Ressourcen-Kampf: Wie der Irak ein gerechtes Ölparadies werden könnte

Das geplante neue Ölgesetz für den Irak räumt westlichen Energiekonzernen wie Exxon und BP viel zu viel Macht ein. Der Plan ist zurecht umstritten, sagt Volkswirt Willi Semmler - und skizziert eine bessere Alternative.

New York – Die Bush-Regierung macht Druck: Sie zählt das neue nationale Ölgesetz für den Irak zu den vier zentralen Vorhaben, die Bagdad bis zum Herbst umsetzen soll. Auch die irakische Regierung von Nouri al-Maliki hat die Verabschiedung des Gesetzes zu den Kernzielen ihrer Amtszeit erklärt.

Von Terroristen in Brand gesteckte Pipeline im Irak: Streit über die Reserven
AP

Von Terroristen in Brand gesteckte Pipeline im Irak: Streit über die Reserven

Die Invasion der US-geführten Truppen im Irak hat fast alle ihrer politischen Ziele verfehlt. Nun hofft Washington zumindest auf einen ökonomischen Erfolg, und die Neuordnung der Ölproduktion ist ein Schlüssel dazu. Denn noch immer liegt die jährliche Fördermenge des Landes unter dem Niveau von 2003 - dem Jahr, in dem die USA das Regime von Saddam Hussein stürzten.

Viele Kriegskritiker haben immer betont, ein Konflikt um die Ölreserven im Mittleren Osten sei eine mögliche, wenn nicht die eigentliche Triebfeder der Invasion 2003 gewesen. Das ist sicher zu einfach gedacht.

Einmalige Führungsrolle für die "Big Four" geplant

Schon bald nach dem Einmarsch der Truppen zeigte sich indes, dass die Siegermächte die Interessen ihrer eigenen Ölgesellschaften im Irak stärkten. Russische und französische Erdölkonzerne wurden zurückgedrängt.

Eine wichtige Rolle bei der Stabilisierung der irakischen Produktion und damit des Ölpreises auf den Weltmärkten wurde den anglo-amerikanischen "Großen Vier" zugedacht: Exxon Mobil Chart zeigen, BP Chart zeigen, Shell Chart zeigen und ChevronTexaco Chart zeigen. Das erklärt wohl auch, warum die Regierung Tony Blairs sich auf den südlichen Teil des Iraks konzentrierte – hier liegen die traditionellen Einflussgebiete von BP.

Zu Beginn dieses Jahres wurde deutlich, dass die irakische Regierung für die Big Four eine Produktionsbeteiligung einführen will, ein Production Sharing Agreement. Zwar ist geplant, dass der Staat Alleineigentümer der Ölfelder bleibt und an Gewinnen beteiligt wird. Den Großen Vier aber soll mit 30-Jahres-Verträgen die Kontrolle über Produktion, Preise und damit auch Profitmargen zugesprochen werden. Eventuelle Konflikte zwischen Bagdad und den Konzernen sollen vom Internationalen Gerichtshof geregelt werden.

Widerstände der Minderheiten

Eine solche Vereinbarung wäre einmalig. In den meisten anderen ölproduzierenden Ländern befinden sich nicht nur die Quellen in der Hand des Staates, er behält auch die Macht über Produktion, Investitionen und Preise. Das gilt insbesondere für Ölfelder anderer Nationen des Mittleren Ostens.

Zunächst wurde dem Bagdader Parlament ein Gesetzentwurf vorgelegt, in dem die Produktionsbeteiligungen auf nationaler Ebene vorgesehen waren. Da eine einheitliche Regelung nicht erreichbar schien, wurde der Entwurf überarbeitet - er sieht aber, auf der Ebene der Regionen, immer noch eine Beteiligung der Ölkonzerne vor. Wird das so verabschiedet, würde das Erdölkartell Opec seine Fähigkeit, die Ölpreise durch Änderungen der Produktionsmenge zu steuern, zum Teil einbüßen. Es wäre eine bewusste Schwächung vor allem des politisch schwer berechenbaren Saudi-Arabiens.

In den letzten Wochen stellte sich indes heraus, dass viele Parlamentarier vor allem aus dem Lager der Sunniten und der Kurden nicht ohne weiteres bereit sind, den Vereinbarungen zuzustimmen. Während die einen die geplante Rolle der internationalen Konzerne kritisieren, sehen die anderen ihre bisherige regionale Autonomie auch in Fragen der Energiewirtschaft bedroht. Ob das Gesetz verabschiedet wird, scheint derzeit unsicherer denn je.

Was auf dem Spiel steht

Was auf dem Spiel steht, ist nicht weniger als die zukünftige Kontrolle über das Management des Weltenergiemarktes. Wegen seines Ölreichtums ist der Mittlere Osten seit langem Gegenstand von Konflikten und Diplomatie. Der Übergang zu alternativen Energieressourcen wird die Rolle der Region für die Weltwirtschaft zwar langfristig vermindern. Dieser Epochenwandel wird sich aber nur sehr langsam vollziehen.

