Risiken für den Dollar: Angst vor dem Abwärtstaumel

In den letzten Wochen hat der Dollar gegenüber anderen Währungen kräftig an Wert verloren. Weil in der US-Leistungsbilanz ein Multi-Milliarden-Defizit klafft, dürfte sich der Druck auf den Greenback noch verstärken. Amerika muss seine Konsumkultur ändern, schreibt der Volkswirt Willi Semmler.

New York - Als der US-Notenbankchef Ben Bernanke Ende April vor dem Kongress aussagte, kam die Reaktion der Devisenmärkte prompt und deutlich. Der Kurs des US-Dollars geriet international stark unter Druck und rutschte innerhalb der folgenden Tage von einem Jahrestief auf das nächste ab.

Fed-Chef Bernanke: Kaum Einfluss auf das Dollar-Vertrauen außerhalb der USA
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Fed-Chef Bernanke: Kaum Einfluss auf das Dollar-Vertrauen außerhalb der USA

Seitdem hat sich der Trend zwar etwas abgeschwächt, aber nicht umgekehrt: War der Euro Mitte April noch 1,21 Dollar wert, muss man derzeit schon 1,27 Dollar dafür zahlen. Auch der Yen konnte im Vergleich zur US-Währung zulegen.

Die Finanzmärkte reagierten auf Bernankes Andeutung, die Federal Reserve könnte ihre Politik der beharrlichen Zinserhöhungen einstellen und die kurzfristige Zinsrate auf dem aktuellen Niveau belassen - derzeit beträgt sie 4,75 Prozent. Ein solches Ende der Zinssteigerungen war angesichts schwächerer Wachstumsaussichten in den USA seit längerem absehbar und vorhergesagt worden.

Wie also ist die Überdeutlichkeit der Marktreaktion zu erklären? Ist sie darauf zurückzuführen, dass die wichtigsten Handelspartner der USA weniger Geld als bisher in amerikanische Aktien und Staatsschulden stecken? Sind Staaten wie China, Japan und Indien nicht länger bereit, das Defizit der US-Leistungsbilanz durch Investitionen in den Dollar zu finanzieren, wie schon oft prognostiziert wurde?

Das wäre ein schlechtes Zeichen für die US-amerikanische und die Weltkonjunktur.

Eine wachsende, oft unterschätzte Last

Um die Risiken zu verstehen, müssen wir zunächst einen Blick auf die Entwicklung der amerikanischen Außenhandelsbilanz werfen, in der die Aus- und Einfuhr von Waren gegenübergestellt wird. Schon seit Mitte der achtziger Jahre liegt diese wichtige ökonomische Größe in den USA im negativen Bereich. Nach einer leichten Erholung zum Ende jenes Jahrzehnts stieg der Fehlbetrag wieder an. Heute entspricht das Außenhandelsdefizit rund sechs Prozent des US-Bruttosozialproduktes.

Auch das Defizit in der US-Leistungsbilanz (die auch sogenannte Netto-Faktoreinkommen wie Dividenden und Zinseinkommen einbezieht) nahm zu - allein im vergangenen Jahr lag es bei rund 800 Milliarden Dollar. Der Gesamtbestand der amerikanischen Verschuldung im Ausland ist seit 1999 um drei Billionen Dollar gewachsen.

Ein großer Teil dieses Geldes wurde bisher von Ausländern in US-Staatsschuldpapieren, amerikanischen Aktien und Firmenbeteiligungen angelegt, so dass der Dollar gestützt wird. Die ausländischen Gläubiger beziehen aus den USA Zinsen und Dividenden. Noch bis in die achtziger Jahre war das Nettoeinkommen aus solchen Investitionen für die USA immer positiv - die ausländischen Vermögen der Vereinigten Staaten waren größer als die der Ausländer in den USA. Das hat sich seither umgekehrt.

Aber sind die Defizite der US-Handels- und Leistungsbilanz tatsächlich eine tickende Zeitbombe? Optimisten glauben, die Fehlbeträge seien gar nicht so beunruhigend. Da zum Beispiel amerikanische Konzerne selbst im großen Stil im Ausland investieren, die Gewinne und Dividenden aber zurück überweisen, lasse sich der Wert des nach Amerika transferierten Faktoreinkommens auf Dauer ausreichend hoch halten.

Kritische Beobachter bemühen ein anderes Argument: Sie verweisen darauf, dass Ausländer dazu neigen, das durch Dividenden und Zinsen in den USA bezogene Einkommen in ihren Heimatländern möglichst gering auszuweisen - aus steuerlichen Gründen.

Die US-Leistungsbilanz ist demnach real noch viel stärker im negativen Bereich als in den offiziellen Statistiken sichtbar. Umso größer wäre das volkswirtschaftliche Risiko, wenn ausländisches Geld verstärkt von den US-Finanzmärkten abgezogen wird.

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