Reform des Finanzsystems: Was der Westen wirklich unternehmen muss

Viele Worte, viele Versprechen, viel Harmonie: Der Weltfinanzgipfel war eine Show der Einigkeit in Zeiten der Krise. Doch Absichtserklärungen reichen nicht. SPIEGEL-ONLINE-Experte Willi Semmler analysiert, was jetzt folgen muss - ein tiefer Eingriff in die Märkte.

Washington/New York - Immerhin: Ein klares Ergebnis hat der Finanzgipfel in Washington am Wochenende geliefert. Unter dem Eindruck des weltweiten Banken- und Börsenbebens wollen die wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G20) eine neue globale Finanzarchitektur entwerfen. Die Grundpfeiler dafür sollen bereits innerhalb weniger Monate stehen. Erklärtes Ziel: Eine derartige Krise soll sich auf keinen Fall wiederholen.

Börsianer in New York: G20 muss reformieren
REUTERS

Börsianer in New York: G20 muss reformieren

Jetzt kommt es darauf an, mit welchen Maßnahmen die Staaten das Ziel erreichen wollen. Die Gipfelbeschlüsse geben dafür erste Hinweise, die in die richtige Richtung gehen: Stärkung von Transparenz und Berechenbarkeit, Verbesserung der Finanzmarktregeln, Förderung von Vertrauen in Finanzmärkte, Verstärkung der internationalen Kooperation und Reform von IWF, Weltbank und anderen Finanzinstitutionen.

Diese Absichtserklärungen wollen die beteiligten Länder nun weiter ausarbeiten bis zum nächsten Treffen der G20 in 100 Tagen. Tatsächlich müssen sie sich auf bestimmte Schwerpunkte konzentrieren, deren Reform die Finanzwissenschaft bereits seit langem diskutiert.

Spekulationsblasen vermeiden: Expansion und Einbruch des Finanzsektors verliefen nach dem typischen Boom-Bust-Zyklus. Dahinter stecken allzu hohe Erwartungen an die Kurse bestimmter Vermögenswerte. Investoren kaufen sich in Hoffnung auf einen lang anhaltenden Aufschwung ein. Schnell können sich Kurse dann von den reellen Werten weit entfernen. Umso größer und rasanter fällt später die Wertkorrektur aus.

Im Falle der Finanzkrise regte der US-Immobilienmarkt die Phantasie der Investoren an. Gepaart mit einer starken Liberalisierung der Märkte in den USA und in anderen Ländern führte der Häuser-Boom zu exzessiven Praktiken und hohen Gewinnen, denen nun hohe Abschreibungen folgen.

Boom-Bust-Szenarien gab und gibt es auch in anderen Bereichen: in der Ölbranche, der Autoindustrie, der Stahlindustrie, während des Technologiebooms der neunziger Jahre und neuerdings bei den Rohstoffen. In all diesen Bereichen wurden allerdings auch produktive Kapazitäten zurückgelassen, als die Blase platzte. Nicht so im Bankensektor. An die ruhmreichen Zeiten erinnern höchstens noch die luxuriösen Konzernzentralen. Boom-Bust-Zyklen können nicht vollständig beseitigt werden, aber sie sollten vor allem im Finanzsektor begrenzt und deren negative Ausfälle verhindert werden.

Finanzprodukte regulieren: Die extensive Deregulierung der Finanzmärkte ging einher mit der unkontrollierten Nutzung von neuen Produktinnovationen, wie Mortgage Backed Securities (MBS) und Collataralized Debt Obligation (CDO). Diese Papiere nutzten die Banken in unlizenzierter und gefährlicher Weise. Die Preisbildung war wenig transparent, das Risikomanagement nicht ausreichend.

Dabei arbeiten auch andere Branchen mit neuen Innovationen. Allerdings sichern Unternehmen sich und ihre Kunden qua gesetzlicher Vorgaben besser ab. Bei pharmazeutischen Produkten etwa wird die Öffentlichkeit geschützt durch Tests und Prüfung der Produkte von unabhängigen Sachverständigen und durch kontrollierte Zulassung.

Komplexe Wertpapiere sind nicht anders zu bewerten. Eine der wichtigsten Regulierungsforderungen sollte daher sein, dass solche Finanzmarktprodukte auch eine Testphase durchlaufen und lizenziert werden sollten. So könnten faire Preisbildung und neue Methoden des Risikomanagements ausprobiert werden.

