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18. Februar 2008, 19:06 Uhr

Razzia gegen Steuersünder

Steuerfahnder nehmen Privatbanken ins Visier

Von , Frankfurt

Bislang galt das Traditionsinstitut als hochseriöse Adresse, doch jetzt hat der Skandal um deutsche Steuersünder das Bankhaus Metzler eingeholt. Steuerfahnder filzten Filialen in Frankfurt am Main und München - und es war nicht die einzige Bank, die Teil der großangelegten Razzia wurde.

Frankfurt am Main - Als er um 8.50 Uhr aus dem Auto sprang, wirkte Friedrich von Metzler gestern noch sehr entspannt. Schwungvoll stieg er im Schatten der Frankfurter Bankentürme aus der silbergrauen Mercedes-Limousine, deren Nummernschild mit der Gute-Laune-Buchstabenfolge F-UN beginnt, winkte noch kurz einem Passanten zu und verschwand kurz darauf durch die Eingangsdrehtür hinter die grünen Sicherheitsglasscheiben des Bankhauses.

Passantin vor dem Bankhaus Metzler: Wollten nie deutsche Anleger ins Ausland bewegen
DPA

Passantin vor dem Bankhaus Metzler: Wollten nie deutsche Anleger ins Ausland bewegen

Dort dürfte der Fun-Faktor des Bankiers ziemlich bald gegen Null gegangen sein - spätestens als die Pförtnerin der Privatbank den höheren Etagen meldete, dass einige diskrete Herren von der Steuerfahndung um Einlass bitten und einige Unterlagen anzuschauen trachten. Nach kurzer Wartezeit vor einem hellblauen Sofa und einem schweren Ölgemälde mit einer Frankfurter Stadtansicht wurden die Fahnder schließlich nach oben gebeten – und waren am Ende des Arbeitstages offensichtlich recht zufrieden mit ihrer Ausbeute.

Der Besuch der Fahnder bei der exklusiven Frankfurter Privatbank war Teil einer bundesweiten Razzia, bei der gestern Privat- und Büroräume sowie mehrer Villen in Hamburg, München, Frankfurt, Stuttgart und Ulm durchsucht wurden. An dem Großeinsatz der Staatsanwaltschaft waren nach Informationen des SPIEGEL insgesamt 37 Steuerfahnder, acht Staatsanwälte und einige hundert Polizeikräfte beteiligt.

Metzler gilt als hoch seriös

Durchsucht wurden sowohl das Haupthaus des Traditionsinstituts im Frankfurter Bankenviertel als auch die Metzler-Filiale am Münchner Odeonsplatz. Die Privatbank mit rund 750 Mitarbeitern gilt in Deutschland als eine der ersten Adressen für die Verwaltung großer und sehr großer Privatvermögen. Im vergangenen Jahr feierte die Bank ihr 333-jähriges Bestehen als Familienunternehmen.

Tatsächlich gilt Firmenchef Friedrich von Metzler in Frankfurt als hoch angesehener Geschäftsmann und engagierter Mäzen. Vor einem halben Jahr noch sagte er in einem Interview zum Thema Steuerflucht, seine Bank habe "nie als deutsches Haus deutsche Privatanleger ins Ausland bewegen wollen". Deshalb sei sein Institut auch "eine der wenigen deutschen Banken, in der noch nie eine Steuerfahndung stattgefunden hat". Letzteres zumindest stimmt seit heute nicht mehr.

Auch Hauck & Aufhäuser betroffen

Die konzertierten Razzien waren allerdings noch lange nicht das Ende der wohl größten Steuerfahndungsaktion der deutschen Geschichte: Insgesamt sind für diese Woche 125 Durchsuchungen geplant, weitere Durchsuchungsaktionen würden außerdem vorbereitet. Laut der "Süddeutschen Zeitung" ist heute auch die Münchner Niederlassung der Frankfurter Privatbank Hauck & Aufhäuser durchsucht worden.

"Ja, wir haben Besuch bekommen", sagte Unternehmenssprecherin Silke Roth der Zeitung. Über Umfang und Dauer der Durchsuchung wollte sie keine Angaben machen, ebenso wenig, ob die Bank selbst beschuldigt wird oder ob es sich um eine sogenannte "Durchsuchung bei Dritten" gehandelt habe.

Dabei ist das Frankfurter Bankhaus nicht zum ersten Mal wegen zwielichtiger Geschäfte in den Schlagzeilen: Der CDU-Finanzjongleur Horst Weyrauch hatte alle Transaktionen der CDU-Spendenaffäre über Konten von Hauck & Aufhäuser abgewickelt.

