Rezessionsangst Zinssturz in den USA - Notenbank in der Kritik

Die US-Notenbank senkt in einem drastischen Schritt die Zinsen auf 3,0 Prozent. Es ist der stärkste Verfall seit 9/11. Kritiker warnen: Diese Aktion birgt Risiken - womöglich wird die Wirtschaft zu neuen gefährlichen Geschäften verführt.

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New York - Alles hat seinen Preis, auch das Geld selbst. In den USA sinkt der Preis des Geldes zurzeit von Woche zu Woche. Um 0,5 Prozentpunkte hat die US-Notenbank Fed am Mittwoch den Leitzins ermäßigt - um der Rezessionsangst entgegenzuwirken.

Fed-Chef Bernanke: "In Versuchung geführt"
AP

Fed-Chef Bernanke: "In Versuchung geführt"

Binnen zwei Wochen ist der fundamentale Zinssatz, für den sich Banken untereinander Geld leihen, damit um 1,25 Prozentpunkte gesunken - ein Rekord-Eingriff, der Hoffnungen und Ängste gleichermaßen schürt.

Einerseits ist das billige Geld ein Segen für Konjunktur und Börse: Bekommen Banken günstiger Geld, können theoretisch auch die Unternehmen Kredite zu besseren Konditionen erhalten. Sie können investieren, wodurch tendenziell auch der Konsum anzieht und mit ihm die Konjunktur. Auch an der Börse wirkt ein niedriger Leitzins stimulierend.

Andererseits wecken Leitzinssenkungen - besonders die außerplanmäßige der vergangenen Woche - auch dunkle Ängste. Denn wenn die US-Notenbank zu drastischen Maßnahmen greift, drängt sich der Verdacht auf, dass sie mehr weiß als der Rest der Welt: Liegen ihr womöglich Daten vor, dass die Konjunktur sich stärker abkühlt als befürchtet?

Treibt Bernanke Greenspans Teufel mit dem Beelzebub aus?

Michael Schröder, Experte für internationale Finanzmärkte am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), findet diese Ängste durchaus verständlich. "Tatsächlich ist es so, dass die Fed von Konjunkturveränderungen meist als erstes erfährt und entsprechend reagiert", sagt er SPIEGEL ONLINE.

Geldpolitik der Fed: Leitzins-Schwankungen seit 2001
SPIEGEL ONLINE

Geldpolitik der Fed: Leitzins-Schwankungen seit 2001

Stärker als die diffuse Angst wiegt indes der konkrete Vorwurf vieler Analysten, die Fed versuche, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben: Ex-Fed-Chef Alan Greenspan habe mit seiner lang anhaltenden Niedrigzinspolitik gewissermaßen die Grundlage für die Immobilienkrise geschaffen. Der jetzige Fed-Chef Ben Bernanke versuche, dieses Problem nun mit erneuten Leitzinssenkungen zu bekämpfen.

Elfmal senkte Greenspan 2001 die Zinsen - von 6,5 auf schließlich nur noch 1,75 Prozent; im Folgejahr sanken sie sogar auf ein Prozent (siehe Grafik). Die US-Wirtschaft, gebeutelt von 9/11 und der Dotcom-Krise, bewahrte er so vor dem Absturz. Gleichzeitig machte er das Geld so billig, dass plötzlich auch Amerikaner Kredite bekamen, die nie welche hätten erhalten dürfen - in einem Ausmaß, das jeden vernünftigen Rahmen sprengte. "Den Leichtsinn der Banken kann man Greenspan zwar nicht anlasten", sagt Schröder, "zumindest aber hat sie das billige Geld in Versuchung geführt, riskante Kredite zu vergeben."

Mancher Experte plädiert daher dafür, nicht schon wieder gravierend in den Konjunkturzyklus einzugreifen - selbst dann nicht, wenn die Wirtschaft zeitweilig einknickt. "Die Fed betreibt schon zu lange eine Politik des billigen Geldes", kritisiert Marvin Goodfriend, ein früherer Berater des Fed-Ablegers aus Richmond. Die Wirtschaft müsse sich nun selbst heilen.

Anna Schwarz von National Bureau Of Economic Research in New York wirft der US-Notenbank sogar völliges Versagen vor. "Die Fed versäumte, die offensichtliche Probleme anzugehen", sagt die 92-jährige Ökonomin dem SPIEGEL.

Hat die Fed versagt?

Ein Vergleich von Greenspans und Bernankes Zinssenkungen ist allerdings nur schwer haltbar. Der Kontext, in dem die Zinsen gesenkt werden, ist 2008 ein ganz anderer als 2001. "Greenspans Niedrigzinspolitik zielte vor allem auf die Börse ab", sagt Schröder. "Er gab den Anlegern seinerzeit gewissermaßen die Garantie, dass die Fed einen Kursverfall des Dow Jones durch Zinssenkungen abfedert." Anleger seien dadurch größere Risiken eingegangen.

Bernankes Leitzinssenkung folge hingegen "klar einem konjunkturellen Ansatz", sagt Schröder: "Er will einer Rezession vorbeugen, statt Spekulationen an der Börse zu beflügeln." Und das sei durchaus der richtige Weg. "Hätte die Fed gar nichts gemacht, hätte sie vor allem den Verbrauchern geschadet. Aber die haben die Krise ja nicht ausgelöst", sagt Schröder.

Falsche Signale setzte derzeit eher die deutsche Regierung, findet er: "Wenn beispielsweise die WestLB Milliarden verzockt und ihr der Staat letztlich aus der Patsche hilft, dann ist das viel bedenklicher als eine Leitzinssenkung der Fed. Denn wenn der Steuerzahler letztlich das Risiko der Banken trägt, ermutigt das geradezu zu leichtsinnigen Investitionen."

Insgesamt rät Schröder, die Macht der Fed nicht zu überschätzen. "Eine Leitzinssenkung kann die Konjunktur mittelfristig ankurbeln, die Probleme der Kreditkrise wird sie aber nicht lösen", sagt der Finanzexperte. Hierzu müssten vielmehr die Banken ihre riskanten Anlagestrategien überdenken. "Hilfreich wäre es auch, wenn Geldinstitute ihre Risiken strenger bilanzieren müssten", sagt Schröder. Das zu regeln, sei jedoch nicht Aufgabe der Fed, sondern des Gesetzgebers.

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