Rettungsversuch für Karstadt: Arcandor lässt sich auf Warenhaus-AG ein
Jetzt also doch: Arcandor strebt ein Zusammengehen von Kaufhof und Karstadt an, um dadurch an staatliche Hilfen zu kommen. Die Einzelheiten soll ein Krisengipfel mit dem Handelsriesen Metro klären. Die Zeit drängt - denn schon am Montag könnte dem angeschlagenen Warenhauskonzern das Geld ausgehen.
Essen - Es bleibt ihm wohl nichts anderes übrig: Der angeschlagene Handelskonzern Arcandor scheint sich auf ein Zusammengehen von Kaufhof und Karstadt einzulassen. Eine Lösung in Richtung Deutsche Warenhaus AG mit dem Metro-Konzern sei eine Möglichkeit, eine der Voraussetzungen für Staatsbürgschaften oder Rettungsbeihilfen zu erfüllen, sagte Arcandor-Sprecher Gerd Koslowski am Sonntag. "Wir setzen alle Hebel in Bewegung", so Koslowski weiter.
Kunden vor Karstadt-Filiale: Staatshilfe oder privatwirtschaftliche Option?
Damit wolle Arcandor eine der Forderungen der Politik - das Voranbringen einer Fusion der Arcandor-Tochter Karstadt mit der Metro-Tochter Kaufhof - erfüllen, sagte Koslowski. Ihm zufolge ist allerdings die angestrebte Warenhaus AG aus Karstadt und Kaufhof "keine Finanzierungsalternative" zu den Staatshilfen. Diese seien trotzdem nötig.
Zuvor hatte Metro-Chef Eckhard Cordes Arcandor Zögerlichkeit bei der Rettung der Karstadt-Häuser vorgeworfen. "Die Zeit läuft Karstadt davon", sagte Cordes der Zeitung "Bild am Sonntag". Jeder Tag, an dem der Karstadt-Mutterkonzern Arcandor mit anderen Optionen spiele oder neue Optionen für Staatshilfen erörtere, sei ein verlorener Tag für konkrete Verhandlungen. Cordes kritisierte gleichzeitig, das Zögern und Zaudern des Konzerns finde letztlich auf dem Rücken der Mitarbeiter statt. "Es ist schon eigenartig: Ausgerechnet diejenigen, die uns immer vorgeworfen haben, wir spielten mit der Insolvenz, tragen mit ihrem Verhalten zu einer solchen Entwicklung bei", sagte Cordes.
Metro will Klarheit
Tatsächlich steht der angeschlagene Warenhauskonzern kurz vor dem Aus: Wenn die Bundesregierung den beantragten Notkredit von 437 Millionen Euro am Montag ablehne, müsse Arcandor noch am gleichen Tag Insolvenz anmelden. "Dann bleibt uns keine andere Wahl", sagte Arcandor-Sprecher Koslowski. Ohne staatliche Hilfszusage werde Arcandor am kommenden Freitag zahlungsunfähig. Dann läuft ein 650-Millionen-Euro-Kredit aus.
Um die Zahlungsunfähigkeit in letzter Minute abzuwenden, treffen sich am Sonntag Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick, Metro-Chef Cordes und der Deutschland-Chef der Investmentbank Goldman Sachs, Alexander Dibelius, sagte Koslowski. Goldman Sachs
ist Haupteigentümer der Immobiliengesellschaft Highstreet, der die meisten Karstadt- Warenhäuser gehören. Karstadt zahlt nach Informationen des SPIEGEL seit Freitag keine Miete mehr.
Bislang hat sich der Konzern allerdings noch nicht abschließend geäußert, wie er der Zahlungsunfähigkeit begegnen will. Metro-Sprecher Michael Inacker hatte deshalb in einer Mitteilung verlangt, Arcandor
müsse bei dem Treffen Klarheit über den angestrebten Weg zur Rettung der Karstadt-Warenhäuser schaffen: "Dabei sollten Eigentümer und Management von Arcandor erläutern, welcher Lösung - Staatshilfe oder privatwirtschaftliche Option - sie den Vorzug geben", sagte Inacker.
Metro
gehe davon aus, dass auch über den von Vorstandschef Eckhard Cordes vorgeschlagenen vierstufigen Fahrplan zur Rettung der Karstadt-Warenhäuser geredet werde. "Darüber hinaus wird es in dem Gespräch auch darum gehen, die Ernsthaftigkeit zu klären, mit der alle Beteiligten sehr zeitnah einen konstruktiven Beitrag zur Rettung von Karstadt-Warenhäusern und deren Arbeitsplätzen leisten können", so Inacker weiter.
