Renditehungrige Manager: China-Verstehern droht Imagedebakel

Von Wolfgang Kaden

Demokratie und Marktwirtschaft gehören zusammen - leider übersehen das viele Manager. Bei ihrer Hatz nach Rendite paktieren sie mit den autokratischen Cliquen in Russland und China. Im Fall von Olympia rächt sich das jetzt. Den Sponsoren Adidas und VW droht ein lehrreiches, teures Debakel.

Moskau, Ende Januar dieses Jahres. Wissenschaftler, Manager, Journalisten aus Deutschland und Russland sind zusammengekommen, um über "Government Relations" zu diskutieren, über die Verbindungen von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Der Vertreter einer deutschen Bank in Moskau redet über die Regierungspraxis in Russland. Er spricht ganz offen, gibt sich keine Mühe, seine Sympathie für das Putin-Regime zu verbergen. Schließlich sagt er, zusammenfassend: "Stabilität ist für die deutsche Wirtschaft in Russland wichtiger als Demokratie." Keiner seiner Managerkollegen widerspricht.

Putzfrauen vor Olympia-Stadion in Peking: Stabilität wichtiger als Demokratie?
DPA

Putzfrauen vor Olympia-Stadion in Peking: Stabilität wichtiger als Demokratie?

Schlosshotel Hugenpoet nahe Essen, wenige Wochen später. Rund hundert Gäste aus der Wirtschaft hören Vorträge über Geschäfte in China, noch sind Tibet und Olympia kein öffentliches Thema. Die politische Gemengelage in dem Riesenreich wird in der ansonsten hochinformativen Veranstaltung fast gänzlich ausgeklammert. Es gibt allenfalls Klagen über die schreckliche Korruption.

Als hinterher, beim Abendessen, einer der Teilnehmer den Versuch macht, über die rote Diktatur zu diskutieren, ist das Thema schnell abgehakt: Das Land habe sich doch schon bemerkenswert geöffnet, wird argumentiert. Und im Übrigen: Es sei gänzlich illusorisch zu glauben, 1,3 Milliarden Chinesen könnten mit einer Parteiendemokratie regiert werden.

Russland, China und die deutschen Unternehmer: Mit wem auch immer man aus dem Konzern-Establishment spricht, man wird viel über die phantastischen Geschäftsaussichten in diesen beiden Märkten der Zukunft hören. Und so gut wie nichts über die politische Herrschaftsform. Wahlfälschungen und massive Einschränkung der Meinungsfreiheit in Russland; Unterdrückung und stalinistische Herrschaftspraktiken in China - Politik wird ausgeklammert, verdrängt - sie könnte dem Geschäft schaden. Wenn doch einmal über die Verhältnisse geredet wird, schimmert erstaunlich viel Verständnis für die Autokraten durch.

Natürlich können wir von Kaufleuten nicht erwarten, dass sie nur mit Unternehmen in lupenreinen Demokratien Geschäfte machen. Das wissen wir spätestens, seit sich die Ruhrgas in den Sechzigern mit den Potentaten der totalitär regierten Sowjetunion auf das erste große Gasgeschäft einließ. Kein Unternehmen irgendwo in der Welt weist heute Kunden zurück, weil sie aus einem nicht demokratisch regierten Land kommen. Selbst die Demokratie-Missionare aus den USA tun das nicht. Für eine Exportnation wie Deutschland sind Länder wie Russland und China fraglos Märkte mit einem großen Potential.

Sie wollten unpolitisch sein - und werden Opfer der Politik

Und dennoch: Kann die Wirtschaft die politischen Zustände gänzlich ausblenden? Ist wirtschaftliche Stabilität in mehr oder weniger autoritär geführten Staaten mehr als andernorts gewährleistet? Darf man nicht auch von Wirtschaftsführern ein Mindestmaß an politischer Sensibilität erwarten?