Märkte kontrollieren: Die Finanzaufsicht sollte umfassend sein und auf den Schattenbankenbereich ausgedehnt werden. Gerade hier hatte sich eine gefährliche Entwicklung angebahnt, indem unregulierte Investmentbanken, Hedgefonds und Private-Equity-Unternehmen große Summen bewegten. In den USA haben sich diese Akteure seit langem der Registrierung bei der Finanzmarktaufsicht SEC entzogen. Hedgefonds etwa entgingen der behördlichen Regulierung, indem sie sich als Institution erklärten, die keine Einlagen vom öffentlichen Publikum haben, sondern nur Privateinlagen managen. Diese gefährliche Lücke muss dringend geschlossen werden.

Verschuldung verringern: Kreditexpansionen - und Überexpansionen - zum Kauf von Investitions- oder Konsumgütern gibt es immer und überall. Doch in der Finanzbranche wurden die Kredite im Übermaß für den Kauf von Wertpapieren genutzt. Die hohe Verschuldung, um komplexe Wertpapiere aufzukaufen, führte zu riskanten Bilanzen. Die Unsicherheit über die tatsächliche Verschuldung der Institute wiederum brachte den Interbankenhandel zum Stillstand, die Geldhäuser liehen sich kein Kapital mehr. Die Kontrolle von tragbarer Verschuldung ist daher wichtig, insbesondere wenn komplexe Wertpapiere im Spiel sind.

Rücklagen anpassen: Die Eigenkapitaldecke der Banken muss sich den Boom-Bust-Zyklen anpassen, und zwar antizyklisch. Im Aufschwung sollten die Verlustrücklagen der Banken ansteigen, um sie dann in der Rezession nutzen zu können. Bislang folgen die Finanzmärkte dieser Praxis kaum. Dies führt aber gerade dann zur Verknappung und Verteuerung von Krediten, wenn sie am meisten gebraucht werden. Antizyklische Verlustrücklagen verhindern das.

Verantwortung ausweiten: Die persönliche Haftbarkeit von Bankmanagern für die korrekte Bewertungen ihrer Bilanzen sollte ausgedehnt werden. Experten weisen darauf hin, dass eine solche persönliche Haftbarkeit, die in den USA nach dem Enron–Fall im Jahre 2002 durch das Sarbanes-Oxley-Gesetz für die Rechnungslegung und Bilanzen der Unternehmen eingeführt wurde, auch im Finanzsektor gelten sollte. Auch die Deckelung der Gehälter im Bankengeschäft wäre hilfreich, um Exzesse zu vermeiden.

Vor allem wenn Staaten die Finanzbranche durch massive Liquiditätsversorgung, Kredit- und Einlagegarantien retten, müssen im Gegenzug Regulierung und Aufsicht deutlich verstärkt werden. Ein Weg wäre der Einzug von staatlichen Vertretern in die Aufsichtsräte der entsprechenden Finanzmarktinstitutionen. Dies schulden die Beteiligten dem Steuerzahler, der letztendlich das Geld bereitstellt.

Dies sind nur einige Vorschläge, die Experten bereits länger diskutieren. Sie sollten nun ernst genommen werden, wenn es um die Diskussion der neuen globalen Finanzmarktarchitektur geht. Ob und wie sie umgesetzt werden, hängt jetzt von den Folgetreffen der G20 ab.

Allerdings hat die US-Regierung schon im Vorhinein vor zu viel Regulierung gewarnt. George W. Bush favorisiert weiter marktkonforme Regelungen und lehnt Eingriffe ab, wie sie etwa Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy forderte. Auch die Vorschläge der internationalen Koordination und Finanzaufsicht gehen der Bush-Administration zu weit. Dafür ist aber die übliche Warnung vor Protektionismus in der Abschlusserklärung zu finden.

Möglicherweise aber bewegen sich die USA doch noch. Beim nächsten Gipfel wird nicht Bush Amerika vertreten - sondern dessen Nachfolger Barack Obama.

