Quelle-Gründer Schickedanz soll sich an jüdischem Besitz bereichert haben

Die Vergangenheit holt Quelle ein: Historiker werfen dem Firmengründer Gustav Schickedanz vor, er habe beste Kontakte zu den Nazis unterhalten - und massiv von der Verfolgung jüdischer Unternehmer profitiert.


Berlin/Fürth - Das Versandhaus Quelle bangt um die wirtschaftliche Zukunft. Jetzt aber rückt ein dunkles Kapitel aus der Vergangenheit der Arcandor-Tochter in den Fokus: Nach Informationen des Magazins "Cicero" war Quelle-Gründer Gustav Schickedanz eng in die Machenschaften der Nationalsozialisten verwoben - und bereicherte sich am Besitz verfolgter Juden.

Quelle-Versandzentrum in Leipzig: Dunkle Vergangenheit
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Quelle-Versandzentrum in Leipzig: Dunkle Vergangenheit

Eckart Dietzfelbinger, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, nennt Schickedanz deshalb eine "historisch belastete Person". Er sei das Paradebeispiel eines Unternehmers, der dank seines politischen Opportunismus von den Nazis im Zuge der sogenannten "Arisierung" profitiert habe. Ebenso exemplarisch sei, wie er nach Kriegsende als Mitläufer eingestuft wurde und nahezu unbehelligt blieb.

Es wäre nicht der erste spektakuläre Fall eines deutschen Unternehmens, dessen Nazi-Vergangenheit erst nach Jahrzehnten bekannt wird. So sorgte im Jahr 2007 eine ARD-Dokumentation über die Verstrickungen der Industriellenfamilie Quandt für Aufsehen. Quandt-Firmen hätten Zwangsarbeiter eingesetzt, lautete der Vorwurf.

Andere Konzerne trieben die Aufarbeitung selbst voran. So setzte die Deutsche Bank in den neunziger Jahren eine Historikerkommission ein, die das dunkelste Kapitel der Firmengeschichte erforschen sollte. Zuletzt legte der derzeit ebenfalls um das wirtschaftliche Überleben kämpfende Autozulieferer Schaeffler seine NS-Vergangenheit offen. Der von der Schaeffler-Familie beauftragte Historiker Gregor Schöllgen publizierte seine Forschungsergebnisse im Februar, ebenfalls in "Cicero". Demnach war das Unternehmen tiefer in die Rüstungspolitik der Nationalsozialisten verwickelt, als bis dahin bekannt war. Schaeffler sei nicht nur aus der vormals jüdischen "Davistan AG" hervorgegangen, sondern sei massiv in der Aufrüstung aktiv gewesen und habe dabei auch Zwangsarbeiter beschäftigt.

Im Falle von Quelle geht es jedoch nicht um die Ausbeutung von Kriegsgefangenen und anderen Häftlingen. Gustav Schickedanz soll sich dank seiner NS-Kontakte an vormals jüdischen Unternehmen bereichert haben, die vom nationalsozialistischen Regime "arisiert" wurden. Die ursprünglichen Besitzer wurden enteignet, die Firmen meist regimetreuen deutschen Industriellen übergeben.

Allein zwischen 1933 und 1937 habe Schickedanz zehn Firmen und Grundstücke aus jüdischem Besitz übernommen, sagte Dietzfelbinger. Dazu hätten neben der Vereinigten Papierwerke in Nürnberg-Heroldsberg die Brauerei Geismann in Fürth sowie die Firmen Baum & Mosbacher in Frankfurt, M. Ellern in Forchheim-Stadtsteinach, Ignatz Mayer in Nürnberg, die Kohn'sche Briefmarkensammlung sowie mehrere Grundstücke in Fürth und Forchheim gezählt.

Auch der Historiker Peter Zinke bekräftigte dem "Cicero"-Bericht zufolge die Kritik an Schickedanz. Bereits 2008 habe der Wissenschaftler im Jahrbuch des Nürnberger Institutes für NS-Forschung und jüdische Geschichte die Vorgehensweise des Quelle-Gründers geschildert. Mithilfe seiner Kontakte zur Gauleitung übte Schickedanz demnach Druck auf die jüdischen Besitzer aus. "Die Drohungen führen dazu, dass die Haus- und Fabrikbesitzer zum Verkauf genötigt wurden. Dies hat Schickedanz über einen Zeitraum von mindestens fünf Jahren genutzt", schrieb Zinke.

In seinem Entnazifizierungsverfahren wurde Schickedanz den Angaben zufolge beschuldigt, dass sieben der mehr als neun Millionen Mark seines Vermögens aus jüdischem Besitz stammten. Dies gehe aus einer Klageschrift hervor, schreibt Zinke in einem Aufsatz. 1949 sei Schickedanz als Mitläufer lediglich zu einer Geldstrafe von 2000 Mark verurteilt worden. Nach den Worten Dietzfelbingers war dies ein "gigantischer Persilschein". Man habe den Unternehmer für den Wiederaufbau gebraucht.

In seinem Aufsatz schreibt Zinke, offenbar habe Schickedanz "hervorragende Beziehungen" zur NSDAP unterhalten und auch nicht gezögert, diese dafür einzusetzen, um für sich und sein Unternehmen Vorteile zu erhalten. Er habe gar mit Drohungen Besitzer von Fabriken und anderen Immobilien zum Verkauf genötigt.

Ein Quelle-Sprecher lehnte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE jegliche Stellungnahme zu den Vorwürfen ab.

beb/dpa



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