Das wäre nicht zuletzt auch im Interesse des eigenen Geschäfts vonnöten. Die Sponsoren von Olympia, aus Deutschland vor allem Volkswagen und Adidas, haben die politischen Risiken entweder ganz ausgeblendet oder gering geschätzt, als sie die sündhaft teuren Verträge mit dem IOC abschlossen. Sie müssen nun, bei einem Fortgang der Proteste, fürchten, dass ihre Marken außerhalb von China Schaden nehmen. Offenkundig haben die Unternehmensführungen nicht für möglich gehalten, dass Olympia 2008 durch das Pekinger Regime so nachhaltig in Verruf geraten würde. Sie wollten unpolitisch sein und sind nun Opfer der Politik.

Zur Rechtfertigung der autokratischen Cliquenherrschaft in den beiden Imperien wird von den hiesigen Managern gern auf die wirtschaftlichen Erfolge verwiesen. Und die sind, verglichen mit den Zeiten der kommunistischen Planwirtschaft, sicher rühmenswert. Doch hier sind schon Einschränkungen fällig. Russland baut seinen bescheidenen Aufwärtstrend allein auf die Einkünfte aus den Rohstoffverkäufen, vor allem den Export von Öl und Gas. Die Industrie befindet sich noch immer in einem beklagenswerten Zustand.

Chinas bombastische Zuwachsraten wirken weniger aufregend, wenn man die Ausgangslage betrachtet: Das Bruttosozialprodukt für die 1300 Millionen Chinesen lag im vergangenen Jahr (mit 3,248 Billionen Dollar) gerade mal so hoch wie das von Deutschland (3,259 Billionen Dollar) mit seinen 80 Millionen Einwohnern.

Die wirtschaftlichen Verbesserungen haben fraglos geholfen, die politischen Regime zu festigen. Fraglich ist dennoch, ob dieses politische Fundament tragfähig ist. Ob die Bürger wirklich auf Dauer in Wohlstandsdiktaturen leben wollen, ohne Meinungsfreiheit, ohne Rechtssicherheit, ohne Wahlmöglichkeiten.

Autoritäre Herrschaft schadet der Wirtschaft

Russland wie China mussten sich von ihren Staatswirtschaften verabschieden, weil diese sich als hoffnungslos ineffizient erwiesen hatten und in den Bankrott führten. Die beiden Imperien sind Teil einer auf liberalen Grundsätzen gegründeten Weltwirtschaft geworden – und wollen sich dort immer stärker integrieren. Dass sie in diesem Prozess langfristig jene politischen Herrschaftsformen konservieren können, die sie in der kommunistischen Ära gelernt und gepflegt haben, scheint wenig wahrscheinlich.

Die Kombination von Marktwirtschaft und Demokratie ist für viele Länder zum Erfolgsmodell geworden - mit Grund. Der offene Wettbewerb um die Märkte und der um die politische Macht garantieren den Menschen ein Höchstmaß an Autonomie und Freiheit. Beide beruhen auf einem gesicherten rechtlichen Rahmen, beide schaffen Raum für permanente Veränderung und Verbesserung. Von den Menschenrechten gar nicht zu reden.

Autoritäre Herrschaft, totalitäre gar, heißt nicht nur Unterdrückung der Individuen. Sie bedeutet gravierende Defizite für die wirtschaftlichen Abläufe: undurchsichtige Prozesse der Entscheidungsfindung, das Fehlen eines offenen Diskurses, ein hohes Maß an Korruption, kein offener Wettbewerb um die besten Ideen, keine Rechtssicherheit. Für diktatorische Regime, die sich wie Russland und China gleichzeitig in der Marktwirtschaft versuchen, gilt daher: Entweder regieren die Politiker weiter in die Wirtschaft hinein, was zu Ineffizienz führt. Oder die Wirtschaft verändert allmählich das Herrschaftssystem, indem die freiheitlichen Prinzipien, die eine Wettbewerbswirtschaft braucht, allmählich das Regierungssystem durchdringen.

