Rekord-Teuerung Inflation im Euro-Raum springt auf vier Prozent

Die Verbraucherpreise in der Euro-Zone sind im Juni auf ein Rekordhoch gestiegen. Die Inflation kletterte auf 4,0 Prozent - so hoch wie noch nie seit dem Start der Währungsunion 1999. Eine Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank wird damit immer wahrscheinlicher.


Brüssel - Offiziell ist noch nichts, aber die Daten aus einer Schnellschätzung des EU-Statistikamts Eurostat lassen nichts Gutes ahnen. Demnach hat die Inflation im Juni ein Rekordhoch von 4,0 Prozent erreicht. Noch nie seit dem Start der Währungsunion 1999 sind die Preise so stark gestiegen. Im Vorfeld befragte Ökonomen hatten nur 3,9 Prozent erwartet. Im Mai hatte die Teuerung noch bei 3,7 Prozent gelegen.

EZB-Präsident Jean-Claude Trichet: In der Zwickmühle
REUTERS

EZB-Präsident Jean-Claude Trichet: In der Zwickmühle

Zur Euro-Zone gehören insgesamt 15 Länder. Zahlen für einzelne Mitgliedstaaten nannte Eurostat nicht. Für Deutschland hatte allerdings das Statistische Bundesamt am Freitag nach vorläufigen Berechnungen eine Inflation im Juni von 3,3 Prozent gemeldet (siehe Tabelle unten). So stark stiegen die deutschen Preise seit fast 15 Jahren nicht mehr.

Die Europäische Zentralbank (EZB) strebt eine Inflationsrate von höchstens zwei Prozent an. Bei höheren Werten sieht sie die Preisstabilität gefährdet. Die tatsächlich gemessene Inflation ist im Juni also doppelt so hoch wie von den Währungshütern angestrebt.

Die für diesen Donnerstag erwartete Zinserhöhung der EZB wird damit immer wahrscheinlicher. Höhere Zinsen gelten als wichtigstes Mittel der Zentralbank, um steigende Preise zu bekämpfen. Die meisten Ökonomen rechnen mit einer Zinserhöhung um 25 Basispunkte auf dann 4,25 Prozent. Allerdings steckt die EZB in der Zwickmühle: Denn hohe Zinsen können das Wachstum abwürgen.

Hauptgrund für die hohe Inflation ist die Explosion der Energiepreise. An den internationalen Rohstoffbörsen kostet ein Fass Rohöl in diesen Tagen knapp 143 Dollar - so viel wie nie zuvor. Der Preis hat sich damit innerhalb eines Jahres etwa verdoppelt. Auch zahlreiche Lebensmittel wurden spürbar teurer.

Die vorläufige Schätzung von Eurostat bezieht sich auf frühe Datenangaben aus neun der 15 Euro-Staaten, darunter Deutschland. Sie ist in der Regel sehr zuverlässig: Von den 24 vorläufigen Schätzungen der vergangenen zwei Jahre waren laut Eurostat 14 exakt, die übrigen zehn wichen nur um 0,1 Prozentpunkte von der endgültig festgestellten Inflationsrate ab.

In die Inflationsmessung von Eurostat gehen Lebensmittel- und Energiepreise, Wohnungsmieten und Telefongebühren, die Kosten für Kleidung, Körperpflege und Haushaltsgeräte, aber auch für Fahrzeuge, Unterhaltungselektronik und Restaurantbesuche ein. Auch die Kosten für Bankdienstleistungen und einzelne Versicherungen werden berücksichtigt.

Details zur Preisentwicklung wird Eurostat bei der Vorlage der endgültigen Zahlen am 16. Juli nennen. An diesem Montag wurden konkrete Inflationsdaten nur aus Italien gemeldet. Hier ist der Preisauftrieb allerdings etwas schwächer ausgefallen als erwartet. Im Jahresvergleich stiegen die Verbraucherpreise um 3,8 Prozent, teilte die italienische Statistikbehörde Istat auf Basis vorläufiger Daten mit. Volkswirte hatten mit 3,9 Prozent gerechnet.

In Deutschland treffen die hohen Öl- und Treibstoffkosten vor allem das Transportgewerbe. So sind die Preise von Verkehrs- und Logistikanbietern deutlich gestiegen. Laut Statistischem Bundesamt verteuerten sich Gütertransporte auf der Straße im ersten Quartal verglichen mit dem Vorjahreszeitraum um drei Prozent. Transporte auf der Schiene wurden 4,5 Prozent teurer. Der Erzeugerpreisindex für See- und Küstenschifffahrt erhöhte sich um 8,7 Prozent.

Inflation in Deutschland im Juni

ausgewählte Produktgruppen Teuerung in Prozent*
Heizöl 57,3 bis 69,3
Kraftstoffe 14,3 bis 16,4
Diesel 27,3 bis 32,0
Nahrungsmittel 7,0 bis 8,8
Inflation gesamt 3,3

* Veränderung gegenüber dem Vorjahresmonat, vorläufige Schätzung auf Grundlage von Daten aus sechs Bundesländern, Stand: 26.6.2008
Quelle: Statistisches Bundesamt

wal/AP/AFP/Reuters/dpa-AFX/ddp



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