Umstrittener Slogan Rassismus-Wirbel um T-Shirts von Aldi in Australien

Wie rassistisch ist die Feststellung, dass Australien 1788 gegründet wurde? Aldi hat nach Aborigine-Protesten T-Shirts mit diesem umstrittenen Slogan aus seinen australischen Filialen entfernt - weil Ureinwohner den Kontinent bereits seit Jahrtausenden besiedeln.

T-Shirts mit dem umstrittenen Schriftzug: Aldi zieht zurück

T-Shirts mit dem umstrittenen Schriftzug: Aldi zieht zurück

Von James Glynn, Wall Street Journal Deutschland


Sydney - Aldi und ein weiterer Einzelhändler haben in Australien den Verkauf von T-Shirts gestoppt, die vermeintlich Aborigines diskriminieren. Die anlässlich des Nationalfeiertags am 26. Januar gedruckten T-Shirts gaben als Gründungsdatum des Landes 1788 an - das Jahr, in dem die ersten europäischen Siedler eintrafen. Das hatte auf sozialen Netzwerken wie Twitter einen Sturm der Empörung ausgelöst.

Am sogenannten "Australia Day" wird der Ankunft der britischen Flotte im Hafen von Sydney gedacht. Die Besatzungen der elf Schiffe unter dem Kommando von Captain Arthur Phillip sollten eine Strafkolonie errichten. Als sein Eigentum hatte Großbritannien den Kontinent erstmals 1770 beansprucht. Für viele der Ureinwohner symbolisiert der Beginn der europäischen Besiedlung den Beginn des Niedergangs ihrer Jahrtausende alten Kultur.

Dieser Artikel ist im Wall Street Journal Deutschland erschienen.
Auf den umstrittenen T-Shirts war der Schriftzug "Australien, gegründet 1788" sowie das Kreuz des Südens gedruckt. Das Sternbild, das sich auch in der Landesflagge wiederfindet, diente Seefahrern auf dem Weg nach Australien zur Orientierung. Auf der Webseite von Aldi waren auch andere patriotische T-Shirts zusehen, allerdings mit weniger umstrittenen Aufdrucken dem Sport-Schlachtruf "Aussie, Aussie, Aussie, Oi, Oi, Oi!".

Zum "Gründungs"-Slogan schreib ein Nutzer auf Twitter: "Wie kann man so ein T-Shirt verkaufen? Das ist rassistisch und falsch." Aldi entschuldigte sich am Mittwoch, ebenfalls via Twitter, für den entstandenen Eindruck. Auf telefonische Anfragen reagierte das Unternehmen nicht.

Für die Entscheidung von Aldi sowie der Kette Big W gab es im Internet Lob und Kritik. Einige bemängelten, hier sei es mit der politischen Korrektheit übertrieben worden. "Es ist dämlich, dass um dieses Thema ein solcher Wirbel entstanden ist", sagt Simon Breheny, Chefredakteur der Webseite Freedom Watch, hinter der ein konservativer Thinktank steht. Es stehe den Unternehmen jedoch zu, die T-Shirts aus dem Handel zu nehmen. "So sollte die Meinungsfreiheit funktionieren".

Bedeutung des Nationalfeiertags im Wandel

Die öffentliche Bedeutung des Australia Day wandelt sich seit einigen Jahren. Verbreitet wird er mittlerweile als Tag der Integration und der Anerkennung von Ansprüchen der Aborigines nach Eigenständigkeit und Landrechten verstanden. 2008 entschuldigte sich der damalige Premierminister Kevin Rudd bei der Urbevölkerung für die Entführung von Kindern, die bei weißen Familien aufgezogen wurden - die so genannte "gestohlene Generation". Die Erklärung von Rudd war ein wichtiger Teil des Aussöhnungsprozesses, der nicht immer störungsfrei verlief.

Am Australia Day 2012 lösten Demonstrationen von Aborigines einen Sicherheitsalarm aus. Die damalige Regierungschefin Julia Gillard und der aktuelle Premier Tony Abbott wurden von Aktivisten in einem Restaurant belagert. Gillard verlor bei der Rettung durch ihre Leibwächter einen Schuh, was in australischen Medien ausgiebig beleuchtet wurde.

