Rating-Agenturen Die böse Macht der Krisen-Katalysatoren

Rating-Agenturen haben eine enorme Macht: Sie lenken den Fluss von Milliardensummen. Wie ihre Bewertungen zustande kommen, ist ihr großes Geschäftsgeheimnis. Doch in der US-Immobilienkrise lagen sie schon wieder daneben - wie zuvor im Fall Enron.

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Hamburg - Der "New York Times"-Kolumnist Thomas Friedman schrieb schon vor etwa einem Jahrzehnt, seiner Meinung nach gebe es heute zwei Supermächte. Erstens die Vereinigten Staaten von Amerika, zweitens die Rating-Agentur Moody's. "Und glauben Sie mir, es ist keinesfalls sicher, wer der Mächtigere von beiden ist." Moody's ist neben Standard & Poor's und Fitch Publishing Company eine der drei Großen der Branche.

Diskutierende Aktienhändler an der Wall Street: Wie groß ist der Spielraum der Rating-Agenturen?
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Diskutierende Aktienhändler an der Wall Street: Wie groß ist der Spielraum der Rating-Agenturen?

Die US-Immobilienkrise hat viel mit unüberlegtem Handeln, Hoffen auf das schnelle Geld, Ausnutzen guter Gelegenheit zu tun. Jahrelang fachte die US-Notenbank mit ihrer Niedrigzinspolitik den Häuserboom in den USA an: Banken vergaben massenhaft Kredite an Menschen, die sie sich eigentlich nicht leisten konnten, und verkauften die Kredite weiter an Investoren, die diese in ihr Portfolio aufnahmen. Das Risiko lag damit nicht mehr bei den Kreditgebern, sondern am Kapitalmarkt. Die Rating-Agenturen bewerteten die entsprechenden Fonds zu lange zu gut - und stuften sie innerhalb weniger Tage zurück, als längst klar war, dass viele Kredite nicht zurückgezahlt werden würden. Panikartig zogen Investoren ihr Geld aus den Fonds. Plötzlich war die Krise da.

Rating-Agenturen tragen für einige Experten als Lieferanten von Informationen für Kapitalanleger zumindest eine Mitschuld an der US-Immobilienkrise, die gerade weltweite Kursstürze an den Börsen und milliardenschwere Geldspritzen der Notenbanken zur Folge hat. "Die Agenturen haben Ratings vergeben, die sie nicht hätten vergeben dürfen", sagt der Bankexperte Ekkehard Wenger, BWL-Professor in Würzburg. "Das hat wiederum dazu geführt, dass Kredite vergeben wurden, die nicht hätten vergeben werden dürfen. Ohne Rating-Agenturen wäre die heutige Situation in diesem Ausmaß niemals möglich gewesen."

So wie im Fall Enron. Jahrelang bewerteten die Agenturen den Energiekonzern als soliden Schuldner. Noch fünf Tage vor der Insolvenz bescheinigten Standard & Poor's und Moody's dem Konzern eine gute Bonität.

Wenger weist darauf hin, dass die Agenturen häufig von ihren Auftraggebern bezahlt würden. "Insofern muss man ihre Bewertungen von vornherein kritisch sehen", sagt er. "Das ist wie bei den Wirtschaftsprüfern, die auch von denen bezahlt werden, die sie prüfen sollen. Natürlich hat das Einfluss auf das Urteil."

Studien zufolge hinken die Rating-Agenturen mit ihren Bewertungen hinter Entwicklungen her, sagt Wenger. "Gerade in Krisenzeiten, ob bei Betrieben oder in gesamtwirtschaftlicher Sicht, sind diese Agenturen nicht in der Lage, frühzeitig korrekte Bewertungen abzugeben." Erst wenn die Kurse gefallen seien, würden auch die Bewertungen herabgestuft. "Aus meiner Sicht sind Bewertungen von Rating-Agenturen nicht sonderlich nützlich."

Die Agenturen weisen eine Mitverantwortung von sich. Ihre Bewertungen seien lediglich Meinungen, die veröffentlicht würden. Dies sei im Rahmen der Meinungsfreiheit zulässig, heißt es aus Mitarbeiterkreisen der großen Agenturen. "Wir sind nicht dafür verantwortlich, wie andere sich aufgrund der von uns veröffentlichten Informationen verhalten", sagt einer.

Christina Bannier von der Frankfurt School of Finance & Management sieht das anders. "Es ist klar, dass sich viele Marktteilnehmer an den Ratings ausrichten. Auf Kapitalmärkten haben wir sehr häufig die Situation, dass es Sinn macht, sich ähnlich zu verhalten wie man es auch von anderen vermutet."

Subprime

Als Subprime werden Schuldner mit niedriger Bonität bezeichnet, arme Menschen, die sich den Kredit, den sie aufnehmen, eigentlich nicht leisten können. Dieser Sektor des Kreditmarktes entwickelte sich seit Anfang Juni 2003 in den USA, nachdem der damalige US-Notenbank-Chef Alan Greenspan den Leitzins auf ein Prozent abgesenkt hatte. Dadurch nahmen plötzlich viele Menschen Kredite für Hypotheken auf - ohne zu bedenken, dass sie diese später, bei höheren Zinsen, wieder zurückzahlen müssten. Derzeit sind weltweit noch Ramschhypotheken im Wert von 1,8 Billionen Dollar im Umlauf.

Ratings, sagt die Expertin für Mittelstandsfinanzierung, stellten also sehr wohl eine Art kritische Stellschraube dar, weil sie zu einem koordinierten Verhalten führen würden. Von einer "Mitschuld" an der derzeitigen Immobilienkrise mag Bannier aber nicht sprechen. "Ich denke, die Rating-Agenturen sind sich ihrer Verantwortung sehr wohl bewusst."

Unklar bleibt nur, wie die Bewertungen der Kreditwürdigkeit zustande kommt. Die Sprecher der Agenturen verweisen hier auf "mathematische Formeln" und unabhängige Kriterien, die angelegt würden. Den Vorwurf, Agenturen würden im Sinne ihrer Auftraggeber bewerten, weist ein Moody's-Mitarbeiter von sich. Der Ruf der Agentur hänge von der Zuverlässigkeit der Bewertungen ab, jedes Abweichen von strengen Kriterien sei nicht im Sinne der Sache. Daher sei die "veröffentlichte Meinung wohlbegründet".

Für Außenstehende bleibt unklar, wo Mathematik aufhört und wo Meinung anfängt. Experten zufolge haben die Agenturen einen Spielraum für ihre Bewertung. Wie groß der ist, bleibt das Geheimnis der Rating-Agenturen.



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