Der historisch einmalige Wirtschaftsaufschwung Europas, Nordamerikas und Japans nach dem Zweiten Weltkrieg war nur möglich, weil die Demokratie in jenen Ländern den Unternehmen ein Höchstmaß an Entfaltungsmöglichkeiten geboten, weil offener Wettbewerb zu einem steten Fluss von Innovationen geführt hat. Es war die politische wie die wirtschaftliche Ordnung der freien Welt, die schließlich den Sieg über die geschlossenen Systeme des kommunistischen Blocks ermöglichte.

Das heißt wahrlich nicht, dass die demokratische Regierungsform eine Ewigkeitsgarantie besäße. Ihre Akzeptanz bei den Menschen ist eng an den wirtschaftlichen Erfolg geknüpft. Bleibt der aus, dann wächst die Neigung, ideologischen Heilsverkündern zu folgen. Fraglos stehen die Industriestaaten, die in den Nachkriegsjahrzehnten mit dem Zwillingspaar von Demokratie und Marktwirtschaft erfolgreich waren, zu Beginn dieses Jahrhunderts vor großen Herausforderungen.

Die Globalisierung führt zu einer Umverteilung der Einkommen in weltweiten Dimensionen. Demokratisch gewählte Politiker müssen ihren Bürgern nahebringen, dass es kein endloses Wachstum des Wohlstands gibt. Im Gegenteil, Einschränkungen sind unvermeidlich. Allenthalben strafen die Bürger ihre Regierenden ab, weil sie den Wohlstandsverlust nicht abwenden können. Die Zustimmung zur Demokratie als beste Regierungsform ist bedrohlich gesunken.

Offene Wirtschaft zwingt politische Systeme zur Öffnung

Dennoch, es gibt keine Alternative zu der Erfolgskombination von Demokratie und Marktwirtschaft. Sie wird sich als elastisch und lernfähig genug erweisen, um diese Probe zu bestehen. Der Spruch des ehemaligen englischen Premiers Winston Churchill hat nach wie vor Gültigkeit: "Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen – abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind."

Ist die Erwartung, dass sich diese Erkenntnis irgendwann in den beiden ehemals kommunistischen Imperien Russland und China Bahn bricht, nur Ausfluss eines weltfernen Optimismus? Wohl kaum. Eine offene Wirtschaft wirbelt in beiden Ländern die Gesellschaften durcheinander und wird die politischen Systeme zur Öffnung zwingen. Im einstigen Sowjetreich, das sich ja längst seiner kommunistischen Potentaten entledigt hat, sicher früher als in China, wo der rote Adel und der alte Herrschaftsstil immer noch Urzutand feiern.

Auch wenn sich manch einer hierzulande schwer tut mit der Vorstellung, dass die Demokratie letztendlich in diesen riesigen Ländern siegen wird: Es ist kaum vorstellbar, dass die dortigen Regenten dauerhaft ihren Bürgern Freiheitsrechte und Mitbestimmung vorenthalten – und gleichzeitig in der Systemkonkurrenz mit der freien Welt bestehen können.

Was aber lehrt das die Entscheider in den heimischen Unternehmen, die Russland und China als strategisch bedeutendste Investitionsstandorte verherrlichen? Sie sollten sich bewusst machen, dass die vermeintliche Stabilität, die beide Länder bieten, sehr schnell verfliegen kann. Dass diese Hoffnungsträger über kurz oder lang erhebliche politische Umbrüche zu meistern haben. Dass Autokratien mitnichten ein sicherer Hafen für ihre Investitionsmilliarden sein müssen.

