Ringen mit der Griechenland-Krise Zaudern bis zum Absturz

Europas Griechenland-Politik ist fatal: Mit Vorschlägen, die Banken an den Kosten zu beteiligen, verunsichern Politiker die Märkte - und beschleunigen den Zusammenbruch. Athen muss schnellstens Finanzhilfen bekommen. Die Folgen des Nichtstuns wären verheerend.

Griechenlands Premierminister Papandreou: In der sich selbst erfüllende Finanzkrise
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Griechenlands Premierminister Papandreou: In der sich selbst erfüllende Finanzkrise

Ein Gastkommentar von Sebastian Dullien


Während an den Finanzmärkten die Zinsen auf griechische Anleihen immer neue Höhen erreichen, wird in Deutschland munter weiter diskutiert: Welche Summen dürfen die Griechen bekommen? Welche Bedingungen müssen sie erfüllen? Wer soll bezahlen?

Dabei wird zunehmend klar: Das Geschacher um Kreditdetails oder Kredithöhe verschärft nur die Krise. Für den Befreiungsschlag muss den Märkten ein für allemal klar gemacht werden, dass es sich nicht lohnt, gegen Euro-Staaten zu spekulieren - und dafür müssen die europäischen Partner sich jetzt unmissverständlich hinter Griechenland stellen.

Was wir in den vergangenen Tagen und Wochen gesehen haben, ist ein Lehrstück einer sich selbst erfüllenden Finanzkrise. Begonnen hat alles mit einer Situation, in der Griechenland zwar viele Schulden hatte, aber kein akutes Überschuldungsproblem. Das Land hat über Jahre einen Schuldenstand von mehr als 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gehabt - und problemlos damit gelebt. Auch Staatsdefizite von 10 Prozent gab es in Griechenland zuvor - ohne dass es zur akuten Krise gekommen wäre.

Zum echten Problem wurde das Haushaltsloch erst, als die Finanzmärkte begannen, an der Zahlungsfähigkeit Griechenlands zu zweifeln. Mit Zinsen wie jenen auf deutsche Staatsanleihen wäre der griechische Schuldenstand noch kein gravierendes Problem gewesen; mit den Zinsen, die derzeit der Markt von den Griechen verlangt, gibt es kaum Hoffnung auf Rückzahlung.

Die sich selbst erfüllende Finanzkrise

Genau das ist aus der Theorie der sich selbst erfüllenden Finanzkrisen bekannt: Wir haben eine Situation, in der ein Schuldner seine Schulden nur dann zahlen kann, wenn die Gläubiger die Zahlung erwarten. Beginnen die Gläubiger, an der Zahlungsfähigkeit zu zweifeln, so wird alleine dadurch die Schuldenlast untragbar: Die Anleger verlangen höhere Zinsen, die Finanzierungskosten steigen soweit in die Höhe, dass die Schulden tatsächlich nicht mehr zu bedienen sind.

Dabei geht es bei dem Zinseffekt in Griechenland nicht um Peanuts. In den vergangenen Tagen lagen die Zinsen für kurzfristige griechische Staatsanleihen zeitweise bei mehr als 15 Prozent, noch vor wenigen Monaten konnte Griechenland für weniger als 5 Prozent Geld leihen. Ein solcher Zinsanstieg wäre auch für solide Schuldner kaum zu schultern - nur wenige deutsche Hauseigentümer etwa würden den Anstieg ihrer Hypothekenzinsen auf das dreifache Niveau ohne Konkurs überstehen.

Müsste Griechenland den gesamten bisherigen Schuldenstand von rund 300 Milliarden Euro zu den aktuellen Zinsen refinanzieren, würde das eine jährliche Mehrbelastung von mehr als 30 Milliarden bedeuten. Das Staatsdefizit würde auf rund 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen.

Anders ausgedrückt: Das Misstrauen der Märkte ist für Griechenland potentiell teurer als das Loch im eigenen Staatshaushalt. Die Marktbedingungen zwingen die Regierung in Athen zu mehr Einsparungen als alle anderen finanzpolitischen Versäumnisse zusammen.

Auch mit bestem Willen dürfte es den Griechen unter diesen Bedingungen kaum Gelingen, ihre Probleme in den Griff zu bekommen. Deshalb kann man auch den Rating-Agenturen nicht vorwerfen, dass sie bei steigenden Zinsen die Bewertung Griechenlands heruntersetzen - auch wenn sie damit die Abwärtsspirale weiter antreiben. Sie berichten nur die perverse Logik der sich selbsterfüllenden Krise.

