sein Geld allerdings vorher in Sicherheit bringen und in Edelmetalle, Edelsteine oder Immonbilien investieren. Im Zweifelsfalls tut es übergangsweise auch der bewährte Sparstrumpf. Den Banken geht es in erster Linie um ihr eigenes Wohl, dementsprechend sollte auch jeder Bürger erst einmal an sich selbst denken und ein erhöhtes Mißtrauen in Sachen Finanzwirtschaft aufbauen.
THM, 08.07.2009
5.
Zitat von sysopWeltweit kehren die Banken zum gewohnten Geschäft zurück - als hätte es die Finanzkrise nie gegeben. Müssen Wall Street und Londoner City umsteuern oder ist ist die Chance der Branche vertan, der Gier Grenzen zu setzen?
Noch erstaunlicher als die Unfähigkeit dieser Branche ist deren dreiste Gier.
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