Baustoffkonzern Lafarge Bakschisch für Dschihadisten

Ein Skandal erschüttert Frankreich. Mehr als fünf Millionen Euro soll der Baustoff-Multi Lafarge gezahlt haben, um in Syrien weiterproduzieren zu können - auch an die Terrormiliz IS. Nun könnte dem Konzern das Ende drohen.

Lafarge-Werk in Dschalabija
AFP

Lafarge-Werk in Dschalabija

Von , Paris


Der Firmensitz, ein moderner Bau aus Beton, Stahl und Glas, im vornehmen 16. Bezirk von Paris, galt lange als Ausweis einer französischen Erfolgsgeschichte. Hier residiert Lafarge, weltweit führend bei der Produktion von Baustoffen. Vor 200 Jahren im Süden der Ardèche gegründet, wandelte sich der Zementhersteller vom biederen Familienunternehmen zum Milliardenschweren Konzern-Multi, mit einer Präsenz in mehr als 60 Ländern. 2015 fusionierte Lafarge mit dem Schweizer Konkurrenten Holcim.

Jetzt droht dem Konzern mehr als ein peinlicher Imageverlust. Drei Pariser Richter leiteten vergangene Woche ein Ermittlungsverfahren gegen Lafarge ein. Es geht um die sogenannte Syrien-Affäre.

Die Firma, Mehrheitsaktionär von "Lafarge Cement Syria", wird beschuldigt in den vergangenen Jahren über seine Filiale nördlich von Aleppo bewaffnete Terrorgruppen finanziert zu haben - mit dem Ziel, auch während des Bürgerkriegs die lukrative Produktion aufrechtzuerhalten. Die Vorwürfe der Pariser Untersuchungsrichter lauten laut Medienberichten auf: "Embargo-Verstoß", "Gefährdung von Dritten" und "Finanzierung von Terrorismus". Weitreichender noch ist die Anschuldigung auf "Mittäterschaft bei Verbrechen gegen die Menschlichkeit."

Die "historischen Ermittlungen", so die Tageszeitung "Libération", zielen dabei nicht nur auf die Pariser Führungsriege von Lafarge - gegen acht Manager, darunter Ex-Unternehmenschef Bruno Lafont, laufen bereits Verfahren. Erstmals richten sich die Vorwürfe gegen das gesamte Unternehmen. Vorab musste der Konzern eine Kaution von 30 Millionen Euro hinterlegen. Sollten sich die Vorwürfe der Justiz bewahrheiten, droht dem Vorzeigeunternehmen, bislang ein sicherer Wert im Aktienindex CAC40, womöglich die Auflösung.

Lafarge-Zentrale in Paris
AFP

Lafarge-Zentrale in Paris

Die richterlichen Untersuchungen zeigen, wie sich Lafarge während des Bürgerkriegs mit den wechselnden Machthabern im Norden Syriens arrangierte. Im Blick stets Produktion und Profit, machte sich die Firma zum Komplizen der Rebellen- und Dschihadisten-Gruppen: Für den ungehinderten Zugang zu Rohstoffen, Arbeitern und Ausrüstungen, zahlte der Zementhersteller laut französischen Medien rund 5,5 Millionen Dollar - an bewaffnete Islamisten und ihre Verbündeten.

Nach dem Report, zuerst enthüllt von der Zeitung "Canard Enchaîne", flossen davon mehr als 500.000 Dollar an die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS). Diese Gelder wurden ein Jahr lang über Mittelsmänner weitergereicht, so eine Recherche des investigativen TV-Teams "Complément d'Enquête"."Ein Bakschisch für Dschihadisten-Gruppen, mit Unterstützung der Firmenleitung", kommentierten die Journalisten und rügten die Lafarge-Vertreter als "Kollaborateure".

Der Deal lohnte sich offenbar. Denn das Werk von Dschalabija, im Norden Syriens zwischen Kobane und Rakka, war ein florierender Standort. Die modernen Produktionsstätten auf 120 Hektar Gelände verfügten über rund 300 Beschäftigte. Nach dem Ausbruch des Aufstands gegen Diktator Bashir al-Assad wurde die Lage für ausländische Unternehmen zunehmend kritisch; französische Firmen wie Total oder Air Liquide verließen das Bürgerkriegsland. Lafarge blieb.

Nach den Schilderungen von "Complément d'Enquête", die Interne Dokumente und E-Mails einsehen konnten, beginnt der Fall im Jahr 2012. Damals müssen Arrangements getroffen werden, um den florierenden Betrieb trotz des beginnenden Bürgerkriegs zu erhalten. Es gibt diskrete erste Kontakte - erst mit den Kurden, die die Gegend kontrollieren, dann mit verschiedenen Rebellengruppen. Die ersten Zahlungen werden fällig: Schon im Juli 2012 reklamiert Bruno Pescheux, Repräsentant von Lafarge in Damaskus, 50.000 Euro nach "Schenkungen, die die Sicherheit der Fabrik, ihrer Beschäftigten, ihrer Zulieferer und ihrer Kunden garantieren sollen."

