Rezession US-Wirtschaft verliert halbe Million Jobs in vier Wochen

Die Rezession in den USA schlägt nun mit voller Wucht auf den Jobmarkt durch. In nur einem Monat haben die Arbeitgeber 533.000 Stellen gestrichen, viel mehr als sogar von Pessimisten erwartet. Die New Yorker Börse rutscht ab, der Dax schloss tief in der Verlustzone.


New York/Frankfurt am Main - "Die Wirtschaft blutet Jobs" - so martialisch titelt die amerikanische Finanz-Internet-Seite Marketwatch.com nach Bekanntwerden der neuen Arbeitsmarktzahlen. Die Daten: Die Arbeitslosigkeit erreichte im November den höchsten Stand seit 15 Jahren. Die Unternehmen strichen mehr als eine halbe Millionen Stellen und damit so viele wie seit 34 Jahren nicht mehr.

Experten sagen der weltgrößten Volkswirtschaft eine lange Rezession mit weiteren Jobverlusten voraus. Die Arbeitslosenquote kletterte von 6,5 Prozent im Vormonat auf 6,7 Prozent, wie das Arbeitsministerium am Freitag mitteilte. Das ist der höchste Wert seit 1993. Auch in der deutschen Wirtschaft beschleunigt sich die Talfahrt.

Arbeitslose in den USA (in New York): Experten erwarten 2009 keine Belebung
Getty Images

Arbeitslose in den USA (in New York): Experten erwarten 2009 keine Belebung

Der Dow Jones Chart zeigen verlor zum Börsenschluss in Europa 1,5 Prozent auf 8248 Punkte. Der technologielastige Nasdaq-Composite verzeichnete ein Minus von 1,1 Prozent auf 1429 Zähler. Zum Wochenausklang notierte auch der deutsche Aktienmarkt im Minus. Der Deutsche Aktienindex Dax büßte zum Handelsschluss vier Prozent auf 4381 Punkte ein. Der MDax verlor 4,5 Prozent auf 4958 Zähler, der TecDax rutschte um 4,09 Prozent auf 467 Punkte.

In den US-Unternehmen (ohne Landwirtschaft) fielen 533.000 Jobs weg - 213.000 mehr als im Oktober. Ein stärkeres Minus gab es zuletzt im Dezember 1974 mit 602.000. Jobs wurden quer durch alle wichtigen Branchen abgebaut.

"Es ist schrecklich", sagte der Experte von Capital Management, Michael Kastner. "Das sind wirklich fürchterliche Zahlen", sagte der Chefvolkswirt von Global Insight, Nigel Gault. Andere Experten gebrauchten Vokabeln wie "grausam", "schockierend", "desaströs" oder "unfassbar". Der US-Wirtschaft stehen damit wirtschaftlich schwere Zeiten ins Haus.

Deutschlands Wirtschaftswachstum seit 1962 (mit OECD-Prognose für 2008 und 2009)
DER SPIEGEL

Deutschlands Wirtschaftswachstum seit 1962 (mit OECD-Prognose für 2008 und 2009)

Analysten hatten mit einer so dramatischen Entwicklung nicht gerechnet, sondern lediglich den Wegfall von 340.000 Stellen erwartet. Die Entwicklung am Arbeitsmarkt ist entscheidend für die privaten Konsumausgaben, die wiederum gut zwei Drittel der gesamten Wirtschaftsleistung ausmachen. Experten erwarten 2009 keine Belebung auf dem Arbeitsmarkt.

Ende nächsten Jahres werde die Arbeitslosenquote sogar bei neun Prozent liegen, hieß es. Die USA stecken bereits seit einem Jahr in der Rezession, deren Ende nicht absehbar ist. Sie ist bereits jetzt die drittlängste seit der "Großen Depression" in den dreißiger Jahren, die knapp vier Jahre währte. Die US-Notenbank versucht mit Zinssenkungen gegenzusteuern. Obwohl der Leitzins nur noch 1,0 Prozent beträgt, gelten weitere Schritte nach unten als ausgemacht.