Das Debakel jedenfalls, das westliche Unternehmen nun mit ihren Sponsorengeldern für das chinesische Olympia erleben, wird kein Einzelfall bleiben.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 70 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Na, Herr Kaden!
PML 23.04.2008
Hat was länger gedauert bei Ihnen (Ich weiß, die Anzeigen-Kunden vom Manager-Magazin) - aber Sie haben`s kapiert. Danke.
2. was ist mit den Golfstaaten? und deren Autokraten
jeansprisoner 23.04.2008
Bauboom auf der arabischen Halbinsel- deutsche Architekten sind begeistert, ihre Träume so schnell und unbürokratisch zu verwirklichen! Auch hier wird sich das Vertrauen auf herrschenden Schichten rächen !
3. Generation Golf, nein danke
doctor manhattan 23.04.2008
Wolfgang Kaden hat mit seiner Einschätzung vollkommen Recht, schon jetzt leidet das Inlandsimage von VW und Adidas durch das Fackellauf-Debakel. Ich bin sicher dass dieses Sponsoring für beide Unternehmen nach hinten losgegen wird.
4. Wir werden sehen
ichbinwerichbin 23.04.2008
Der Artikel geht von sehr optimistischen Voraussetzungen aus. Man sollte nicht vergessen, dass dem Wandel in Deutschland bzw Europa ein verheerender Krieg vorrausging. Und was das bedeutet bzgl. China Indien Pakistan Russland ... will ich mir gar nicht ausmalen. Dass die Wirtschaft, die immer scrupelloser eine Umverteilung von Geld von der breiten Masse an einige wenige favorisiert diese Systeme reformieren kann, glaube ich nicht. Ich denke die Globalisierung hat die Wirtschaft umgekrempelt, von einer Inhabergeführten Firma mit moralischen Werten und Verantwortung für die Mitarbeiter zu weltweit operierenden Unternehmen mit der Maxime der Gewinnoptimierung. Das einzige was zu Hoffnung Anlass gibt. Es war noch nie in der Geschichte so, dass Systeme mit extremen Lebensbedingungsunterschieden über lange Zeit Bestand hatten. Insofern werden sich die die nichts mehr zu verlieren haben bei denen bedienen, die es sich genommen haben. Und dann fängt alles wieder von vorne an. Ich
5. Aus dem Paradies sind wir schon lange vertrieben worden.
cjung 23.04.2008
Zitat von sysopDemokratie und Marktwirtschaft gehören zusammen - leider übersehen das viele Manager. Bei ihrer Hatz nach Rendite paktieren sie mit den autokratischen Cliquen in Russland und China. Im Fall von Olympia rächt sich das jetzt. Den Sponsoren Adidas und VW droht ein lehrreiches, teures Debakel. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,549102,00.html
Politik, Moral und Wirtschaft sind drei verschiedene Dinge. Das Image einer Marke wiederum eine vierte. Politik ist eine Frage der Methode, Moral eine Frage des Prinzips und Wirtschaft eine Frage der Möglichkeiten. Alle drei zusammen sind in den seltensten Fällen unter einen Hut zu bringen. Diese Grundtatsache sollte man schon bedenken, bevor man sich wiederum über das Image von Marke Gedanken macht, die in Zusammenhang mit Olympia in China zusammenhängen. Daimler Benz ist es immer vorgeworfen worden, sie seien mit ihren Militärlastern in allen Kriesengebieten der Welt vertreten. Daimler fördere die Apartheit, die Unterdrückung, etc. Was mußte sich diese Firma nicht alles anhören. Und? Was hat es ihr geschadet? Rein gar nichts. Weder auf unserem Kontinent noch in den Gebieten, wo die Marke angeblich zur Unterdrückung beiträgt. im Gegenteil, auch dort gilt heute die Marke als besonders begehrenswert. Dies ist nur ein Beispiel, man könnte noch etliche andere aufzählen. Ich wäre also vorsichtig, hier alles in einen Topf zu schmeißen und daraus eine Handlungsgrundlage formen zu wollen. Das wird schlecht gelingen, denn die Welt ist nun mal schlecht, wenn man es provokant formulieren möchte. Und es hat bis heute in der Weltgeschichte noch keinen erfolgreichen Weltverbesserer gegeben. Diese Realität gilt es ins Auge zu schauen. Aus dem Paradies sind wir schon lange vertrieben worden.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 70 Kommentare
  • Zur Startseite