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Rezessionsangst: Autobranche fürchtet den Crash

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Droht nach dem Bankenbeben die Autokrise? Opel, BMW & Co. müssen schon jetzt ihre Produktion drosseln, weil die Nachfrage wegbricht. Vieles deutet darauf hin, dass es noch schlimmer kommt - die Branche kämpft mit massiven Problemen. Schon bald könnte es Übernahmen geben.

Berlin - Folgt man den Kommunikationschefs der großen Autokonzerne, dann sind die am diesen Dienstag verkündeten Produktionskürzungen ein ganz alltäglicher Vorgang. Man wolle "keine Autos auf Halde" bauen, erklärt zum Beispiel der Sprecher der Rüsselsheimer General-Motors-Tochter Opel. Das drücke nur die Neuwagenpreise und Restwerte der Autos, die auf dem Markt seien.

Ford-Produktion in Saarlouis: Leiharbeiter quittieren den Dienst
DDP

Ford-Produktion in Saarlouis: Leiharbeiter quittieren den Dienst

Sein Kollege von BMW verwies auf die stockende Nachfrage aus den USA. Die Produktion solle deshalb bis zum Jahresende um 20.000 bis 25.000 Fahrzeuge reduziert werden, die ursprünglich für den US-Markt vorgesehen waren. "Bei Bedarf kann sich diese Zahl auch noch erhöhen." Auch Mercedes passt seine Produktion an. Bereits im Sommer habe das Unternehmen angekündigt, den Ausstoß um rund 45.000 Autos zu reduzieren, erklärte ein Sprecher. Eine zusätzliche Drosselung angesichts des aktuellen Absatzrückgangs sei aber nicht geplant.

Noch kommen die Mitarbeiter glimpflich davon. In allen Werken soll der Schichtausfall durch den Abbau der Guthaben auf den Arbeitszeitkonten abgefedert werden. Lediglich im Ford-Werk Saarlouis werden rund 200 Leiharbeiter vorzeitig den Dienst quittieren. Die 6500-köpfige Stammbelegschaft ist den Angaben zufolge nicht betroffen.

Routine also? Business as usual in der atmenden Fabrik? Beobachter der Branche sind skeptisch: "Ich glaube, wir sehen hier die ersten Vorboten der Entwicklung", sagt Stefan Müller, Partner bei der Hedgefonds-Gesellschaft Proprietary Partners. "So wie zu Beginn der Finanzkrise Mitte 2007." Seine Prognose: Es werde die Automobilbranche in den kommenden Jahre ähnlich hart treffen wie die Bankenwelt.

Tatsächlich spricht einiges für dieses These, wenn man die Rahmenbedingungen in Rechnung stellt. Denn die Probleme, vor denen die Branche steht, sind wahrhaft erdrückend:

Die Konjunktur: Angesichts der Rezessionsgefahr stellen die Verbraucher ihre Kaufentscheidung für ein Auto weltweit zurück. Besonders drastisch ist die Nachfrage in den vergangenen Monaten in den USA gefallen. Die Platzhirsche General Motors, Ford und Chrysler mussten Einbrüche von teilweise mehr als 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr hinnehmen. Um überhaupt noch Autos loszuschlagen, bieten Händler den Rabatt nicht selten als Bargeldzuschlag an. Spritpreisgarantien gehören schon beinahe immer dazu. Aber auch BMW, Mercedes und Porsche bekommen die Angst zu spüren. Kaufentscheidungen werden zurzeit einfach aufgeschoben.

Modellpolitik: Zur Nachfrageschwäche hat nicht zuletzt auch eine verfehlte Modellpolitik beigetragen. Aber nicht nur in den USA haben speziell den Premiumhersteller den Trend zum Downsizing verschlafen und stattdessen immer absurdere Nischenmodelle entwickelt. BMW etwa brachte im Frühjahr den X6 auf den Markt, ein Geländewagen mit brachial starkem Achtzylinder, mehr als zwei Tonnen schwer und mit dem Platzangebot eines Coupes. Mercedes landete mit der R-Klasse, einem überdimensionalen Kombi, einen Flop.