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1. Da fehlt etwas
Bernd Paysan 18.11.2008
Das greift alles wieder viel zu kurz. Die Finanzkrise ist doch eine Weltwirtschaftskrise, weil die Weltwirtschaft im dauerhaften Ungleichgewicht ist. Traut sich denn keiner sagen, dass die USA solider wirtschaften müssen? Dass man nicht dauerhaft über seine Verhältnisse auf Pump leben kann? Wir brauchen mehr als nur eine neue, strenge Aufsicht über die Finanzbranche. Wir brauchen ein neues Bretton Woods, eine neue Regulierung von internationalen Kapitalflüssen, ähnlich wie sie die Euro-Zone intern schon vor 10 Jahren eingeführt hat. Nur müssen wir diesmal auch die nichtstaatliche Kreditaufnahme mit berücksichtigen, und das System nicht an eine Leitwährung binden. Ganz im Gegenteil: Wir müssen weg von der unipolaren Finanzwelt, denn die Wirtschaft ist nicht mehr unipolar. Das zeigt sich schon, als die G8 zur G20 "erweitert" wurde: 12 weitere Staaten dabei, von 40 auf 80% des Welt-BSP gestiegen, und in Kaufkraftparität wohl noch deutlich mehr.
2. staatliche "Vertreter" in die Aufsichtsräte
dummbeutel² 18.11.2008
selten so gelacht........ Das sollten wir alle eigentlich längst ad acta gelegt haben. KFW, IKB, usw. usw. usw. Nach dem Motto: weiter so ???
3. Eingriff in den Markt war die Ursache
kurtwied, 18.11.2008
Bevor man "mehr Eingriffe in den Markt" fordert - und darauf "hofft" dass der Demokrat Obama hilft, sollte man mal "CRA" oder Community Reeinvestent Act googeln. Das war eine der Hauptauslöser der Immobilienkrise und in der Folge der Finanzkrise. Gute Zusammenfassung im Film http://www.yourfilehost.com/media.php?cat=video&file=4700YouTube__Finanzkrise.flv
4. ooo
MarkH, 18.11.2008
Zitat von kurtwiedBevor man "mehr Eingriffe in den Markt" fordert - und darauf "hofft" dass der Demokrat Obama hilft, sollte man mal "CRA" oder Community Reeinvestent Act googeln. Das war eine der Hauptauslöser der Immobilienkrise und in der Folge der Finanzkrise. Gute Zusammenfassung im Film http://www.yourfilehost.com/media.php?cat=video&file=4700YouTube__Finanzkrise.flv
Können Sie das mal erläutern ?
5. Zu wenig!
Norbert Rost 18.11.2008
Die Vorschläge von Herrn Semmler gehen nicht weit genug. Eines der Hauptprobleme beibt außen vor: Wie soll ein Finanzssystem langfristig ohne zyklische Krisen funktionieren, in dem dauerhaft ein positiver Zinssatz herrscht? Jedes System, in welchem der Zinssatz auf Dauer größer 0% ist fördert die Akkumulation von Vermögen auf der einen Seite und die Ausweitung der Schulden auf der anderen Seite. Je länger solche Systeme laufen umso kritischer wird dieser Aspekt, der sich letztlich immer wieder in neuen Blasen und deren Platzen äußert. Dieses Platzen ist es, was dann wieder Verluste herbeiführt, die die Gesamtverzinsung auf ein realistisches Maß drücken - die aber zugleich enorme Auswirkungen in Realwirtschaft und Gesellschaft nach sich ziehen. Jeder Computerprogrammierer kennt das Problem, wenn er mathematische Funktionen in sein System einbaut, welches Variablen ständig hochzählt oder positive Rückkopplungen enthält. Jedes Computerprogramm, was solche Fehler enthält kommt irgendwann zu dem Punkt eines Pufferüberlaufs. Und dann stürzt das Programm ab. Dauerhaft positive Zinssätze sind vergleichbar mit solch einem fehlerhaften Computerprogramm. Eine echte Reform des Finanzsystems muss dieses so umgestalten, daß negative Rückkopplungen gegenüber positiven Rückkopplungen dominieren (Biokybernetische Regel 1: http://beat.doebe.li/bibliothek/a00401.html ). Nur dann ist es möglich, eine systemimmanente Instabilität im Finanzsystem zu vermeiden. Norbert -- Zukunftsfähig wirtschaften ? http://www.regionales-wirtschaften.de !
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