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03. November 2008, 15:25 Uhr

Rettungspaket

HSH Nordbank will 30 Milliarden Euro Staatsbürgschaften

Die HSH Nordbank nimmt das Rettungspaket der Bundesregierung in Anspruch. Sie werde milliardenschwere Bürgschaften beantragen, teilte das Institut in Kiel mit. Die Bank hat wegen der Finanzkrise in diesem Jahr bisher 360 Millionen Euro Verlust gemacht.

Kiel/Hamburg - Die angeschlagene HSH Nordbank beantragt Staatsbürgschaften von bis zu 30 Milliarden Euro. Dazu habe die Landesbank von Schleswig-Holstein und Hamburg sich am heutigen Montag entschlossen, teilte der Aufsichtsrat in Kiel mit. Darüber hinaus würden "Maßnahmen zur Rekapitalisierung" geprüft. Damit werde das Hilfspaket der Bundesregierung zur Stabilisierung des Finanzmarktes "teilweise" genutzt.

HSH-Zentrale in Kiel: Bürgschaften von bis zu 30 Milliarden Euro
AP

HSH-Zentrale in Kiel: Bürgschaften von bis zu 30 Milliarden Euro

HSH-Chef Hans Berger sagte, die Bank habe in diesem Jahr bisher rund 360 Millionen Euro Verlust gemacht. Für die ersten neun Monate nannte er einen Abschreibungsbedarf in Höhe von 1,3 Milliarden Euro. Weitere Wertberichtigungen im Jahresverlauf könne er "wegen der anhaltenden Marktturbulenzen" nicht ausschließen.

Ein Teil der Bürgschaft solle der Unterstützung der Geschäfte dienen, ein weiterer Teil solle als "Puffer" genutzt werden, um für weitere Turbulenzen auf den Finanzmärkten gerüstet zu sein, sagte Berger. Es gehe um eine "Vorsorgemaßnahme". Berger betonte, die Landesbank verfüge über ein ausreichendes Gesamtkapital von 13,5 Milliarden Euro und damit über eine Kapitalquote von 7,4 Prozent. Ein Zusammenschluss mit einer der anderen Landesbanken stehe "im Moment nicht auf der Agenda".

750 Stellen sollen bis 2010 wegfallen

Die HSH Nordbank, 2003 aus der Fusion der Landesbanken in Kiel und Hamburg entstanden, hat sich schwer getan mit dem staatlichen Rettungspaket. Krisenmeldungen über die Lage des Insituts taten Bankmanager bislang als "gänzlich falsch" ab, eine strategische Neuausrichtung ließ HSH-Chef Berger regelmäßig dementieren.

Dabei hatte die Landesbank schon Anfang Juli angekündigt, sie rechne für das zweite Halbjahr 2008 mit weiteren Abschreibungen, nachdem diese schon in den ersten sechs Monaten mehr als 511 Millionen Euro betragen hatten. Insgesamt belaufen sich die Abschreibungen inzwischen auf rund 2,3 Milliarden Euro, die Bank musste bereits eine Kapitalerhöhung von etwa zwei Milliarden Euro vornehmen.

Erstmals räumte die HSH Nordbank Ende Oktober ein, sie wolle das Rettungsangebot der Bundesregierung annehmen, ohne jedoch Details zu nennen. Das hatten Vorstand und Anteilseigner gemeinsam beschlossen. Aus internen Kreisen heißt es, man habe deshalb so lange hin- und herüberlegt, weil unklar war, wie sich "eine Inanspruchnahme der staatlichen Hilfe auf die Reputation des Instituts auswirken" würde.

Ein Sprecher der Bank erklärte dagegen, die HSH Nordbank habe keineswegs ihre Schwierigkeiten verheimlicht. "Wir haben sehr viel dafür getan, um uns wetterfest zu machen", sagte er SPIEGEL ONLINE. So würden bis 2010 rund 750 Stellen der insgesamt 4900 Arbeitsplätze gestrichen. Außerdem sei der Börsengang der Landesbank auf Ende 2010 verschoben worden. "Bei diesem Termin bleibt es, wenn die Marktlage es zulässt." Berichte über eine angeblich dramatische finanzielle Situation wies er zurück.

Option Staatsbeteiligung verworfen

Die Bedenken jedenfalls, das Rettungspaket zu nutzen, schwanden, nachdem auch die BayernLB sowie die Hypo Real Estate und nun sogar die Commerzbank, die zweitgrößte Privatbank in Deutschland, zugreifen wollen. "Geprüft werden alle Bestandteile des Maßnahmenpakets", sagte ein Sprecher noch am Montagmittag. Aktionäre der Landesbank, die den Bundesländern Hamburg (30,2 Prozent) und Schleswig-Holstein (29,1 Prozent), den Sparkassen (14,8 Prozent) sowie privaten Investoren (26,7 Prozent) gehört, traten am Montag zusammen und bestätigten schließlich Pläne, Bürgschaften zu beantragen.

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Experten zufolge hatten die Bankmanager neben der Bürgschaftslösung auch eine direkte Eigenkapital-Beteiligung des Staates erwogen, diese Option dann aber verworfen.

Ein Sprecher des schleswig-holsteinischen Finanzministeriums erklärte, er rechne in diesem Jahr nicht mit einer Dividende von der Landesbank. Für 2009 werde die Ausschüttung "deutlich niedriger ausfallen". Banken, die unter den Rettungsschirm der Bundesregierung schlüpften, müssten sich den Auflagen beugen - dazu gehöre bei einer Kapitalbeteiligung auch, dass die Dividende gestrichen werde.

In den vergangenen Wochen hat die HSH Nordbank eine Menge Kritik einstecken müssen. So warfen ihr Mitarbeiter der Kieler Lindenau Werft im September vor, wegen der Finanzkrise "plötzlich unmögliche Sicherheiten für Kredite" zu fordern. Die Bank hatte von der Werft, die 2007 vier Millionen Euro Verlust machte, ein Sanierungskonzept gefordert, obwohl der Schiffshersteller volle Auftragsbücher hat. "Offensichtlich haben die kein Kapital mehr, um Kredite zu vergeben", hieß es.

Auch WestLB berät über staatliche Hilfe

Die HSH Nordbank und andere Institute lehnten schließlich die Vorfinanzierung eines Tankers ab, die Werft stellte am 22. September einen Insolvenzantrag. Erst nach politischer Intervention und nachdem die Werft die Bedingung akzeptierte, den Schiffbau durch einen unabhängigen Sachverständigen überwachen zu lassen, sagte die HSH Nordbank dem Unternehmen Ende Oktober einen Kredit über 28 Millionen Euro zu und sicherte damit den Fortbestand der Firma sowie die Beschäftigung ihrer 370 Angestellten und 150 Leiharbeiter.

Das umfangreiche Sponsoring, das die HSH Nordbank betreibt - unter anderem für das Schleswig-Holstein Musik Festival, die Kieler Woche, den Hamburger Volkslauf HSH Nordbank Run sowie mit vier Millionen Euro pro Jahr für die HSH-Nordbank-Arena, Heimatstadion des HSV - will das Geldhaus nicht streichen. "Was das betrifft, sind wir Verträge eingegangen, die wir auch erfüllen", sagte eine Sprecherin auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE.

Auch die WestLB will in Kürze über eine Inanspruchnahme des staatlichen Rettungspakets entscheiden. Auf einer Aufsichtsratssitzung am heutigen Montag soll unter anderem beraten werden, in welcher Form die Landesbank auf die Hilfe zurückgreifen will. Ein WestLB-Sprecher sagte, noch sei nicht absehbar, wann eine Entscheidung falle.

kaz

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