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Reform-Stopp: Iren schicken Euro auf Talfahrt

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Die Iren stimmen ab, und die Börse reagiert sofort: Nach dem Nein zum EU-Reformvertrag ist der Euro-Kurs um anderthalb Cent abgestürzt, manche Händler wetten schon auf eine lange Schwächephase. Doch die meisten Ökonomen sind gelassen - die Wirtschaft wird das Votum wohl rasch wegstecken.

Hamburg - Negative Nachrichten schlagen sich an den Finanzmärkten sofort in den Kursen nieder. So auch an diesem Freitagnachmittag: Nach dem Nein der Iren zum EU-Reformvertrag ist der Euro Chart zeigen innerhalb weniger Minuten auf den tiefsten Stand seit einem Monat gefallen. Die Gemeinschaftswährung kostete nur noch 1,5320 Dollar, rund anderthalb Cent weniger als am Vortag.

Euro-Symbol vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt: "Das wird die Märkte noch Wochen bewegen"
AP

Euro-Symbol vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt: "Das wird die Märkte noch Wochen bewegen"

Nur eine Überreaktion? Oder steckt tatsächlich etwas dahinter? Was bedeutet das irische Votum für die Wirtschaft in Europa?

Fakt ist: Etwas Ähnliches wie an diesem Freitag ist vor drei Jahren schon einmal passiert. Damals lehnten die Franzosen und die Niederländer den EU-Verfassungsvertrag ab. Sofort gab der Eurokurs nach - Investoren mögen politische Unsicherheiten nun mal gar nicht.

In der gleichen Lage befindet sich Europa auch heute. "Die Handlungsfähigkeit der europäischen Institutionen ist in Gefahr", sagt Werner Becker von der Deutschen Bank Research. "Jetzt muss man mit allem von vorne anfangen. Das wird die Märkte noch Wochen bewegen." Ein weiterer Verfall des Euro-Kurses sei deshalb nicht ausgeschlossen. Auch Uwe Angenendt, der Chefvolkswirt der BHF-Bank, geht davon aus, dass die europäische Gemeinschaftswährung für längere Zeit schwächeln dürfte.

Der Zusammenhang ist einfach: Je kritischer die politische Situation, desto eher halten sich Investoren zurück. Wer vor der Wahl steht, sein Geld in Europa oder anderswo anzulegen, denkt nun darüber noch mal nach.

Becker nennt ein konkretes Beispiel: "Die Finanzmärkte brauchen neue Rechtsvorschriften." Im europäischen Binnenmarkt machen aber nur gemeinsame Regeln Sinn - und die sind nun in weite Ferne gerückt. Für Unternehmen aus der Branche ist das ein echtes Hemmnis.

Problematisch wird es jetzt auch auf den Dienstleistungsmärkten. "Eine weitere Liberalisierung ist fraglich", sagt Becker. "Keiner weiß, wie es weitergeht." Indirekt hat dies auch Einfluss auf die Währung: Je unattraktiver Investitionen in Europa sind, desto mehr Geld fließt in andere Regionen - der Euro-Kurs fällt.

Andere Fachleute sehen das allerdings weniger skeptisch. "Devisenhändler müssen jeden Tag irgendeine Story erzählen", sagt Friedrich Heinemann vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). "Morgen ist das vergessen." Politisch sei das Votum der Iren zwar ein "Riesenrückschlag", die wirtschaftlichen Folgen seien aber marginal. "Der europäische Binnenmarkt funktioniert. Das ist die Hauptsache ", sagt Heinemann.

Die deutschen Exporteure reagieren entsprechend gelassen. "Für uns ist wichtiger, wie sich die Finanzkrise und der Ölpreis entwickeln", sagt Gerhard Handke, der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Groß- und Außenhandel (BGA).

Allerdings: Die Aufnahme weiterer Staaten in die EU könnte sich nun verzögern. Betreffen würde dies Kroatien und andere Länder in Osteuropa. "Wirtschaftlich hat das aber keine große Bedeutung", sagt ZEW-Experte Heinemann, "allein schon wegen der geringen Größe der Länder."

Gerhard Jänsch von Sal. Oppenheim ist ebenfalls optimistisch. "Währungskurse werden nicht durch EU-Referenden bestimmt", sagt er. Devisenhändler nähmen eine Entscheidung wie in Irland kurz zur Kenntnis, aber dann kehrten sie schnell zum Tagesgeschäft zurück. "Die Finanzkrise, die Inflation in Europa und die Zinsen in den USA - das ist es, was die Märkte wirklich bewegt", sagt Jänsch.

Für die EU sei eine politische Krise ohnehin nichts Neues. Die Wirtschaft lasse sich deshalb nicht so leicht schockieren. Im Gegenteil: Die Unternehmen kämen mit der chaotischen Lage erstaunlich gut zurecht. "Die EU ist seit Jahren schwerfällig", sagt Jänsch. "Trotzdem ist der Euro stark."

Immerhin: Einen Vorteil könnte das Nein der Iren haben, sagt ZEW-Experte Heinemann. "Wenn es schwieriger wird, in Brüssel Gesetze zu verabschieden, wird vielleicht auch weniger Unsinn gemacht."

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