Quinoa-Anbau Kolumbien, Peru, Bolivien - und Havixbeck

Mehr als 250.000 Tonnen Quinoa werden weltweit jedes Jahr produziert. Der Großteil kommt aus den Anden. Dass es das In-Getreide auch ohne langen Transport gibt, zeigt ein Beispiel aus dem Münsterland.

Maxi Krähling

Von Marie Illner


Die Quinoa-Produkte im Supermarktregal sind weit gereist. Sie kommen aus Kolumbien, Peru oder Bolivien und haben viele Flugstunden hinter sich. Mehr als 95 Prozent der weltweiten Quinoa-Produktion wird in den Anden angebaut, die Südamerika von der Karibik bis Feuerland durchziehen.

Auch das Getreide in dem braunen Beutel mit der Aufschrift "Drerup-Quinoa" könnte einen weiten Weg hinter sich haben - es unterscheidet sich nicht von den übrigen Produkten. Weiß-bräunlich sind die Körnchen und nur zwei Millimeter groß. Und doch erzählen sie eine ganz andere Geschichte: Denn die Drerups sind keine bolivianischen Bauern, sondern leben in Havixbeck, im Münsterland.

Am Fuße der Baumberge liegt ihr erstmals 1752 erwähnter Hof. Auf dem Ackerboden wird seit Generationen im Familienbetrieb gewirtschaftet. Und auch wenn Carolin und Philipp Drerup Tradition und Nachhaltigkeit großschreiben, haben sie ein Stück Peru ins Münsterland geholt und zwischen ihren Mais, Weizen und ihre Gerste gepflanzt.

An den Beginn vor fünf Jahren erinnert sich Philipp Drerup noch genau. Der damalige Student der Agrarwissenschaften machte damals eine Exkursion zu einem Betrieb in Hessen und kam zum ersten Mal mit Quinoa in Kontakt. "Ich habe erfahren, dass Quinoa glutenfrei ist und bin sofort hellhörig geworden", sagt er.

Eine Freundin der Familie leidet unter Zöliakie - einer Glutenunverträglichkeit - und darf etwa keine Gersten- und Weizenprodukte verzehren. Ein paar Quadratmeter am Rand könne er dafür freimachen, denkt sich Drerup damals und recherchiert im Netz über die Wildpflanze. Er telefoniert mit dem hessischen Landwirt, aber der sagt ihm, mit dem Quinoa sei es bei ihm nichts geworden.

Die Wildpflanze ist nicht sehr anspruchsvoll

Philipp und Carolin Drerup wollten es trotzdem versuchen. "Es ist nicht so leicht, an das Saatgut für Quinoa zu kommen, das geht nur über Anbauverträge", sagt Drerup. "Quinoa Deutschland" bietet das Saatgut, der Landwirt baut es an und bekommt die Abnahme der Ernte zugesichert. "Wir haben dann mit einem österreichischen Anbieter einen solchen Vertrag, zunächst für ein bis zwei Hektar, abgeschlossen", sagt Drerup.

Er sitzt an einem hellen Holztisch im Wohnzimmer und blickt aus dem Fenster. "Wir haben viel rumprobiert. Das Saatgut wird im Frühjahr ausgesät und im Spätsommer kann geerntet werden", sagt Carolin Drerup. Relativ schnell habe es geklappt: Fünf Ernten - eine im Jahr - haben die Drerups bereits hinter sich. "Da Quinoa eine Wildpflanze ist, ist sie nicht sehr anspruchsvoll", sagt sie weiter. Ab und zu eine Handbereinigung von Unkraut, ansonsten folge auf die Ernte mit dem Mähdrescher nur noch die Trocknung sowie die aufwändige und kostspielige Reinigung.

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Quinoa: Das Gold der Inkas aus Westfalen

Zwölf Hektar und damit vermutlich den bundesweit größten Bestand im Jahr 2017 bebauen die Drerups mittlerweile. 2,1 Millionen Pflanzen wachsen auf ihren Feldern, von März bis Ende August. Dann mischen sich sattes Grün mit den gelben und roten Blättchen. "Unser Ackerboden ist sandiger Lehm und hat dadurch ein gutes Wasserhaltevermögen und ein aktives Bodenleben", sagt Philipp Drerup, der eine Ausbildung im Saatzuchtbereich gemacht hat und nach dem Studium im Bereich der Pflanzenernährung in selbigem promovierte.

Insgesamt bauen nicht mehr als 60 Landwirte zusammen rund 100 Hektar Quinoa in Deutschland an. Seit acht Jahren beliefern sie den deutschen Quinoa-Markt: Schätzungsweise zwischen 6000 und 7000 Tonnen werden in Deutschland vermarktet, der gesamte Import nach Europa beträgt 25.000 Tonnen. Weltweit werden mehr als 250.000 Tonnen jährlich produziert.

"Quinoa ist immer noch etwas Besonderes"

Das Quinoa verkaufen die Drerups inzwischen nicht mehr nur an den Anbauvertragspartner, sondern auch an Hofläden, Unverpackt-Geschäfte und in einem Online-Shop. "Quinoa ist natürlich immer noch etwas Besonderes", betont Carolin Drerup. Das sogenannte "Gold der Inkas", welches in den Anden seit 5000 Jahren als Kulturpflanze bekannt ist, gilt als ernährungsphysiologisch sehr wertvoll. "Es hat hohe Eiweißwerte und eine einzigartige Aminosäurestruktur", erläutert sie.