Trend und Schwankungen des Ölpreises (Arabian light): Langfristig aufwärts
SPIEGEL ONLINE

Trend und Schwankungen des Ölpreises (Arabian light): Langfristig aufwärts

In der Zwischenzeit wird der Mittlere Osten – sofern die Ölressourcen sinnvoll genutzt werden – seinen Reichtum stetig erhöhen können. Denn der Preis für Öl wird, trotz aller Schwankungen, wegen der wachsenden Verknappung des Rohstoffes im Trend ansteigen (siehe Grafik).

Wie viel Rohöl ist auf der Erde übrig? Gegenwertig gibt es auch unter Experten keine einheitliche Antwort darauf. Konsens besteht immerhin darüber, dass zwei Drittel der Reserven im Mittleren Osten liegen. Eine der gängigen Auffassungen besagt, dass Saudi-Arabien noch über 260 Milliarden Tonnen, Iran über 130 und der Irak über 115 Milliarden Tonnen verfügt.

Schlüsselrolle des Irak

Andere Einschätzungen wie die des James Baker Institute an der Rice-Universität in Houston, Texas, gehen sogar von 300 Milliarden Tonnen Reserven im Irak aus. Zu ähnlichen Schätzungen kamen französische und russische Experten im Vorkriegsirak. Eine hinreichende Ölexploration mit neueren wissenschaftlichen Methoden hat es im Irak seit den sechziger Jahren nicht gegeben, daher rührt die Unsicherheit.

Fest steht so oder so: Die irakischen Reserven sind eminent wichtig zur langfristigen Stabilisierung des Welt-Erdölpreises. Weil sie über Jahrzehnte nur mit veralteten Abbaumethoden ausgebeutet wurden, wird ihre Lebensdauer noch auf 140 Jahre geschätzt. In den Vereinigten Arabischen Emiraten werden die Reserven dagegen noch ungefähr 90 Jahre reichen, Venezuela verfügt nur noch über Reserven für gut 50 Jahre.

Die Macht des Irak auf dem Ölmarkt wird eher wachsen, während die der Opec schwindet. In Saudi-Arabien etwa ist Ghawar das größte Erdölfeld und steuert gegenwärtig rund 50 Prozent zur Erdölförderung des Landes bei. Die Spitze der Förderung auf diesem Feld, ab der der jährliche Ertrag schrumpft, wird aber binnen kurzem erreicht sein. Global gesehen dürfte die Welterdölproduktion ihren Höhepunkt bis 2010 erreichen und fortan kontinuierlich sinken.

Ein Marshall-Plan für den Mittleren Osten

Vor diesem Hintergrund wird es umso wichtiger, das politische Chaos im Irak zu beenden und eine faire Lösung für die Verteilung des Ölreichtums zu finden. Unter amerikanischen Politikern und Intellektuellen wird mehr und mehr über eine Idee diskutiert, die Region nach europäischem Vorbild zu gestalten. Es geht um die Schaffung einer Staatenföderation im Mittleren Osten, einer Middle Eastern Union.

Auch Europa war Jahrhunderte lang von Religionskriegen, Grenzstreitigkeiten, ethnischen und nationalistischen Konflikten geprägt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges lag der Kontinent in Trümmern, wurde aber unter dem wachsenden Dach der EU in Wohlstand und Frieden vereint. Eine ähnliche Vision ist auch für den Mittleren Osten nötig.

Ausgangspunkt einer solchen Entwicklung könnte ein Marshallplan sein, ein Fonds, den die reichen Industrieländer anfänglich mitfinanzieren. Er könnte den teilnehmenden Staaten im Mittleren Osten Investitionen in die Zukunft erlauben – in den Aufbau von Humankapital, die Entwicklung neuer Technologien, Infrastruktur und nicht zuletzt die Ölexploration.

In der Folge wären, wiederum nach europäischem Muster, der Abbau der Zölle und eine wachsende grenzüberschreitende Mobilität von Arbeit und Kapital denkbar. Schließlich wäre die Einführung einer Währungsschlange als Vorstufe einer Währungsunion angebracht. Stellt sich der wirtschaftliche Erfolg ein, könnten die beteiligten Staaten die Mittel zurück an den Marshallfonds zahlen - so wie Deutschland in der Nachkriegszeit.

Solch eine Staatenföderation könnte eine Beteiligung auf zwei Ebenen vorsehen: eine erste Ebene mit engerer Kooperation zwischen den Ländern Jordanien, Irak, Ägypten, Syrien und einem neuen Palästinenserstaat. Auf der zweiten Ebene - als Freihandels- und eventuell auch als Währungszone - könnten Saudi-Arabien, Iran und die Golfstaaten einbezogen werden.

Noch erscheinen solche Ideen utopisch. Doch es wird Zeit, eine neue Perspektive für den Irak und die umliegende Region zu finden. Es darf nicht sein, dass der Mittlere Osten trotz seines Ressourcenreichtums in Armut und Chaos versinkt.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles zum Thema Irak
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback