Regierung Eiszeit zwischen Kanzlerin und Bossen

Kanzlerin Merkel wettert gegen überzogene Einkommen von Managern - alles nur Wahlkampfgetöse? Tatsächlich geht es um den Zusammenhalt der Gesellschaft: Die Schere zwischen Bossen und Arbeitnehmern öffnet sich immer mehr.


Es war eine Woche der Millionen, und die sind ein heikles Thema. Es kommt darauf an, woher sie stammen. Die Lottospieler, die vergangene Woche den gigantischen Jackpot geknackt hatten, durften sich des Neides ihrer Mitbürger sicher sein, Zorn erregten sie allerdings nicht. Alle hatten die gleiche Chance, Lotto ist gerecht.

Das waren die guten Millionen der vergangenen Woche. Es gab auch böse. Das waren zum Beispiel die zwei Millionen Euro, die Post-Chef Klaus Zumwinkel eingestrichen hat. Am Montag wurde bekannt, dass er mit Aktienoptionen seines Unternehmens eine glückliche Hand hatte. Er nutzte den Wertzuwachs der Post, für deren Branche demnächst ein Mindestlohn von 9,80 Euro gilt. Das hält Wettbewerber aus dem Markt fern.

In gewisser Weise hat Zumwinkel aus 9,80 Euro 2 Millionen gemacht. Das ist eine Rendite, wie sie sonst nur Lottospieler erringen können. Zumwinkel erntete dafür allerdings mehr Zorn als Neid. Ist es nicht obszön, den Mindestlohn, für den Zumwinkel vehement gekämpft hat, für das eigene Vermögen zu nutzen? Und ist es gerecht, wenn so viele kleine Löhne beziehen und wenige die ganz großen Einkommen einsacken?

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat da offenbar Zweifel. Sie ist unter den Zornigen neuerdings die Lauteste. Auf dem Parteitag der Union schimpfte sie am Montag vergangener Woche über hohe Gehälter für schlechte Manager und ließ erkennen, dass ihr obszöne Einkommen Sorgen machen. Es gehe dabei um den Zusammenhalt der Gesellschaft, eine der wichtigsten Voraussetzungen einer Demokratie.

In kleiner Runde machte sie deutlich, dass sich ihr Zorn nicht nur gegen die bösen Millionen richtet, sondern gegen die Wirtschaftsbosse insgesamt. Sie ist es leid, bei ihren Gesprächen mit Unternehmern und Managern stets eine Liste von Forderungen und Vorwürfen präsentiert zu bekommen. Am liebsten würde sie zurückschlagen und selbst eine Liste präsentieren, bei der es nicht nur um hohe Einkommen ginge. Die Bankenkrise, Korruptionsfälle oder das Gemotze gegen ihre Umwelt- und Außenpolitik ließen die Kanzlerin zuletzt nicht gerade freundlich über die deutsche Wirtschaft denken.

Nächste Gelegenheit für eine Philippika wäre am Dienstag dieser Woche, wenn Merkel auf dem Arbeitgebertag spricht. Aber sie macht ja gern in Harmonie und müsste schon einen außergewöhnlich mutigen Tag erwischen, um den Unternehmern und Managern zu sagen, was sie wirklich von ihnen hält.

Deren Verbandsfürsten sind weniger zurückhaltend. DIHK-Chef Ludwig Georg Braun fürchtet, die Regierung werde mit ihrem Kurs "den Aufschwung gefährden". Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt sieht die Große Koalition auf einem "beschäftigungspolitisch gefährlichen Irrweg". Und Jürgen Thumann, Chef des einflussreichen Bundesverbands der Deutschen Industrie, mahnt Merkel inzwischen, die erzielten "Reformgewinne nicht zu verspielen".

Die netten Jahre sind vorbei. Es gibt ein offenes Zerwürfnis zwischen der deutschen Kanzlerin und der deutschen Wirtschaft. Die einen sehen sich nach den Entscheidungen für ein verlängertes Arbeitslosengeld I und für einen Post-Mindestlohn um ihre Hoffnungen auf einen strammen Reformkurs betrogen. Die andere schielt auch nach dem Wahlvolk.