Der neugewählte US-Präsident Barack Obama erwägt nach seiner Amtsübernahme im Januar, ein Konjunkturprogramm in dreistelliger Milliardenhöhe aufzulegen. Wegen der Sorge vor einer globalen Rezession fiel auch der Ölpreis auf rund 42 Dollar je Barrel - den tiefsten Stand seit fast vier Jahren.

Die Zahlen vom Arbeitsmarkt seien furchtbar, sie "unterstreichen das Rezessionsszenario in den USA", sagte Volkswirt Lothar Hessler von HSBC Trinkaus. Es gebe überhaupt keinen Grund mehr in diesem Jahr noch am Aktienmarkt zu investieren, sagte ein anderer Händler. "Das Jahr 2008 ist für die Börsianer gelaufen."

Der Dax in Frankfurt am Main war schon mit Abschlägen in den Tag gestartet. Einige Investoren hätten sich "vorsorglich" von ihren Aktien getrennt, weil sie mit schlechten US-Daten gerechnet hätten, sagte ein Börsianer. "Andere wieder verkaufen, weil sie ihr Aktienengagement über das Wochenende minimieren wollen, um nicht durch unvorhergesehene Ereignisse auf dem falschen Fuß erwischt zu werden."

Nach Auffassung mehrerer Experten wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im kommenden Jahr wesentlich stärker schrumpfen als bislang angenommen. Commerzbank-Experte Ralph Solveen zufolge befindet sich Deutschland "in der schlimmsten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg". Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Norbert Walter meint, mit einer Wahrscheinlichkeit von einem Drittel schrumpfe das BIP 2009 sogar um vier Prozent. Auch die Bundesbank revidierte am Freitag ihre ursprünglichen Prognosen.

Im Oktober hat sich der massive Rückgang der Auftragseingänge fortgesetzt. Wie das Bundeswirtschaftsministerium auf Basis vorläufiger Daten mitteilte, fielen die Bestellungen preis- und saisonbereinigt um 6,1 Prozent gegenüber dem Vormonat. Gegenüber dem Vorjahr belaufe sich der Rückgang auf 17,3 Prozent. Tendenziell nehme "die Nachfrage aus dem Ausland und hier speziell die aus der Euro-Zone stärker ab als die aus dem Inland". Carsten Brzeski von ING Bank zufolge blickt das verarbeitende Gewerbe "derzeit in eine sehr düstere Zukunft".

Im Blick der Börsianer blieb weiterhin die Automobilbranche. Am Freitag traten die Chefs der drei US-Branchenriesen General Motors (GM) Chart zeigen, Ford Chart zeigen und Chrysler erneut vor den US-Kongress, wo sie um Staatshilfen von bis zu 34 Milliarden Dollar bitten. Alle drei Konzerne kündigten dafür spritsparendere Modelle und eine erhebliche Senkung der Produktionskosten an. GM und Chrysler zeigten sich sogar bereit zu fusionieren. "Selbst wenn es dazu kommt und Dutzende Fabriken geschlossen werden, ändert das nichts an dem eigentlichen Problem: Derzeit will kaum jemand ein Auto kaufen", sagte ein Börsianer.

Unter Verkaufsdruck standen europaweit auch die Versorger, die Händlern zufolge von einem negativen Analystenkommentar von Goldman Sachs belastet wurden. Wegen der hohen Verschuldung und des Refinanzierungsbedarfs drohten Kürzungen bei Investitionen und Dividenden oder sogar Kapitalerhöhungen, hieß es. Die Papiere von E.on und RWE verloren jeweils rund vier Prozent und gehörten damit zu den schwächsten Werten im Dax.

Im Nebenwerte-Index MDax Chart zeigen bildeten die Aktien von EADS Chart zeigen mit einem Minus von zeitweise über sechs Prozent das Schlusslicht. Einige nationale Gesellschaften der Flugzeugtochter Airbus benötigen vom Mutterkonzern eine Kapitalspritze von insgesamt zwei Milliarden Euro. "Die Ausgaben für laufende Programme liegen bei den nationalen Gesellschaften, die Gewinne landen bei der Airbus-Gruppe. Das hat zu einem Ungleichgewicht in der Bilanz geführt", erklärte ein Airbus-Sprecher die Notwendigkeit des Schritts.

suc/dpa-AFX/Reuters/ddp



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.