Sein Vorgesetzter in Paris, Christian Herrault, gibt grünes Licht, aber warnt: "Das darf nicht zur Gewohnheit werden."

Eine Steuer für den IS

Es ist nur der Anfang. Denn der Krieg rückt immer näher an das Werk in Dschalabija, Dschihadisten sind auf dem Vormarsch, bald übernehmen Islamisten von Al-Nusra und IS die Kontrolle der Region. Der IS fasst deutlich wahrnehmbar Fuß an der Grenze zur Türkei, konstatiert die Pariser Lafarge-Führung im Juli 2013. "Diese Präsenz und die Gefahr, die von ihr ausgeht, verkompliziert unseren Zugang zum syrischen Territorium."

Schließen will die Unternehmensleitung das strategische Werk aber nicht, obwohl klar wird, dass durch die Islamisten "Logistik und Bewegungsfreiheit des Personals gestört" werden. Und obwohl der IS für Lafarges Präsenz offen "eine Steuer" einfordert. "Es wird immer schwieriger, dort zu operieren, ohne gezwungen zu sein, direkt oder indirekt mit diesen Netzwerken zu verhandeln, die von den internationalen Organisationen und den USA als terroristisch klassifiziert sind", konstatiert ein Firmen-Memo im September 2013.

IS-Propaganda-Foto aus Syrien
DPA

IS-Propaganda-Foto aus Syrien

Lafarge setzt auf direkte, aber diskrete Absprachen, auch wenn die EU jeden Handel mit den Terrorgruppen längst verboten hat. Ein Firmenprotokoll vom Oktober 2013, aus dem der Sender FranceInfo zitiert, konstatiert erfreut: "Dank der Verhandlungen mit verschiedenen Beteiligten, konnten die logistischen Bewegungen wieder aufgenommen werden. Der Verkauf erreichte ein Niveau von "über 3000 Tonnen."

Das Geschäft funktioniert, weil Lafarge-LKWs an den IS-Checkpoints durchgewunken werden - im Gegenzug für satte Zahlungen. Auf einem Passierschein, der vom Schatzmeister der Dschihadisten abgestempelt wurde, heißt es eindeutig: "Im Namen Allahs des Barmherzigen werden die Mudschaheddin-Brüder gebeten, diesen Zement-Transport der Fabrik Lafarge an den Kontrollen durchzulassen, entsprechend der Übereinkunft mit dem Unternehmen für den Handel mit diesem Stoff." Die für beide Seiten lukrative Abmachung funktionierte bis zur Besetzung des Werkes durch den IS im September 2014.

"Entscheidender Schritt gegen Multis, die ungestraft in Kriegszonen operieren"

Erst zwei Jahre später kam der Skandal durch die Tageszeitung "Le Monde" ans Licht. Seither versucht Lafarge durch Abwiegeln, Widerspruch und Teilgeständnisse den juristischen Konsequenzen zu entkommen. Im Rückblick gestand die Firma nach einer internen Untersuchung "inakzeptable Praktiken" ein. Lafarge-Anwalt Christophe Ingrain entschuldigte das Vorgehen der Firmenspitze mit den "schwierigen und komplexen Umständen" vor Ort. "Alles, was wir taten, geschah zum Schutz der Beschäftigen und ihrer Existenzminima."

Nach der Aufnahme des Ermittlungsverfahrens kündigte das Unternehmen Einspruch bei der zuständigen Kammer an. "Der Vorwurf der Vergehen entspreche nicht in fairer Weise die Verantwortung von Lafarge." Und die Firmenmitteilung begründet: "Lafarge räumt ein, dass das System der Überwachung seiner syrischen Filiale es nicht vermocht hat Versäumnisse zu identifizieren, die in Folge eines beispiellosen Verstoßes gegen Regeln und Reglements interner Konformität erfolgten."

Das Ermittlungsverfahren wird klären, ob derart verschwurbelte Erklärungen als Entlastung ausreichen. Für den französischen Rechtsverein "Sherpa", der mit seinem Einsatz für syrische Ex-Lafarge-Mitarbeiter das Verfahren ins Rollen brachte, ist die Initiative der Justiz schon jetzt "ein entscheidender Schritt gegen Multis, die ungestraft in Kriegszonen operieren." Sherpa-Sprecherin Marie-Laure Guislain stellt fest: "Damit können Verantwortliche endlich auch für Verstöße und Verbrechen ihrer ausländischen Filialen in die Pflicht genommen werden."

Den Lafarge-Bossen drohen nun bis zu zehn Jahre Haft, dem Unternehmen gar die Schließung. Die 4200 französischen Beschäftigten machen sich Sorgen um die Zukunft. Und die Vorzeichen geben wenig Anlass für Optimismus: Vor gut einer Woche verkündete Lafarge die Schließung des historischen Firmensitzes. Der Glaskasten an der Rue des Belles Feuilles hat ausgedient.



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