Denn nichts ist so billig zu haben wie Empörung über millionenschwere Manager. Es sind so wenige, dass ihre Wahlstimmen nicht ins Gewicht fallen, und Zorn gegen Großverdiener findet leicht die Zustimmung der Massen. Wer seine Partei in die linke Mitte ausdehnen will, findet kein besseres Thema. Und Merkel will ja genau das, weil die SPD ein Stück nach links gerückt ist und damit Platz geschaffen hat. In vergangenen Wahlkämpfen gehörten die Managergehälter immer zum Munitionsvorrat der SPD. Jetzt will Merkel, dass geteilt wird.

Einen realen Hintergrund hat ihr Zorn ebenfalls. Gerade die vergangenen Wochen mit den Debatten um Mindestlohn und Managergehälter zeigen, wie die Gesellschaft auseinanderdriftet.

Oben sind die Manager, die aus der Globalisierung den Anspruch ableiten, so viel verdienen zu dürfen wie ihre hochbezahlten Kollegen in Amerika. Sie sehen sich auf einem gemeinsamen Markt, auch wenn das ein Hirngespinst ist. US-Firmen waren bislang selten auf der Suche nach deutschen Managern.

Unten stehen viele Arbeitnehmer, denen die Globalisierung tendenziell niedrigere Einkommen beschert. Die Debatte um Mindestlöhne hat begonnen, weil die internationale Konkurrenz die Einkommen in manchen Branchen unter die deutsche Armutsgrenze gedrückt hat. Manche Geschäftsmodelle funktionieren nur, weil mit Löhnen von fünf, sechs Euro gerechnet wird. Das ist zum Leben zu wenig.

Diese Entwicklung sorgt dafür, dass das Gefühl abnimmt, es gehe gerecht zu. Merkel hat auf dem Parteitag der CDU klargemacht, was sie für gerecht hält. Wenn der Chef einer Automobilfirma das Tausendfache seines Arbeiters bekommt, findet das die Missbilligung der Kanzlerin, 20-mal mehr dagegen hält sie für okay.

Ein Arbeitnehmer in der deutschen Automobilbranche verdient durchschnittlich knapp 50.000 Euro im Jahr. Demnach wären eine Million Euro ein gerechtes Gehalt für seinen obersten Chef. Wendelin Wiedeking von Porsche verdiente im abgelaufenen Geschäftsjahr aber über 60 Millionen Euro. Ist das ungerecht?

Als Wiedeking die Führung von Porsche 1992 übernahm, drohte dem Sportwagenbauer die Pleite. Die Banken forderten von ihm, dass er eine sogenannte Patronatserklärung unterzeichnet, bevor sie eine Kapitalerhöhung genehmigten. Wiedeking musste mit seinem gesamten Privatvermögen haften, falls Porsche in den Konkurs steuert. Das Risiko war zunächst nicht gering.

Nachdem Wiedeking Porsche binnen zwei Jahren in die Gewinnzone zurückgeführt hatte, wollte sich der Ehrenvorsitzende des Aufsichtsrats Ferry Porsche erkenntlich zeigen. Er bot dem angestellten Manager einen Teil der Stammaktien an, die ausschließlich von den Familien Porsche und Piëch gehalten wurden. Doch andere Familienmitglieder lehnten dies ab. Stattdessen garantierten sie Wiedeking einen Teil des Unternehmensgewinns. Es soll sich um 0,9 Prozent handeln.

Zu dieser Zeit konnte niemand ahnen, dass Porsche einmal einen Gewinn von 5,9 Milliarden Euro erwirtschaften würde - wodurch 0,9 Prozent dem Vorstandschef 53 Millionen einbringen. Dennoch sagt Aufsichtsratschef Wolfgang Porsche, Wiedeking sei "jeden Euro wert". Denn das Unternehmen, das bei seinem Dienstantritt mit 300 Millionen Euro bewertet wurde, wird nun auf rund 25 Milliarden taxiert.

Auch die Bandarbeiter in Zuffenhausen, die in diesem Jahr einen Bonus von 5200 Euro erhalten, gönnen ihrem Boss die Millionen. Als Wiedeking auf der Betriebsversammlung sagte, in diesem Rekordjahr werde auch die Entlohnung des Vorstands "ganz ordentlich ausfallen", lachten die Arbeiter und applaudierten ihrem Chef.



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