Nicht umsonst rief Uno-Generalsekretär Ban Ki-Moon 2013 das "Jahr des Quinoa" aus: Das Lebensmittel ist ein hilfreiches Instrument im Kampf gegen den Welthunger und gilt den Bergvölkern als wichtigstes Grundnahrungsmittel, da Mais in den Höhen nicht mehr angebaut werden kann.

Und auch generell wächst der Markt: Quinoa Deutschland will seine Gesamtfläche künftig auf 200 Hektar verdoppeln - vor allem in Süddeutschland, wo das Klima günstiger ist. Ebenso soll der Einzelhandel ausgebaut werden, derzeit stehen die europäischen Produkte bereits in mehreren hundert Supermarktfilialen. Dennoch orientiert sich die Produktion am Bedarf und ist nicht spekulativ: Der Käufer muss zeigen, dass er regionale Ware möchte.

"Die Nachfrage nach Regionalität wird immer größer"

"Das Geschäft läuft sehr gut, die Resonanz ist extrem positiv", sagt Carolin Drerup. Nicht nur in Gesprächen im Hofladen, sondern auch über den Online-Shop erhalte sie Lob. "Die Nachfrage nach Regionalität wird immer größer", wissen die beiden.

"Ich bin mit Nachhaltigkeit und dem Wissen, dass dieser Boden unser Wirtschaftsgut ist, aufgewachsen", unterstreicht Philipp Drerup. "Davon leben wir. Natürlich will ich da umweltfreundlich wirtschaften." Teile des Stroms kommen bei den Drerups daher aus Photovoltaikanlagen auf den Dächern, Buchen- und Eichenholz aus dem Wald dienen der Beheizung der Wohnflächen und dem Brauchwasser.

Ein Bio-Produkt ist das Drerup-Quinoa allerdings nicht. "Wir verwenden zwar keine Pflanzenschutzmittel, weil es in Deutschland keine für Quinoa zugelassenen Mittel gibt, aber wir haben für den Ackerboden kein Bio-Siegel", sagt Drerup. Dafür habe das Drerup-Quinoa keine Flugstunden hinter sich.

Eine Besonderheit: "Unser Quinoa ist saponinfrei. Es hat also keine Bitterstoffe in der Schale, mit denen sich die Pflanze normalerweise vor dem Fraß wildlebender Tiere schützt", so Drerup. Das Quinoa aus dem Münsterland muss daher nicht technisch geschält oder gewaschen werden und bleibt Vollkornquinoa. Ein Qualitätsvorteil gegenüber der sonst vergleichbaren Importware.

In einen großen Konkurrenzkampf treten wollen die Drerups nicht. "Quinoa bleibt in Deutschland vermutlich ein Nischenprodukt", weiß Carolin Drerup. "Wir haben nicht zum Ziel, am Ende 5000 Supermärkte zu beliefern." Dennoch wüssten zu wenig Menschen, dass es Quinoa auch aus dem eigenen Land gibt. "Oft werden wir ungläubig gefragt, ob wir es im Gewächshaus gezüchtet hätten", sagt sie und lacht.



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bibabuzelmann 02.12.2017
1. Quinoa wird mittlerweile sogar in Schweden angebaut ...
https://www.svt.se/nyheter/lokalt/ost/quiona-odlas-pa-ostgotaslatten
t_mcmillan 02.12.2017
2.
Hatte ich in einer Gartenblumenmischung mal hier in meinem Großstadtgarten. Wächst wie wild. Sehr beeindruckend. Ich hätte auch ernten können. Erstaunlicherweise hatte ich trotzdem nicht im nächsten Jahr den ganzen Garten voll damit. Allerdings... Es gibt hier eine bestimmte Wanzenart, die haben das Ding geliebt. Das hätte mich interessiert, ob es da spezielle Probleme gibt. Diese Wanzen lieben allerdings auch meine Tomaten...
newliberal 02.12.2017
3. Eine Frage lässt der Artikel leider unbeantwortet,
unterscheidet sich westfälisches Qinoa jetzt geschmacklich und körnergrössenmässig vom Andenoriginal ? Wie sieht es preislich im Regal aus, teurer oder billiger ? Wenn geschmacklich identisch und preislich günstiger stehen die beiden Münsterländer vor einem Boom ungeahnten Ausmasses.
maxmarius 02.12.2017
4.
Zitat von newliberalunterscheidet sich westfälisches Qinoa jetzt geschmacklich und körnergrössenmässig vom Andenoriginal ? Wie sieht es preislich im Regal aus, teurer oder billiger ? Wenn geschmacklich identisch und preislich günstiger stehen die beiden Münsterländer vor einem Boom ungeahnten Ausmasses.
Geschmacklich identisch? Ist fast egal, Hauptsache ist, es schmeckt und ist auch von den Inhaltsstoffen her ähnlich wertvoll. Preislich billiger? Ist eine Frage, die mich persönlich ankotzt. Bin aber auch kein neuer Liberaler. Einerseits fällt der Transport weg, dafür höhere Löhne und vermutlich andere Umweltstandards. Über die negativen folgen des Quinoa-Booms für die Bauern in den Anden wurde ja schon berichtet. Eventuell sind ja auch Leute an diesen mit Schuld, deren Priorität ausschließlich auf den eigenen Bedürfnissen liegt. Ob nun in der Gewinnmaximierung oder in "Hauptsache billig".
hausfeen 03.12.2017
5. Kurze Wege sind richtig, die Teilhabe der indigenen Andenvölker ...
... am globalen Reichtum aber auch. Was machen?
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