Razzia bei Krisenbank BKA ermittelt auch gegen KfW-Chef Schröder

Aufregung bei der KfW: Kriminalisten haben die Frankfurter Geschäftsräume des Instituts durchsucht. Anlass ist die Überweisung an die US-Pleitebank Lehman Brothers. Staatsanwaltschaft und BKA ermitteln wegen des Verdachts auf Untreue - auch gegen KfW-Chef Schröder.


Frankfurt am Main - Bei einer Razzia im Haus wird offenbar viel telefoniert. Am Mittwochmittag jedenfalls sieht man sie vielerorts durch die großen Glasfenster der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW): Männer, die herumgehen und ihr Handy konzentriert ans Ohr halten.

KfW in Frankfurt: Die Ermittler kamen unauffällig
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KfW in Frankfurt: Die Ermittler kamen unauffällig

Seit dem Morgen um 10.30 Uhr sind die Ermittler nun da, geschickt von der Staatsanwaltschaft Frankfurt und dem Bundeskriminalamt (BKA). Sie sind so unauffällig gekommen, dass selbst die Mitarbeiter im nebenan gelegenen Palmengarten nichts bemerkten. "Keine schwarzen Limousinen, keine Polizeiautos - nichts", wundert einer sich, der den Eingang der KfW eigentlich immer im Blick hat. Eine "kleine Gruppe", wie ein KfW-Sprecher sagt - laut Staatsanwaltschaft sind es nur zwei Kollegen und eine kleine Zahl von BKA-Beamten.

Die Ermittler suchen Belege dafür, ob Vorstände der Staatsbank die Überweisung vom 15. September dieses Jahres an Lehman Brothers nicht hätten verhindern müssen. Die KfW, die dem Bund zu 80 Prozent und den Ländern zu 20 Prozent gehört, hatte rund 320 Millionen Euro an die US-Investmentbank überwiesen - die zu diesem Zeitpunkt bereits pleite war.

Nun wird wegen des Verdachts der Untreue gegen einen Abteilungsleiter sowie fünf Vorstände ermittelt - auch KfW-Chef Ulrich Schröder ist im Visier der Ermittler. Zwei der von den Untersuchungen betroffenen Führungskräfte - Detlef Leinberger und Peter Fleischer - wurden bereits fristlos wegen des Skandals entlassen.

Die Ermittlungen fußen auf mehr als einem Dutzend Strafanzeigen, die zunächst anhand von KfW-Revisionsberichten strafrechtlich überprüft worden seien, sagte Oberstaatsanwältin Doris Möller-Scheu. "Es gibt einen Anfangsverdacht der Untreue."

Die Razzia sei lediglich der notwendige "Ortstermin", um bei den Untersuchungen voran zu kommen, sagt KfW-Sprecher Wolfram Schweickhardt, der sich vor der Bank den wartenden Reportern und Kamerateams stellt. Er ist sichtlich nervös. Die rechte Hand hat er in der Anzughose versteckt, mit der linken hält er sich an einer schwarzen Kladde fest. Ein Fernsehredakteur bittet ihn um eine detaillierte Beschreibung der Untersuchungen. Es fänden "Gespräche" statt, ist alles, was Schweickhardt dazu sagen will. Und dass man kooperiere und alle notwendigen Dokumente überreicht habe. Die Razzia sei ein "ganz normaler" Vorgang, versucht er dann noch den verheerenden Eindruck, den die Untersuchungen auf die Öffentlichkeit machen, irgendwie abzumildern.

Dabei war die Empörung schon groß, bevor die Beamten am heutigen Mittwoch bei der KfW vorfuhren. Ein Mitarbeiter des Palmengartens scheint auszusprechen, was wohl viele Bürger denken: "Die verzocken 300 Millionen, und wir müssen zahlen." Viele seiner Kommilitonen hätten schwer zu kämpfen, weil die Förderbank für ihre Ausbildungskredite plötzlich sieben Prozent Zinsen verlange, sagt der Student. Angefangen habe das Geldinstitut mit 2,5 Prozent. Sein Bild von Bankern sei inzwischen ziemlich mies.

"Es geht um reine Geschäftsvorgänge"

Immerhin: "Es geht nicht um den Verdacht der persönlichen Bereicherung, sondern um reine Geschäftsvorgänge", sagte Staatsanwältin Möller-Scheu. Die Privatwohnungen der Beschuldigten werden laut Justiz deshalb nicht durchsucht. Die KfW habe bislang gut kooperiert, so dass es sich bei den Durchsuchungen um eine Vorsichtsmaßnahme handle.

KfW-Chef Schröder fand zudem bereits Mitte September ziemlich offene Worte zu der teuren Überweisungspanne. Die verantwortlichen Abteilungen hätten das Risiko einer Insolvenz bei Lehman falsch eingeschätzt und das Geschehen über das Wochenende aus den Augen gelassen, sagte er. "Die Ausführung der Zahlung hätte am Wochenende oder am frühen Montag gestoppt werden müssen. Und da setzen zu Recht die Vorwürfe ein."

Trotzdem: Der peinliche Fehler kratzt an der Glaubwürdigkeit der Bank. Zumal es nicht das erste Mal war, dass die KfW im Rahmen der Finanzkrise in die Bredouille geriet. Die Förderbank war bereits über ihre Beteiligung an der Düsseldorfer Mittelstandsbank IKB in Turbulenzen geraten. Im Sommer 2007 geriet die Tochter als erste deutsche Bank wegen der Finanzkrise in Schieflage. Eine IKB-Gesellschaft in Dublin hatte sich mit minderwertigen Hypothekenpapieren aus den USA verspekuliert. Nur mit Hilfe mehrerer Rettungspakete im Volumen von insgesamt rund zehn Milliarden Euro konnte sie vor dem Untergang bewahrt werden. Hauptgeldgeber als damals größter Aktionär war die KfW.

Nach monatelangen Verhandlungen ging die IKB im August 2008 schließlich für nur gut hundert Millionen Euro an den US-Investor Lone Star - zur Erleichterung der KfW, die wegen der Rettungsmaßnahmen selbst in tiefrote Zahlen gerutscht war. Der Bundesrechnungshof hatte jedoch der KfW für ihr Engagement bei der IKB Regelverstöße vorgeworfen und obendrein Mängel in den für die Förderbank zuständigen Finanz- und Wirtschaftsministerien kritisiert. Vorstandschefin Ingrid Matthäus-Maier - die Vorgängerin von Schröder - kostete die Krise um das Milliardengrab IKB den Posten.

Mit Material von AP und dpa



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