Rettungsgespräche: Fiat sagt Teilnahme bei Opel-Gipfel ab

Überraschende Wende im Ringen um die Opel-Rettung: Der Fiat-Konzern hat seine Teilnahme beim Krisentreffen im Kanzleramt abgesagt. Man habe nach wie vor Interesse an Opel, wolle sein Angebot aber nicht nachbessern. Der zweite Bieter, Magna, steht offenbar ebenfalls vor dem Absprung.

Mailand/Berlin - Hiobsbotschaft für Opel: Fiat Chart zeigen wird nicht an dem von der Bundesregierung für Freitag anberaumten Treffen zur Rettung des angeschlagenen Autobauers teilnehmen. Fiat-Chef Sergio Marchionne sagte, sein Konzern könne nicht wegen einer Notlage außerordentliche Risiken eingehen. Es sei ihm nicht gelungen, vollen Einblick in die Bücher von Opel zu bekommen. Grundsätzlich sei man aber offen für weitere Gespräche mit allen Beteiligten.

Fiat-Chef Marchionne: Absage ans Kanzleramt
AP

Fiat-Chef Marchionne: Absage ans Kanzleramt

Fiat erklärte weiter, es wäre "wirtschaftlich unangemessen", weitere Zusagen für den Einstieg bei Opel zu machen. Der italienische Autokonzern habe bereits angeboten, seine Autosparte abzutrennen und ohne Schuldenlast mit Opel zusammenzuführen, erklärte Marchionne.

Die Bundesregierung will am Freitag einen neuen Anlauf zur Rettung von Opel starten. An den Verhandlungen im Kanzleramt nehmen unter anderem Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die zuständigen Bundesminister sowie Vertreter des Opel-Mutterkonzerns General Motors (GM) Chart zeigen und des US-Finanzministeriums teil. Sollte keine Lösung gefunden werden, schließt die Bundesregierung eine Insolvenz von Opel mit seinen rund 25.000 Beschäftigten in vier deutschen Werken nicht aus.

Dass Fiat schlechte Karten hat, deutete sich bereits an. Der italienische Autobauer sei an den Gesprächen nicht mehr beteiligt, berichtete die Nachrichtenagentur dpa-AFX zuvor unter Berufung auf Verhandlungskreise. "Fiat ist draußen", hieß es. Zwei weitere potentielle Partner, der Finanzinvestor Ripplewood und der chinesische Hersteller BAIC, wurden bereits zuvor aussortiert.

Damit rückt der letzte verbleibende Bieter Magna in den Fokus der Verhandlungen. Allerdings könnte sich auch der austro-kanadische Zulieferer bald aus dem Verkaufsprozess verabschieden. "Bild.de" berichtete am Freitag: "Auch Magna steht kurz davor hinzuschmeißen." Vertreter des Zulieferers und GM würden seit dem frühen Morgen in Berlin verhandeln, offenbar ohne Ergebnis, hieß es. Von GM gebe es immer neue Forderungen. Verhandlungskreise bestätigten SPIEGEL ONLINE, dass die Situation "sehr, sehr schwierig sei. Es sehe nicht positiv aus.

Dabei wurden Magna bislang die größten Chancen eingeräumt. Das Konzept sei am tragfähigsten, sagte Opel-Aufsichtsratsmitglied Armin Schild im Bayerischen Rundfunk. Es werde jedoch noch eine Menge zu verhandeln sein. Es sei Eile geboten, unterstrich der Bezirksleiter der IG Metall Frankfurt: "Die GM-Insolvenz steht unmittelbar bevor, jetzt läuft die Sanduhr ab." Deshalb plädiere er dafür, "jetzt die Brückenfinanzierung rechtzeitig vor der Insolvenz auf die Beine zu stellen."

Auch Bundesarbeitsminister Olaf Scholz räumte Magna die besten Chancen ein. Das Unternehmen habe "die Pole-Position", sagte der SPD-Politiker Scholz der "Berliner Zeitung". "Magna versteht etwas vom Autogeschäft." Außerdem habe der mögliche Investor klare finanzpolitische Vorstellungen und sei jederzeit zur Einigung bereit.