"1788 ist zum Symbol rechter Gruppierungen geworden"

Der Multikulturalismus ist ein Grundpfeiler der Einwanderungspolitik, seitdem die sogenannte "White Australia"-Politik Anfang der 1970er Jahre abgeschafft wurde. Doch in Einzelfällen kommt es immer mal wieder zu Problemen. 2012 lieferten sich in Sydney Muslime, angeheizt von einem islamkritischen, Film Auseinandersetzungen mit der Polizei. Der Vorfall löste eine Debatte über Einwanderung und die wachsende muslimische Präsenz im Westen der Großstadt aus.

2005 kam es um Badeort Cronulla im Süden von Sydney zu gewaltsamen Ausschreitungen, nachdem weiße Australier einen vermeintlich aus dem Nahen Osten stammenden Mann angriffen. Im Melbourne wurden in den vergangenen Jahren wiederholt Attacken auf indische Studenten registriert. Es kam zu diplomatischen Spannungen. Auslandsstudenten sind für die australischen Hochschulen wichtig.

Nareen Young, Chefin des Diversity Council of Australia, das die Regierung zum Thema Vielfalt am Arbeitsplatz berät, erklärte, die Jahreszahl 1788 sei zum Symbol rechter Gruppierungen in Australien geworden. "Aldi hat vielleicht nicht gewusst, worauf sie sich da einlassen", sagte Young. "Es sind extremistische Randgruppen, die immer wieder betonen, dass Australien 1788 gegründet wurde. Es ist bekanntermaßen ein sensibles Thema."

Tim Bartram, Wirtschaftsprofessor an der La Trobe Universität in Melbourne, hält die T-Shirts ebenfalls für anstößig. "Australien ist seit Jahrtausenden besiedelt", sagte er. "Ich war schockiert, dass jemand so etwas auf ein T-Shirt druckt."

Originalartikel auf "Wall Street Journal Deutschland"



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insgesamt 43 Beiträge
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Seite 1
guttmensch 09.01.2014
1. In Deutschland
Würde ALDI niemals so etwas öffentlich kommentieren, da gebe es keine Stellungnahme zu nichts. Das Ding scheint hier ja wohl eher der Wertewandel der australischen Gesellschaft zu sein als ein Fehler des Discounters.
gisela.schwan 09.01.2014
2. Fehlinformation
Die Cronulla Riots 2005 (siehe zB Wiki) begannen, nachdem Männer mit Abstammung aus dem Mittleren Osten "weiße" Rettungsschwimmer am Strand angriffen. Unglaublich, dass Der SPON hier die Kausalität einfach umdreht. Ich schlage vor, dass das korrigiert wird.
gog-magog 09.01.2014
3.
Zitat von sysopWie rassistisch ist die Feststellung, dass Australien 1788 gegründet wurde? Aldi hat nach Aborigine-Protesten T-Shirts mit diesem umstrittenen Slogan aus seinen australischen Filialen entfernt - weil Ureinwohner den Kontinent bereits seit Jahrtausenden besiedeln. http://www.spiegel.de/wirtschaft/rassismus-wirbel-um-t-shirts-von-aldi-in-australien-a-942646.html
Irgendwie wird dieser so genannte "Aufschrei" auf mich reichlich geheuchelt, angesichts der nicht zu verleugnenden Tatsache, dass die weißen Australier die Ureinwohner noch vor wenigen Jahren abgrundtief gehaßt und verachtet haben. Jeder weiß, dass die Kolonialisten an den Aboriginees in Australien und Tasmanien einen der grausamsten Völkermorde der Menschheitsgeschichte zu verantworten haben. Wenn jemand das Recht zum Protest hat, dann die Ureinwohner. Aldi tut gut daran, die Shirts dann aus dem Sortiment zu nehmen.
Airkraft 09.01.2014
4. Mit 1788...
Mit 1788 ist das Jahr der Staatsgründung und nicht das Jahr seit dem der Kontinent besteht gemeint. Der Kontinent war auch schon lange vor den Aborigine - wenn auch an einer andern Stelle auf der Erdkugel ;-)
schmuellöffelholz 09.01.2014
5. @guttmensch
Was denken Sie denn wäre in den USA los, wenn da jemand auf eine solche Idee käme? Welches Datum hätte Sie denn gern? Oder in Deutschland? Europa? Nein, ich finde diese Idee geschmacklos und diskriminierend - Benetton hat sich auch schon an den eigenen Exkrementen verschluckt. Ich kreide das mal wieder der mangelnden Bildung an, aber was soll's? Solche Leute werden gut bezahlt von Leuten, die auch keine Bildung besitzen. Alle Jahre wieder ...
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