Auch die Dresdner Bank in München wurde von Ermittlern durchsucht, wie ein Konzernsprecher bestätigte. Die Konzernzentrale in Frankfurt und andere Niederlassungen der Allianz- Tochter waren nach seinen Angaben nicht von der Steuerrazzia betroffen. Zu Details wollte sich der Sprecher nicht äußern.

Insgesamt liegen dem Finanzministerium die Daten von rund tausend mutmaßlichen Steuersündern vor. Um einer möglichen Haftstrafe zu entgehen, greifen viele Steuersünder nun zu dem Mittel, das der Bundesfinanzminister vergangene Woche selbst vorgeschlagen hat: die Selbstanzeige

Panik macht sich breit, das merken auch die Ermittler: "Es rappelt jetzt mit Selbstanzeigen", zitiert das "Handelsblatt" einen Strafverfolger. Die Anwälte der Betroffenen legten offenbar Sonderschichten ein. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis die ersten prominenten Namen bekannt würden. Es gehe quer durch alle Schichten. Auch das Finanzministerium hatte erklärt, es werde gegen "sehr viele" bekannte und weniger bekannte "Leistungsträger" ermittelt.

Dabei machte das Ministerium klar, dass es die beliebte Ausrede, Steuern hinterziehe doch schließlich jeder, nicht gelten lassen wird: Die fraglichen Steuersünder seien nichts als gewöhnliche Kriminelle und somit keinen Deut besser als "Diebe, Räuber und Hehler", sagte der Sprecher des Ministeriums, Torsten Albig.

Zahlenmäßig erfasst sind die Selbstanzeigen allerdings noch nicht, wie die bayerischen Finanzbehörde heute mitteilte. Das sei nicht üblich, sagte eine Sprecherin des Bayerischen Landesamtes für Steuern. Sollte eine Welle von Selbstanzeigen kommen, würde sie aber wohl bei den Finanzämtern auffallen. Dafür sei es allerdings bisher noch "viel zu früh", sagte die Sprecherin.

Geleitet wird der bundesweite Großeinsatz von der Bochumer Staatsanwaltschaft und der Steuerfahndung in Wuppertal, genau wie schon am vergangenen Donnerstag bei der Durchsuchung bei dem inzwischen zurückgetretenen Post-Chef Klaus Zumwinkel. Die Bochumer Behörde ist nicht unbekannt, der frühere Justizminister von Nordrhein-Westfalen sagte einmal: "Mit dieser Staatsanwaltschaft kann man einen Krieg gewinnen." Tatsächlich beruht der Ruf der Behörde auf ihrer Abteilung 35, der Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftsstrafsachen.

"Mentalität von Großwildjägern"

Die Ermittler gelten als besonders zupackend. Verteidiger werfen den Oberstaatsanwälten und Staatsanwälten die "Mentalität von Großwildjägern" vor.

Trotz des Medienrummels, den die spektakuläre Hausdurchsuchung bei Zumwinkel ausgelöst hatte, gelang es den Bochumer Ermittlern heute, ihre Durchsuchungen in Ruhe zu starten. Nach Informationen des SPIEGEL waren die beteiligten Einsatzkräfte schon gestern Abend an ihren jeweiligen Einsatzorten eingetroffen, bevor sie heute Morgen nach einer kurzen Vorbesprechung ihre neuerlichen Einsätze starteten. Durchsucht wurden in den einzelnen Städten Privat- und Geschäftswohnungen von wohlhabenden, aber nicht prominenten Bürgern.

Zumwinkel war vergangene Woche der Erste gewesen, bei dem die Ermittler Haus und Büro filzten. Er steht laut der Bochumer Staatsanwaltschaft im Verdacht, mittels Geldanlagen in liechtensteinische Stiftungen Steuern von rund einer Million Euro hinterzogen zu haben. Gegen den 64-Jährigen wurde Haftbefehl erlassen, aber gegen Kaution außer Vollzug gesetzt.

Hintergrund der wohl größten Aktion gegen Steuerhinterziehung in der Geschichte der Bundesrepublik ist eine CD-ROM mit umfangreichen Daten über Personen, die über das Fürstentum Liechtenstein Steuern hinterzogen haben. Die Bundesregierung hatte die CD für rund fünf Millionen Euro von einem Informanten erworben, wahrscheinlich einem ehemaligen Mitarbeiter einer Liechtensteiner Bank, der sich an den Bundesnachrichtendienst (BND) gewandt hatte.

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