Erster Gipfel gescheitert

Das erste Spitzentreffen der Bundesregierung mit Vertretern der US-Regierung und den Opel-Interessenten in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag war ergebnislos abgebrochen worden. GM hatte überraschend einen neuen Finanzbedarf für Opel in Höhe von 300 Millionen Euro angemeldet, der bereits in den nächsten Tagen fließen soll. Die Regierung hatte abgelehnt, diese Summe zu übernehmen.

Der hessische Ministerpräsident Roland Koch erwartet in den Verhandlungen Zugeständnisse der US-Seite. "Ich sehe Bewegung, ob die Bewegung reicht, werden wir heute Mittag sehen", sagte Koch am Freitag im Deutschlandfunk. Die Beteiligten würden anerkennen, dass die Zeitpläne, die man in Deutschland habe, bei den Entscheidungen berücksichtigt werden müssten. In Hessen firmiert mit dem Standort Rüsselsheim eines der größten Opel-Werke in Deutschland.

Koch sagte, die Verhandlungen seien kompliziert. "Das ist ein schwieriger Prozess, er hat ein offenes Ende, er ist nicht ohne Risiken." Der CDU-Politiker forderte erneut eine langfristige positive Prognose für Opel. Die Bundesregierung hofft auf eine Entscheidung am Freitag, da am Wochenende eine Insolvenz der Opel-Mutter General Motors droht.

Streit zwischen USA und Deutschland

Das Scheitern des Gipfels am Mittwoch hat zu Verwerfungen zwischen Deutschland und den USA geführt. Wirtschaftsminister Karl Theodor zu Guttenberg (CSU) hatte sich "verwundert" über die Verhandlungsführung der US-Seite geäußert und hinzugefügt, das amerikanische Finanzministerium hätte sich "mehr Mühe geben können bei der Auswahl ihrer Vertreter". Auch Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) ließ deutliche Kritik an den USA erkennen.

Der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Jürgen Rüttgers (CDU), hat das Management von General Motors in Europa scharf attackiert. Rüttgers, ebenfalls ein Teilnehmer der langen Verhandlungsnacht im Kanzleramt, sagte der "Rheinischen Post", die Forderung nach 300 Millionen Euro Soforthilfe habe überrascht: "Ich glaube, General Motors Europa braucht ein neues Management. Dort herrscht Chaos." Rüttgers bekräftigte, man kämpfe rund um die Uhr und werde alles tun, um zu einer Lösung zu kommen. Leider sei die Unsicherheit für Opel-Mitarbeiter noch nicht beendet.

Die US-Regierung hat die Kritik aus Deutschland an ihrer Verhandlungsführung zurückgewiesen. "Wir wenden uns entschieden gegen die Vorstellung, dass es auf US-Seite an Interesse gemangelt habe", sagte ein Sprecher des Finanzministeriums. "Wir werden weiterhin alles tun, um eine positive Lösung für Opel zu finden", sagt er weiter.

Der Sprecher ging im Einzelnen auf die Kritikpunkte ein, die von deutschen Regierungsmitgliedern geäußert wurden. Den Vorwurf, die US-Regierung sei nur mit einem niederrangigen Beamten vertreten gewesen, wies er zurück: "Wir sind angemessen vertreten gewesen. Es ging hier um Verhandlungen zwischen Opel und der deutschen Regierung, nicht zwischen dem US-Finanzministerium und der deutschen Regierung."

Auch den Vorwurf, General Motors habe das Treffen mit einer unerwarteten Finanzforderung belastet, wollte der Sprecher nicht gelten lassen. "Eines unserer Prinzipien ist, dass das Geld amerikanischer Steuerzahler nicht zur Unterstützung von Opel verwendet wird", sagte er. "Die Gründe dafür dürften ja offensichtlich sein."

suc/Reuters/AFP/dpa-AFX

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