Rezessionsfolgen Ökonomen prophezeien Kahlschlag am Arbeitsmarkt

Die Krise erfasst den Jobmarkt: Forscher des ifo-Instituts und andere Ökonomen erwarten 2009 und 2010 einen gravierenden Stellenabbau. Zeit- und Kurzarbeit können den Negativtrend nicht mehr stoppen. Helfen dürfte ein staatliches Investitionsprogramm - doch das ist noch nicht in Sicht.

Von und Jan Hauser


Hamburg - Es ist eine weitere Woche der Düsternachrichten: Die deutschen Autobauer verdonnern massenhaft Angestellte zu Kurzarbeit. In der deutschen Metall- und Elektroindustrie hat sich die Auftragslage drastisch verschlechtert.

Besonders furchteinflößend aber sind die Konjunkturprognosen. Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) und das Ifo-Institut rechnen für 2009 mit der schlimmsten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg - auch 2010 dürfte die ökonomische Schockstarre noch anhalten.

Arbeitsamt (in Gladbeck): Spektakulärer Einbruch des Jobmarkts
DDP

Arbeitsamt (in Gladbeck): Spektakulärer Einbruch des Jobmarkts

Umso verwunderlicher ist, dass der Arbeitsmarkt neue Einstellrekorde verbucht. Hessen und Nordrhein-Westfalen haben im dritten Quartal ein Beschäftigungswachstum von 1,5 Prozent zum Vorjahresquartal verzeichnet, Rheinland-Pfalz (plus 1,3 Prozent), Sachsen-Anhalt (plus 0,8 Prozent) Brandenburg (plus 1,1 Prozent) und Berlin (2,2 Prozent) lieferten ebenfalls positive Ergebnisse.

Konjunkturexperten halten das nur für ein letztes kurzes Schweben vor dem Absturz. Laut Ifo-Institut werden im Verlauf von 2009 gut 540.000 Personen arbeitslos, bis 2010 könnten es fast eine Million werden. Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) rechnet damit, dass 2009 etwa 600.000 Jobs wegfallen.

Uneins sind sich Experten darüber, wann genau der Jobmarkt kippt. "Spätestens im Januar", sagt Jörg Hinze, Konjunkturexperte am Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI). Sabine Klinger, Arbeitsmarktexpertin am Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), rechnet etwas später im Jahr 2009 mit einem massiven krisenbedingten Jobabbau.

Noch rettet uns die stabile Struktur des Arbeitsmarkts

Einig sind sich die Experten dagegen darüber, dass der Arbeitsmarkt strukturell erfreulich robust ist. Einen positiven Impuls hätten vor allem die Hartz-IV-Reformen gegeben, sagt Klinger. Wer auf die Grundsicherung zurückzufallen drohe, sei eher bereit, für einen niedrigeren Lohn oder zu ungünstigeren Bedingungen zu arbeiten. "Auch flexible Arbeitsmarktregelungen wie Zeitarbeit und die Ausweitungen der Kurzarbeit auf bis zu 18 Monate schaffen Spielraum, um Beschäftigte vorerst im Betrieb zu halten."

DER SPIEGEL

RWI-Konjunkturchef Roland Döhrn sieht in der guten Struktur der Arbeitsmarkts sogar einen Grund dafür, dass ein Jobkahlschlag bislang ausgeblieben ist. "Es könnte sein, dass die strukturellen Verbesserungen der letzten Jahre noch immer die konjunkturellen Verschlechterungen der letzten Monate aufheben", sagt er.

In den nächsten Monaten werde aber auch die starke Struktur nichts mehr nützen. Bereits jetzt seien die Nachfrageeinbrüche in vielen Branchen zu stark, um weitere Sparmaßnahmen abzuwenden. "Wir beobachten schon jetzt Frühindikatoren dafür, dass der Arbeitsmarkt zusehend unter Druck gerät", sagt Döhrn.

