Rezessionsgefahr Greenspan spricht von Jahrhundertkrise

Die Zeichen stehen auf Abschwung: Alan Greenspan, ehemaliger Chef der US-Notenbank, zeichnet ein dramatisches Bild der globalen Konjunkturkrise. Auch Deutschland droht, in die Rezession abzurutschen.


London/Berlin - Alan Greenspan sieht die Weltwirtschaft angesichts der Banken- und Konjunkturmisere vor großen Herausforderungen: "Diese Krise ist anders - ein Ereignis, wie es ein oder zwei Mal pro Jahrhundert vorkommt, tief verwurzelt in den Ängsten vor der Insolvenz großer Finanzinstitutionen", schreibt der ehemalige Chef der US-Notenbank Fed in einem Gastbeitrag für die britische "Financial Times".

Ex-Fed-Chef Greenspan: "Diese Krise ist anders"
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Ex-Fed-Chef Greenspan: "Diese Krise ist anders"

Die eigentliche Überraschung, so Greenspan, seien nicht die niedrigen Wachstumsraten der vergangenen Monate, sondern "dass es überhaupt noch Wachstum gibt".

Greenspan begründete seine Einschätzung unter anderem damit, dass der Staat den wankenden Bankensektor zuletzt im großen Stil unterstützen musste: "Erst als staatlicher Kredit an die Stelle von privatem Kredit privater Banken trat, zunächst im Fall der britischen Bank Northern Rock, dann in den USA im Fall Bear Stearns, wurde ein Anschein von Stabilität an den Märkten wiederhergestellt." Vermutlich gebe es weitere Banken und andere Finanzinstitutionen, die wegen drohender Zahlungsunfähigkeit durch Regierungen gestützt werden müssten, so Greenspan.

Erst wenn sich die US-Immobilienpreise wieder stabilisierten, nehme die Insolvenzgefahr ab, erklärte der Ex-Notenbanker. Der Wert des privaten Wohneigentums dürfte sich aber erst dann erholen, wenn sich der immense Angebotsüberhang an Einfamilienhäusern infolge des Immobilienbooms weiter abbaue.

Die grundlegenden weltwirtschaftlichen Probleme wie die anhaltende Finanzkrise, die Wirtschaftsflaute in den USA sowie die kräftig gestiegenen Preise für Energie und Lebensmittel belasten auch die deutsche Wirtschaft massiv. So sank die Wirtschaftsleistung im Frühjahr offenbar noch stärker als ohnehin befürchtet. Nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" ging das Bruttoinlandsprodukt zwischen April und Juni im Vergleich zum ersten Quartal des Jahres um ein Prozent zurück. Die endgültige Zahl wird kommende Woche veröffentlicht.

Bislang hatten die meisten Experten ein Minus von etwa 0,5 Prozent erwartet. Ein Rückgang um ein Prozent würde demgegenüber einen Ausfall von noch einmal zwölf Milliarden Euro bedeuten. Sollte die Wirtschaft auch im laufenden dritten Quartal schrumpfen, wäre Deutschland - zumindest nach technischer Definition - binnen kürzester Zeit vom Aufschwung in die Rezession gerutscht.

Das deutliche Minus im zweiten Quartal resultiert allerdings zum Teil auch aus dem unerwartet kräftigen Wachstum zu Jahresbeginn. Im ersten Quartal hatte das BIP rasant um 1,5 Prozent zugelegt. Grund war unter anderem der milde Winter, der die Bauinvestitionen angekurbelt hatte.

Angesichts der Entwicklung im zweiten Quartal befürchtet die Bundesregierung, dass sich die Konjunkturaussichten deutlich stärker eintrüben könnten als bisher angenommen. Aus Regierungskreisen verlautete dem Bericht zufolge, die offizielle Wachstumsprognose für 2009 von 1,2 Prozent sei kaum mehr zu halten.

suc/ddp



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