Politik hat kein Interesse an Staatshilfe
Klar ist nur: Von Seiten der Politik gibt es wenig Interesse an staatlicher Unterstützung. "Bei Arcandor muss man zunächst einmal die Eigentümer und die Gläubiger stärker fordern, zumal es Teile des Konzerns gibt, die wirtschaftlich gesund sind, wie zum Beispiel der Touristikbereich", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel der "Bild am Sonntag". "Das sind Fragen, die beantwortet werden müssen, bevor über Staatshilfen nachgedacht wird."
Bei Arcandor habe es "ein erhebliches Missmanagement mit äußerst ungünstigen Vertragsgestaltungen, zum Beispiel bei den Mietverträgen" gegeben, so die Kanzlerin weiter. "Da ist es überhaupt nicht einzusehen, warum manche in der SPD den deutschen Steuerzahler mit einem Risiko belasten wollen und nicht vielmehr an diesen Ursachen ansetzen."
Stattdessen forderte Merkel die Geschäftsführung auf, Gespräche mit Kaufhof über eine Fusion der beiden Warenhausketten zu führen. "Es gibt zum Beispiel andere Unternehmen wie die Kaufhof-Betreiber, die Interesse an den Karstadt-Häusern haben. Ich rate der Geschäftsleitung sehr dazu, die entsprechenden Gespräche zu führen und nicht zu versuchen, stattdessen allein den Staat unter Druck zu setzen."
Auch Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) steht Staatshilfe skeptisch gegenüber. Dem SPIEGEL sagte er: "Die Eigentümer des Unternehmens müssen nachprüfbar bereit sein, ihr Eigenkapital zu erhöhen." Zudem brauche es ein "Stillhalteabkommen der Gläubigerbanken", andernfalls sei der Einsatz von Steuergeldern nicht zu rechtfertigen. "Wer sich jetzt mit einem nicht plausiblen Konzept zufriedengibt, zynisch kalkulierend, ob es über die anstehenden Wahlen reicht, spielt mit dem Schicksal der Betroffenen", so der Minister weiter.
Karstadt-Stammhaus in Wismar besetzt
Im Ringen um staatliche Hilfen für ihren Mutterkonzern haben Karstadt-Beschäftigte unterdessen symbolisch des Karstadt-Stammhaus in Wismar besetzt. Zugleich wurden Unterschriften von Passanten gesammelt. Damit wollen die rund 50 Beschäftigten für die Rettung ihrer Arbeitsplätze demonstrieren, sagte Filialleiter Ralf Lehmkuhl. In Wismar hatte der Kaufmann Rudolph Karstadt 1881 sein erstes Geschäft eröffnet. Bundesweit sind von Sonntag an Mahnwachen, symbolische Hausbesetzungen und Solidaritätsaktionen geplant.
Angesichts der schwierigen Lage will sich Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee (SPD) am Montag mit Oberbürgermeistern der betroffenen Städte und Vertretern des Unternehmens treffen. Bei den Gesprächen sollen mögliche Hilfen aus der Städtebauförderung erörtert werden. "Kaufhäuser machen unsere Innenstädte attraktiv. Brechen sie weg, verlieren auch die Stadtzentren an Anziehungskraft", erklärte der für Stadtentwicklung zuständige Minister am Sonntag in Berlin. "Wir dürfen nicht zulassen, dass unsere Innenstädte verkümmern, dass aus lebendigen Plätzen öde Leerflächen werden." Tiefensee strebt auch die Verabschiedung einer gemeinsamen Erklärung an.
Die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di hat Kanzlerin Merkel unterdessen in einem eindringlichen Appell zu staatlichen Hilfen zum Erhalt der Arbeitsplätze bei Arcandor noch an diesem Montag aufgefordert. "Ohne die Hilfe der Politik geht es nicht. Die Rettungsbeihilfe muss am Montag kommen", verlangte die stellvertretende Gewerkschaftsvorsitzende Margret Mönig-Raane am Sonntag zusammen mit Betriebsräten. Ansonsten sei eine Insolvenz nicht abzuwenden.
Die Eigentümer, die Vorstände des Arcandor-Konzerns, Betriebsräte und Ver.di könnten eine schnelle Lösung finden, sofern seitens der Bundesregierung der Wille dazu bestünde, fügte Mönig-Raane hinzu. Voraussetzung dafür sei allerdings, dass die Regierung ihre Entscheidung für eine Rettungsbeihilfe noch am morgigen Montag treffe.
Ver.di verlangte von Merkel auch die Einberufung eines runden Tisches. "Bitte holen Sie umgehend alle Beteiligten, die zur Lösung dieser existentiellen Krise von Arcandor beitragen können und müssen, an den Tisch - und lassen Sie sie erst wieder gehen, wenn eine Lösung gefunden ist", sagte die Gewerkschaftsvize.
Mehr zum Thema im SPIEGEL-TV-Magazin, Sonntag 22.35 Uhr auf RTL
sam/dpa/AP
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