Diese Logik ist pervers, aber so funktionieren Finanzmärkte.

Staatsbankrott auf Raten

Den Politikern dagegen kann man vorwerfen, dass sie in der aktuellen Situation nicht optimal handeln. Dass sie diskutieren, ob nicht die Banken auf einen Teil ihrer Forderungen gegenüber Griechenland verzichten sollen - obwohl das volkswirtschaftlich gar nicht funktionieren kann.

Denn solch ein "Haircut" ist nichts anderes als ein kleiner Staatsbankrott. Die Gläubiger bekämen ihr Geld nicht in voller Höhe zurück - ganz so, wie es bei früheren Staatsbankrotten in anderen Ländern der Fall war. Indem über die Beteiligung der Finanzinstitute diskutiert wird, verbreiten die Politiker die Nachricht: Griechenland wird nicht gerettet, sondern es wird zum Staatsbankrott auf Raten kommen.

Jeder vernünftige Banker wird unter solchen Vorzeichen versuchen, seine griechischen Papiere so schnell wie möglich loszuwerden. Die Zinsen auf griechische Kredite steigen dadurch weiter, das Schuldenproblem verschärft sich - auch in anderen Ländern.

Denn in einem solch unsicheren Umfeld ist es für Banker nur richtig, auch portugiesische Staatsanleihen schnell abzustoßen: Portugal mag zwar besser dastehen als Griechenland, eine Verdreifachung der Zinsen aber würde das Land ebenfalls nicht verkraften. Zudem steht zu befürchten, dass im Falle eines portugiesischen Bankrotts die gleichen Haircut-Regeln gelten wie bei den Griechen.

Die Signale, die die Politiker derzeit senden, verschärfen so die Ansteckungsgefahr im Euro-Raum.

Klotzen, nicht kleckern!

Um in einer solchen Situation zu verhindern, dass Europas südliche Staaten wie Dominosteine umfallen, hilft nur noch eins: Die EU muss den Partnern in der Not garantieren, dass sie für die nächsten zwei oder drei Jahre den gesamten Finanzierungsbedarf mit Hilfskrediten deckt - und das zu bezahlbaren Zinsen.

Erstens wären damit all jene Spekulanten gestoppt, die jetzt auf eine Staatspleite Griechenlands oder Portugals wetten. Zweitens hätten die notleidenden Länder eine realistische Chance, ihr Schuldenproblem in den Griff zu bekommen.

Für eine solch konsequente Aktion gibt es sogar ein Vorbild: Als Angela Merkel und Peer Steinbrück auf dem Höhepunkt der Bankenkrise vor die Presse traten und in wenigen Worten alle Bankguthaben in Deutschland garantierten, war mit einem Schlag eine aufkeimende Anlegerpanik verschwunden. Die Finanzmärkte beruhigten sich.

Die Summen, um die es dieses Mal geht, sind außerdem wesentlich geringer: Die deutschen Bankeinlagen lagen zuletzt bei 2700 Milliarden Euro, beim Finanzierungsbedarf der Griechen geht es um 150 Milliarden Euro in den kommenden Jahren, bei den Portugiesen liegt der Wert noch niedriger.

Der Grund, warum die Politik dieses Mal zögert, liegt auf der Hand: Die Situation, die Europa derzeit durchleidet, ist nicht weniger kritisch als die Situation unmittelbar nach dem Lehman-Crash. Nur sind die Hilfen politisch weniger populär.

Das Zögern aber ist riskant: Fährt die Politik fort, den Griechen nur tröpfchenweise Hilfe zuzusagen und gleichzeitig mit theoretischen Debatten die Märkte zu verunsichern, so dürfte das Geld letztlich verloren sein: Das Geklecker wird die Marktzinsen für griechische Anleihen nicht ausreichend senken. Am Ende wird das Land weder die alten Schulden an die Banken noch die neuen Kredite der Partner und des IWFs zurückzahlen können.



