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Hausverbot für Bäckerei-Kunden: "Von Rassisten lasse ich mich nicht unter Druck setzen"

Ein Interview von

Eine Bäckerei in Rheinland-Pfalz erteilt einem Kunden Hausverbot - der hatte sich rassistisch über einen syrischen Praktikanten geäußert. Der Geschäftsführer des Betriebs wird nun auf Twitter gefeiert. Ein Anruf bei ihm.

Die Bäckereikette Brand aus Rheinland-Pfalz hat nur 244 Follower auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. Ein am vergangenen Freitag abgesetzter Tweet aber schaffte es inzwischen auf mehr als tausend Herzchen.

Und das steht drin:

Geschäftsführer Klaus Brand hatte die Kurznachricht rausgeschickt. Der 46-Jährige führt die Kette mit 70 Mitarbeitern und zehn Filialen in vierter Generation.

SPIEGEL ONLINE: Herr Brand, wie oft kommt es vor, dass Sie Kunden Hausverbote erteilen?

Brand: Ich kann mich bislang nur an ein einziges Mal erinnern. Das liegt mehr als zehn Jahre zurück. Damals hatte ein Kunde in meinem Café in angetrunkenem Zustand randaliert und Angestellte beleidigt.

SPIEGEL ONLINE: Was ist jetzt passiert?

Brand: Am Freitag rief mich eine meiner Mitarbeiterinnen an, die mir von dem Besuch eines Kunden erzählte. Der war in einer unserer Filialen in Alzey unangenehm aufgefallen. Er hatte in unserer Auslage gelesen, dass wir einen syrischen Flüchtling als Praktikanten beschäftigt haben. Daraufhin hat der Kunde sich bei meiner Mitarbeiterin lauthals beschwert. Wenn wir schon Flüchtlinge beschäftigten, sollten wir doch unsere Backwaren gefälligst nur noch an Asylanten verkaufen, soll er gerufen haben. Danach hat er das Geschäft verlassen.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie unternommen?

Brand: Bevor ich mir etwas Sinnvolles überlegen konnte, rief der Kunde schon bei mir in der Zentrale an. Er ließ einen ganzen Sermon rassistischer Äußerungen bei mir ab, den ich hier ungern wiedergebe. Ich habe noch versucht, ihm seinen Quatsch auszureden, aber es war sinnlos.

SPIEGEL ONLINE: Darauf erteilten Sie ihm das Hausverbot?

Brand: Ja. Ich war schockiert. Dass ein Rassist mich als Geschäftsmann regelrecht erpressen will, ist bislang noch nicht vorgekommen. Aber ich lasse mich von Rassisten nicht unter Druck setzen. Das wollte ich ihm durch das Hausverbot klarmachen.

SPIEGEL ONLINE: Und mit dem Tweet haben Sie es auch der Öffentlichkeit mitgeteilt. Ist das Werbung für Ihre Bäckerei?

Brand: Das war von mir nicht einkalkuliert. Ich war einfach stinkwütend und musste die Wut loswerden.

SPIEGEL ONLINE: Mit Erfolg, wie es aussieht. Die meisten Twitter-Nutzer teilen Ihre Meinung. Wie würden Sie die Stimmung in Ihrem 7800-Seelen-Ort Kirchheimbolanden beschreiben? Sind Flüchtlinge willkommen, wie Ihr Hashtag #refugeeswelcome zu verstehen gibt?

Brand: Ich glaube, dass hier vor Ort die meisten Menschen Flüchtlinge immer noch als Gewinn ansehen oder sich zumindest nicht an ihnen stören.

Klaus Brand Zur Großansicht
Privat

Klaus Brand

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie sich dann, dass die rechtspopulistische AfD bei der Wahl am Sonntag auch in Ihrem Landkreis 15,6 Prozent erreicht hat? Sie setzt sich für die Begrenzung des Flüchtlingszuzugs ein und macht Stimmung gegen Einwanderer.

Brand: Ja, das ist für mich erschreckend und kaum zu erklären. Ich glaube, dass die Stimmung derzeit vielerorts aufgeheizt ist. Rechtspopulisten haben Aufwind. Da trauen sich Leute wie dieser Ex-Kunde Sachen, die sie sich vorher nie getraut hätten. Ich glaube aber, dass die meisten nicht rassistisch, sondern Protestwähler sind und sich sehr wundern werden, wofür die AfD in Wirklichkeit steht.

SPIEGEL ONLINE: Was können Sie als Geschäftsmann machen, um den Rechtspopulisten etwas entgegenzusetzen?

Brand: Ich glaube zunächst, dass jeder Bürger in gleichem Maße in der Pflicht ist, rechten Stimmungsmachern entgegenzutreten. Wir Unternehmer sollten aber dafür sorgen, dass Toleranz und eine Offenheit gegenüber anderen zur Firmenkultur gehören. Bei uns arbeiten Menschen aus mindestens sechs Nationen, die aus unseren Betrieben nicht wegzudenken sind.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit dem Flüchtling, an dem sich der Vorfall entzündet hat?

Brand: Er beendet derzeit einen Sprachkurs und wird im April seine Ausbildung zum Bäcker bei uns beginnen. Wir freuen uns schon sehr auf ihn, weil es für uns wirklich schwierig ist, Nachwuchskräfte zu gewinnen. Mit ihm bekommen wir einen unglaublich motivierten und zielstrebigen Lehrling, er bekommt eine Perspektive. Es ist einfach eine glückliche Fügung.

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