Rezessionsangst Börsen wetten auf globalen Abschwung

Weltweit fallen die Aktienkurse - trotz der zahlreichen Bankenrettungspakete. An der Börse glauben nur wenige, dass diese Hilfe ausreicht, um die Lage in den Griff zu bekommen. Ein Ende der Talfahrt sehen sie noch nicht, warnen aber vor Hysterie.

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Hamburg - Die Börsen machen derzeit die größten Tagesverluste in ihrer Geschichte - und legen dann, nach Bekanntwerden staatlicher Hilfspakete, wieder so stark zu wie nie zuvor. Zehn Prozent Verlust oder mehr sind möglich, dann wieder zehn Prozent Gewinn. Selbst erfahrene Analysten und Aktienhändler sagen, sie hätten solche Kursausschläge noch nicht erlebt.

Börsianer in Frankfurt: Auf und Ab wie noch nie
DPA

Börsianer in Frankfurt: Auf und Ab wie noch nie

Doch was ist der Grund für das hysterische Auf und Ab? Eine Finanz- und Bankenkrise? Eine Börsenkrise? Eine Konjunkturkrise? Oder gar eine System- und Strukturkrise? Womöglich alles zusammen? Ist die Marktwirtschaft am Ende?

Experten sprechen von zwei Problemen: einer Krise der Finanzmärkte einerseits und einem weltweiten Wirtschaftsabschwung andererseits. "Die staatlichen Rettungspakete haben das erste Problem zumindest aufgefangen, aber es war zu spät, um die Auswirkungen auf die Konjunktur zu begrenzen", sagt Markus Wallner, Börsenanalyst bei der Commerzbank Chart zeigen. "Die konjunkturellen Schwierigkeiten hätten wir aber auch ohne Bankenkrise gehabt, nur später."

Die Börsen, das ist eine Weisheit, die so alt ist die die Börsen selbst, spiegeln nur die Markterwartungen wider: Mit jeder neuen Meldung über Bankenprobleme nahm die Untergangsstimmung an den Aktienmärkten deshalb zu. Der Dax beispielsweise verlor binnen einer Woche rund ein Viertel seines Wertes, allein am vergangenen Freitag brach der deutsche Leitindex zeitweise um mehr als zehn Prozent ein. Am Wochenende arbeiteten Regierungen in aller Welt eifrig an Garantien für Banken und an Kapitalspritzen, verbunden mit staatlichen Beteiligungen - und die Börsen feierten die Pläne am vergangenen Montag. Der Dow-Jones-Index Chart zeigen an der Wall Street schloss mehr als elf Prozent im Plus, dem höchsten Tagesgewinn in seiner Geschichte.

Entwicklung wie nach Zerplatzen der Dotcom-Blase

Was jetzt die Märkte in aller Welt unter Druck setzt, ist die wachsende Angst vor einer globalen Rezession: In Japan krachte der Nikkei Chart zeigen um 11,41 Prozent nach unten, der Dax Chart zeigen zeigt sich schwach, auch in den USA rechnet man wieder mit fallenden Kursen. "Wer geglaubt hat, jetzt haben wir weltweit staatliche Rettungspakete und damit ist nun alles zum Besten geregelt, der erschiene mir doch etwas naiv", sagt Kapitalmarktstratege Johannes J. Reich, Partner beim Bankhaus Metzler. Es sei nachvollziehbar, dass Marktteilnehmer sich in unsicheren Zeiten Liquidität schaffen wollten und daher Aktien verkaufen. Das führe dann üblicherweise zu fallenden Kursen.

"Hinzu kommt, dass die US-Notenbank von Rezession spricht und Bundeskanzlerin Merkel davon, dass die Weltwirtschaft ihre schwerste Bewährungsprobe seit den zwanziger Jahren erlebe", sagt Reich. "Bei solchen Aussagen bedarf es möglicherweise gar keiner Finanzkrise mehr, um die Nervosität an den Börsen zu steigern."

Ungewöhnlich, findet Reich, sei das aber nicht. "Wer Geld anlegen will, fragt sich, ob er es in Aktien tun soll. Ich denke, die meisten sagen sich, die Zeit ist jetzt zu unsicher. Verwundert es also, dass die Kurse fallen?"

Eine ähnliche Entwicklung an den Börsen wie jetzt gab es bereits im Jahr 2001, nachdem sich die hohen Erwartungen an die New Economy in Luft aufgelöst hatten und ein Konjunktureinbruch sich auf die Kurse auswirkte. "Der Dax fiel von einem Level von fast 7000 Punkten auf 5000", sagt Reich.

"Zwei Jahre später, im März 2003, notierte der Index sogar auf knapp über 2000 Zählern. Und damals gab es keine Finanzkrise wie heute, sondern Angst vor Terrorismus." Insofern sei die jetzige Lage keineswegs Grund für Hysterie. Die Politik allerdings sollte keine Versprechungen machen, die sie nicht halten könne. "Damals versuchten die Nationalbanken, die Situation durch viel leichtes Geld zu entschärfen - nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 kam es wie jetzt zu einer konzertierten Zinssenkung der Notenbanken. Man fragt sich, ob dadurch nicht einer der Grundsteine gelegt wurde für die spätere Blase in den Finanzmärkten."

Commerzbank-Analyst Wallner hält die deutlichen Worte von Fed und Merkel gleichwohl für nötig. "Es handelt sich tatsächlich um die schwerste Krise seit 60 Jahren, und die Regierungen müssen ihre milliardenschweren Pakete ja rechtfertigen", sagt er. Rücksicht auf Kursentwicklungen wären da fehl am Platz. Eine starke globale Konjunkturabschwächung sei unausweichlich, aber irgendwann werde es auch wieder bergauf gehen.

Wann, wagt kein Analyst vorauszusagen. "Dieses Jahr definitiv nicht mehr", sagt Wallner. "Ich rechne damit, dass die USA im zweiten oder dritten Quartal 2009 das Tal durchschritten haben. In Deutschland werden wir dann mittendrin stecken."



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