insgesamt 118 Beiträge
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Seite 1
Liberalitärer, 29.04.2010
1. Zu spät!
Zitat von sysopEuropas Griechenland-Politik ist fatal: Mit Vorschlägen, die Banken an den Kosten zu beteiligen, verunsichern Politiker die Märkte - und beschleunigen den Zusammenbruch. Athen muss schnellsten Finanzhilfen bekommen. Die Folgen des Nichtstuns wären verheerend. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,691841,00.html
Die Folgen des Tuns können auch verheerend sein. Wer meint hier wäre Schluss, der hat sich geschnitten, die Karawane wird einfach weiter ziehen. Der Zeitpunkt wurde schon verpasst.
Strichnid 29.04.2010
2. ...
Und wieder wird die Mehrheit der BILDlinge den Text nicht verstehen und skandieren: "Die sind doch selbst schuld!" Nur, mit Hinweisen darauf, was man zu einem früheren Zeitpunkt hätte besser machen sollen, ist uns in der Gegenwart nicht geholfen. Dessen sollte sich jeder klar sein.
robdan, 29.04.2010
3. Noch ein Kaffeesatzleser...
Wirtschaftswissenschaften sollten langsam in die Kategorie "Aberglaube, Mythen und andere Sagen" abgeschoben werden. Wie viele schlaue Köpfe sitzen denn in den ganzen Gremien der Banken, Unternehmen und Staaten? Wahrscheinlich viel zu viele, mit ein bisschen gesunden Menschenverstand würds vielleicht besser laufen. Der Mensch scheint auch nicht ganz zu verstehene, dass das Geld das in Griechenland reingepumpt wird jetzt weg ist oder sollen die Griechen wieder bei Deutschland Kredite aufnehmen um die anderen Kredite zu bezahlen? Außerdem sollte diesem Herrn Professor klar sein, dass das garantieren für "deutsches" Geld waren! Mittlerweile dürfte doch selbst der größte Naivling gemerkt haben dass der EURO bzw. EU auf einer Seifenblase gebaut wurden. Friedensprojekt, genau und seit dem 2. WK bis zur Einführung des Euro war Dauerkrieg in Europa oder wie? Das beste an der ganzen Sachen, in einem anderen Bericht stand, dass Spanien bzw Portugal zwar so schnell wie mögliche Helfen wollen, aber selber nicht einmal das Geld dazu haben und die bisherigen und zukünftigen Nettozahler noch mehr bezahlen dürfen.
c++ 29.04.2010
4. unglaubliche Frechheit
ich glaub es nicht, da darf nicht nachgedacht werden, ob 30 Milliarden Euro Steuergeld einfach vernichtet werden, darf nicht politisch diskutiert werden, schon garnicht von denen, die zahlen müssen, nämlich den Bürgern. Das internationale Finanzkapital will sofortige Vollzugsmeldung, dass die griechischen Staatsschulden u.a. vom deutschen Steuerzahler zu übernehmen sind, den Banken kein Risiko bleibt, nur der Gewinn, Verlust unverzüglich sozialisiert werden. Ach, es sind diesesmal auch weniger Milliarden, die zur Rettung der Banken und Finanzierung des Schlendrians in Griechenland bereitgestellt werden müssen? Das sind in den Augen des internationalen Finanzkapitals nur Peanuts, Schäuble wird das Geld schon aus dem Sozialetat rauspressen. Was da abläuft, ist ein unsäglicher Skandal, hier werden vom internationalen Finanzkapital in schamlosester Weise die Steuerkassen Deutschlands ausgeplündert. Die Reaktion von Merkel und Schäuble zeigt, die Politik ist völlig hilflos der Räuberei ausgeliefert. Es ist ein perfides Spiel, das hier abläuft zwischen einem Pleitestaat und seinen Finanzierern. Diese überschwemmen einen Pleitestaat mit Krediten, die dieser nicht zurückzahlen kann, und dann holt man sich das Geld durch Erpressung dank EURO bei denen wieder, die noch etwas kreditwürdig sind.
fredlieb 29.04.2010
5. Bleibt mal ganz gelassen!
Was soll denn an einer Pleite Griechenlands so verheerend sein? Verheerend ist es vielleicht für die, die etwas zu verlieren haben. Für alle anderen, die ohnehin nichts zu verlieren haben, wäre eine Pleite oder ein Zusammenbruch des alten vielleicht ja sogar eine neue Chance? Ich bin da ehrlich gesagt ziemlich gelassen. Lasst sie pleite gehen, die Griechen, Spanier, Iren, Italiener, Franzosen, von mir aus ganz Euroland. Lasst sie doch alle pleite gehen, die Ackermanns und Blankfeins dieser Welt! So what?
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