Anstieg der Kurzarbeit, möglicher Einbruch bei der Zeitarbeit

Tatsächlich weichen immer mehr Unternehmen auf flexible Beschäftigungsmaßnahmen aus. Autobauer und Zulieferer schicken ihre Beschäftigten reihenweise in Kurzarbeit. "Vor allem Fachkräfte profitieren von dieser Regelung", sagt Klinger. "Denn in Branchen, in denen Fachkräftemangel herrscht, lohnt es sich für Unternehmen, Personal auch in Durststrecken an sich zu binden - es käme sie viel teurer, geeignetes neues Personal zu finden, wenn die Konjunktur wieder anspringt." Angesichts der Krise rechnet das IAB damit, dass sich die Zahl der Kurzarbeiter 2009 auf insgesamt 200.000 verdreifachen könnte.

Besondere Beachtung dürften laut IAB-Expertin Klinger in den nächsten Wochen die Zeitarbeiter bekommen. Einst galten sie als Jobmotor des Aufschwungs. Jetzt, in der Krise, könnten viele ihre Jobs schnell wieder verlieren.

Lindernd wirke zurzeit noch, dass die Branche einen trendmäßigen Anstieg verzeichne. Auch vertragliche Bindungen ihrer Vermittelungsfirmen gewährten einigen Leiharbeitern noch eine Schonfrist. Liefen diese Verträge jedoch aus, könne es zu einem rapiden Anstieg der Arbeitslosigkeit kommen.

Zuerst werden die Niedrig- und Geringqualifizierten vom Jobabbau getroffen, sagt HWWI-Experte Hinze. Das allerdings habe gewisse Vorteile. "Werden sie arbeitslos, sinkt die Kaufkraft nicht so schnell, und bei Geringqualifizierten unterscheidet sich das Gehalt nicht so sehr vom Arbeitslosengeld." Negative Effekte auf den Konsum blieben so relativ gering.

2009 wird schlimm - 2010 könnte katastrophal werden

Wirklich katastrophal dürfte es auf dem Jobmarkt werden, wenn sich die Krise länger hinzieht. Dennis Snower, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) gibt sich in dieser Hinsicht pessimistisch. "Die Rezession in Deutschland wird härter ausfallen, als manche sich das vorstellen", sagt er. Die Exporte gingen zurück, das Sinken der Beschäftigung werde die deutsche Wirtschaft weiter herunterziehen. "Das ist ein sehr breiter Abschwung, der die ganze Wirtschaft betreffen wird."

Und der kann lange dauern. Das Ifo-Institut rechnet schon jetzt damit, dass die Wirtschaft auch 2010 noch um 0,2 Prozent schrumpfen wird, kalenderbereinigt sogar um 0,3 Prozent. Dann aber werden laut IAB-Expertin Klinger viele Maßnahmen unbezahlbar, mit denen die Unternehmen derzeit noch die Krise überbrücken. "In vielen Betrieben rechnet sich Kurzarbeit nach so einem langen Zeitraum wohl nicht mehr."

Das schlimmste aber sei, dass die Arbeitsmarktpolitik gegen den Abschwung weitgehend machtlos ist. "Diese Krise ist durch fehlende Güternachfrage bedingt", sagt Klinger. Das einzige, das dagegen helfe, sei konsequente Nachfragepolitik, beispielsweise Infrastruktur-Projekte, die der Staat in Auftrag gebe - und dafür zunächst auf einen ausgeglichenen Haushalt verzichte.

Auch für HWWI-Experte Hinze hält eine Konjunkturbelebung für nötig: "Wachstum war schon immer bestes Beschäftigungsmittel", sagt er. Abgaben sollten reduziert werden, um den Faktor Arbeit billiger zu machen, Infrastrukturprojekten sollten vorgezogen werden, Unternehmensinvestitionen durch Zulagen gefördert werden.

Bislang ist eine solche Politik nicht erkennbar. Das erste Konjunkturpaket der Bundesregierung gilt vielen Experten als zu klein und zu unstrukturiert - und über ein zweites will die Regierung nach Angaben von Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) frühestens im Frühjahr diskutieren.

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