Spritpreis: Die Nachfrageschwäche hat ganz entscheidend mit den hohen Preisen für Benzin und Diesel zu tun. Wer kann, der reduziert seine Jahresfahrleistung - und ordert einen möglichst sparsamen Motor. Die großvolumigen und kraftstrotzenden Acht- und Zwölfzylinder entwickeln sich derweil im Eiltempo zu Ladenhütern. Mercedes etwa meldet für die E- und S-Klasse sowie für die Geländewagen deutlich gesunkene Verkaufszahlen. Lediglich der Kleinstwagen Smart schaffte hohe Zuwächse. Allein im September entschieden sich nach Angaben der Stuttgarter weltweit 11.500 Kunden für einen Fortwo - zehn Prozent mehr als im Vorjahresmonat. Daimler spricht denn auch von einem "sehr schwierigen Marktumfeld in Westeuropa, Japan und den USA". Die hohen Wachstumsraten in China konnten das Minus in den anderen Regionen nicht ausgleichen.

Forschung und Entwicklung: Angesichts der anhaltend hohen Ölpreise dämmert es inzwischen selbst denen, die überzeugt sind, dass der Strom aus der Steckdose kommt: Das Angebot an Öl wird auf Dauer wohl knapper bleiben als die Nachfrage - das Missverhältnis wird sich sogar noch extrem verschärfen. Wenn wir auch in Zukunft nicht auf individuelle Mobilität verzichten wollen, kommen wir um alternative Antriebe nicht herum - eine Erkenntnis, die die gesamte Industrie Jahrzehnte lang ignoriert hat und die jetzt umso dringlichere Schritte erfordert. Allein: Die Entwicklung leistungsfähiger Hybridsysteme und nutzbarer Batterien braucht Zeit, selbst wenn man noch soviel Geld in die Hand nimmt. Daran aber fehlt es, denn die Verbraucher haben sich mit einem Tempo umorientiert, mit dem niemand in der Industrie gerechnet hätte.

Finanzen: Zu allem Überfluss kostet die Entwicklung der neuen Antriebsgeneration extrem viel Geld. Aber nur wenigen Konzernen stehen große Bargeldreserven zur Verfügung. Denn die Finanzkrise hat dazu geführt, dass Kredite derzeit kaum oder nur zu nahezu unzumutbaren Bedingungen zu bekommen sind. Autohersteller, die ohnehin schon kriseln oder gar vor dem Abgrund stehen, bekommen hingegen nirgendwo mehr einen Wechsel auf die Zukunft.

Die Finanzkrise ist damit endgültig in der Realwirtschaft angekommen. Und sie trifft sie weit härter, als selbst Pessimisten vorauszusagen gewagt haben. Bleibt nur die Frage, welche Hersteller es als erste treffen wird. Kandidaten für die sind jedenfalls die großen Drei aus Detroit. Aber auch die deutschen Premiumhersteller dürfen sich keineswegs sicher sein. BMW zum Beispiel gilt nach Überzeugung nicht weniger Experten als Fall für eine Übernahme. Die Münchner sind demnach zu klein und zu kapitalschwach, um die Herausforderungen aus eigener Kraft meistern zu können.

Noch stärker in Gefahr sind allerdings die europäischen Töchter der US-Konzerne Ford und Opel. Gerüchte, dass sie die Zeche für die Fehlentscheidungen in Detroit bezahlen müssen, werden zwar beharrlich dementiert. Doch die Frage bleibt, wie sie sich aus dem Abwärtssog befreien sollen.

Welches Unternehmen die heraufziehende Krise überstehen wird, darüber sind die Beobachter uneins. "Die deutschen Hersteller sind sicher sehr gut aufgestellt", sagt einer. "Doch da sind einige Rahmenbedingungen, die selbst die Topkonzerne nicht selbst bestimmen können." Eine spektakuläre Pleite erwartet niemand, jedenfalls nicht in Europa. Übernahmen - oder zumindest enge Kooperationen - könnten aber schon bald auf der Tagesordnung stehen.

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