Rabattstreit Diogenes probt Aufstand gegen Amazon

Der Schweizer Diogenes Verlag und Amazon.de liegen im Clinch: Die Züricher werfen dem Internethändler vor, unanständig hohe Nachlässe einzufordern - und wollen sie nicht mehr einräumen. Amazon schlägt zurück und wirft sämtliche Diogenes-Titel aus dem eigenen Neusortiment, darunter auch Bestseller.


Screenshot von Amazon.de: "Nicht weiter auswringen lassen"

Screenshot von Amazon.de: "Nicht weiter auswringen lassen"

München - An Amazon.de kommt im Buchgeschäft eigentlich keiner mehr vorbei. In ihrem Kernbereich Bücherversand setzt die deutsche Tochter von Amazon.com geschätzte 520 Millionen Euro pro Jahr um - mit rasant steigender Tendenz. Schon werfen Verlage Amazon.de vor, als "Quasi-Monopolist" zu agieren. Je größer die Marktmacht der Internethändlers, so die Kritik, desto höher seien die Preisnachlässe, die von den Verlagen eingefordert würden.

Der Züricher Diogenes Verlag hat nun genug und lässt es auf einen Konflikt ankommen. Die Schweizer wollten den Rabattforderungen nicht mehr nachkommen, schreibt die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Es sei ein Punkt erreicht, an dem man beschlossen habe, "sich nicht weiter auswringen zu lassen", zitiert das Blatt Stefan Fritsch, den kaufmännischen Geschäftsführer bei Diogenes.

Kamikaze-Aktion oder Beispiel für die Branche?

Amazon hat die Konsequenzen gezogen und die Diogenes-Bücher aus der eigenen Verkaufsliste "ausgelistet". Wer derzeit etwa nach einem Roman von Donna Leon sucht, findet nur noch Angebote aus dem Bereich Marketplace, bei dem Amazon lediglich als Zwischenhändler auftritt. Amazon-Sprecherin Christine Höger betont zwar: "Für den Kunden ändert sich nichts." Ihr sei kein Leon-Titel bekannt, der gar nicht mehr erhältlich sei, so Höger zu SPIEGEL ONLINE. Dennoch: Die Diogenes-Titel sind - wenn überhaupt - nur noch über andere Händler erhältlich, teilweise nur in gebrauchtem Zustand.

Diogenes-Manager Fritsch kritisiert laut "FAZ", dass Amazon nur reine Logistik anbiete, während sich stationäre Buchhändler wesentlich mehr für den Verkauf der Bücher engagierten. Die Auslage im Schaufenster oder Präsentation auf Schautischen sei bei kleinen Buchhändlern kostenlos zu haben. Neben Rabatten von bis zu 50 Prozent auf den Ladenpreis verlange Amazon vierstellige Euro-Zahlungen, so die "FAZ", damit Bücher ansprechend präsentiert werden - etwa durch Mailings an Kunden oder mit Cover-Foto auf Übersichtsseiten.

Amazon-Sprecherin Höger wollte zu den genauen Konditionen der Verträge mit den Verlagen keine Stellung nehmen. "Wir wollen das nicht in der Öffentlichkeit debattieren." Die Änderung bei den Diogenes-Büchern sei bereits vor zwei Wochen erfolgt.

Die Weigerung von Diogenes, weitere Zugeständnisse zu machen, könnte Nachahmer finden. Schon spekulieren Branchenkenner, dass sich weitere Verlage anschließen könnten. Ob sich die Unternehmen damit einen Gefallen tun, ist indes fraglich. Diogenes geht vorerst ein bedeutender Absatzkanal verloren. Amazon wiederum kann dem Anspruch nicht mehr genügen, Bücher aller wichtigen deutschen Verlage neu selbst zu verkaufen.



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