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Rezession: Absturz der Industrieproduktion schockiert Experten

Die Wirtschaftskrise in der Euro-Zone eskaliert: Die Industrieproduktion ist Ende 2008 so stark eingebrochen wie nie zuvor - die EU-Kommission zeigt sich bestürzt vom Ausmaß und Tempo der Verschlechterung. Volkswirte erwarten nun neue Absatzeinbrüche und Stellenabbau.

Brüssel/Frankfurt am Main - Alarmstimmung in der EU: Immer deutlicher zeigt sich, wie stark die Wirtschaftskrise die Staatengemeinschaft trifft. Besonders hohe Einbußen verzeichnet die Industrie: Die Firmen des produzierenden Gewerbes stellten im Dezember 2,6 Prozent weniger her als im November, teilte die europäische Statistikbehörde Eurostat am Donnerstag mit.

Maschinenbau in Deutschland: Hohe Einbußen in der Industrie
DPA

Maschinenbau in Deutschland: Hohe Einbußen in der Industrie

Verglichen mit dem Vorjahr ging die Produktion sogar um 12 Prozent zurück - das ist das stärkste Minus seit Beginn der Datenerhebung 1990. Im November war die Industrieproduktion revidierten Berechnungen zufolge gegenüber dem Vormonat bereits um 2,2 Prozent und auf Jahressicht um 8,4 Prozent gesunken.

Beobachter zeigten sich enttäuscht. Volkswirte hatten auf Vormonatssicht mit einem Rückgang um 2,5 Prozent und im Jahresvergleich mit einem Minus von 9 Prozent gerechnet. Sie erwarten nun einen kräftigen Einbruch der Wirtschaftsleistung im vierten Quartal und sehen auch für den Jahresauftakt 2009 keine Belebung.

"Das Produktions-Minus auf Jahressicht ist doppelt so hoch wie die schlechteste Rate während der Rezession Anfang der Neunziger", sagte Ken Wattret von BNP Paribas. Die aktuelle Entwicklung werde zu einem massiven Stellenabbau führen, dies wiederum werde den wirtschaftlichen Abschwung aufrechterhalten, erklärte Wattret.

"Die Industrie des Euroraums befindet sich damit in einer Rezession, die frühere Schwächephasen an Tiefe und Breite in den Schatten stellt", sagte Postbank-Volkswirt Heinrich Bayer. Zumindest für das erste Quartal sei mit weiteren Produktionseinschränkungen zu rechnen.

EU warnt vor Industriekrise

Die EU-Kommission warnt vor einer schweren Krise in der Industrie. Ausmaß und Geschwindigkeit der Krise seien völlig neu, zitiert die "Financial Times Deutschland" EU-Industriekommissar Günter Verheugen. Eine der Zeitung vorliegende interne Analyse beschreibt anhand von Beispielen aus dem verarbeitenden und dem Baugewerbe ungekannte Produktions- und Absatzeinbrüche. Der seit 1985 von der EU-Generaldirektion Wirtschaft und Finanzen erstellte Geschäftsklimaindex sei auf das niedrigste Niveau seit seiner Einführung gefallen.

Angesichts der dramatischen Zahlen rechnen die Experten damit, dass die Rezession in der Euro-Zone zum Jahresende an Fahrt gewonnen hat. Im Herbst 2008 dürfte die Wirtschaft nach Einschätzung von Analysten um 1,3 Prozent geschrumpft sein, nach einem Minus von 0,2 Prozent im Sommer. "Es gibt aber nach den jüngsten Daten ein sehr klares Risiko, dass der Rückgang noch größer war", warnte Howard Archer von IHS Global Insight.

EZB erwartet anhaltende Konjunkturschwäche

Auch die Europäische Zentralbank (EZB) rechnet vorerst nicht mit einem Ende der wirtschaftlichen Talfahrt. "Für die kommenden Quartale geht der EZB-Rat nach wie vor von einer anhaltenden Konjunkturschwäche im Euro-Gebiet aus", heißt es im Monatsbericht der Notenbank vom Donnerstag. Die Konjunkturaussichten seien weiterhin mit einer außergewöhnlich großen Unsicherheit behaftet.

Die Währungshüter warnten die Politik im Monatsbericht insbesondere vor der "Intensivierung von Protektionismusbestrebungen", wie sie etwa die tschechische EU-Ratspräsidentschaft beklagt. Hintergrund: Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy hatte angekündigt, die französischen Autobauer dürften milliardenschwere Hilfskredite des Staates nur in ihrem Heimatmarkt ausgeben, was unter anderem in Tschechien auf Widerstand stößt. Auf einem Sondertreffen in Brüssel am 1. März sollen die Streitigkeiten beigelegt werden.

Die EZB mahnte die Regierungen in der Euro-Zone zudem, die Staatsverschuldung trotz der schweren Wirtschaftskrise im Zaum zu halten. "Um das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Nachhaltigkeit der öffentlichen Finanzen zu stärken, ist es unabdingbar, dass sich die Regierungen so bald wie möglich wieder auf ein glaubwürdiges Bekenntnis zu mittelfristigen Haushaltszielen besinnen", verlangten die Währungshüter.

Die EU-Kommission erwartet derzeit, dass sieben Euroländer 2009 die im EU-Stabilitätspakt festgelegte Obergrenze für das Haushaltsdefizit von drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) durchbrechen werden.

Spanien in der Rezession

Inzwischen rutschte auch Spanien in die Rezession: Das nationale Statistikinstitut erklärte in Madrid, das Bruttoinlandsprodukt sei im letzten Quartal 2008 um 1 Prozent gesunken, nach 0,3 Prozent im Quartal davor. Damit ist die übliche Definition von Rezession - Schrumpfen der Wirtschaft in zwei Quartalen in Folge - erfüllt.

Angesichts der stark gedämpften Wirtschaftsentwicklung und des dadurch deutlich geminderten Inflationsdrucks scheinen weitere Leitzinssenkungen wahrscheinlich. Die Teuerungsrate im Euro-Raum sei nach Vorausschätzung von Eurostat im Januar 2009 auf 1,1 Prozent zum Vorjahreswert gesunken, nach 1,6 Prozent im Dezember.

Die EZB hatte den Leitzins zuletzt im Januar um 0,5 Punkte auf 2 Prozent gesenkt, ihn im Februar aber unverändert gelassen. EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hatte nach der Ratssitzung gesagt: "Ich schließe nicht aus, dass wir die Zinsen bei der nächsten Sitzung zurücknehmen werden." Er habe "schon gesagt, dass zwei Prozent nicht das niedrigste Niveau ist, auf das wir uns festlegen werden".

suc/Reuters/ddp/dpa-AFX/AP

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