Risikoregeln für Banker Finanzaufsicht legt Boni-Ritter an die Kette

Strenge Kontrollen bei Abfindungen, Strafzahlungen für Zocker: Die Finanzaufsicht BaFin setzt mit ihrem finalen Regelwerk für das Risikomanagement von Geldhäusern ein Zeichen gegen Profitgier. Doch Experten fürchten, dass sie das ambitionierte Regelwerk nur schwer kontrollieren kann.

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Hamburg - Bleibeprämien, Sonderzahlungen, Gehaltsaufschläge in letzter Minute: Viele Bankmanager haben in den vergangenen Monaten demonstriert, dass ihnen die öffentliche Diskussion um Gehaltsexzesse egal ist. Jetzt zwingt die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) die Profitgierigen zur Vernunft: Am Freitagnachmittag hat sie ein finales Anti-Zocker-Pamphlet veröffentlicht, das für die Institute ab 1. Januar 2010 bindend ist.

Frankfurter Skyline: Strenge Boniregeln für Banker
DPA

Frankfurter Skyline: Strenge Boniregeln für Banker

"Aggressive Vergütungssysteme haben - neben vielen anderen Faktoren - mit zur Finanzkrise beigetragen, indem sie falsche Anreize gesetzt haben", schreibt die BaFin zur Begründung der neuen Regeln in einer Pressemitteilung. "Vergütungen wurden meist auf der Basis kurzfristiger Erfolge bemessen, was Banker dazu anspornte, unvertretbar hohe Risiken einzugehen. Künftig dürfen kurzfristige Renditen bei den variablen Bestandteilen der Vergütung von Geschäftsleitern und von Mitarbeitern, die hohe Risikopositionen begründen können, keine Rolle mehr spielen."

Um die Banken zu mehr Nachhaltigkeit zu verdonnern, hat die BaFin eine Neufassung ihrer Mindestanforderungen an das Risikomanagement von Kredit- und Finanzdienstleistungen (MaRisk) herausgegeben. Sie überschüttet die Banken darin mit einer ganzen Reihe neuer Regeln für Geschäftsleiter und Mitarbeiter, die hohe Risiken eingehen können.

  • Die Vergütungssysteme müssen so ausgerichtet sein, dass schädliche Anreize für unverhältnismäßig hohe Risikopositionen vermieden werden. Im Klartext bedeutet das: Bonus-Orgien sollen künftig nicht mehr möglich sein, da durch diese eine "signifikante Abhängigkeit eines Mitarbeiters von einer variablen Vergütung" entsteht. Die BaFin fordert, dass kein Mitarbeiter so stark auf Zusatzzahlungen angewiesen ist, dass deren Kürzung ein Problem darstellt.
  • Unter schädlichen Anreizen versteht die BaFin zudem Abfindungsverträge, laut denen Mitarbeiter selbst dann noch den vollen Betrag erhalten, wenn sie dem Institut durch negative Leistungen geschadet haben.
  • Extrem-Boni für Einzelmanager sind künftig verboten: Bei der Vergütung müssen neben individuellen Erfolgen auch der Gesamterfolg des Instituts berücksichtigt werden. Das bedeutet: Kein Manager darf hohe Boni bekommen, wenn seine Bank rote Zahlen schreibt.
  • Besonders schmerzhaft für Banker dürfte die BaFin-Weisung sein, dass sich "negative Entwicklungen bei der variablen Vergütung widerspiegeln". Im Klartext: Wenn es schlecht läuft, müssen Boni, die für Banker gedacht waren, wieder wegfallen. "Das gilt nicht nur, wenn sich ein Mitarbeiter selbst verzockt, sondern in leicht abgeminderter Form auch dann, wenn es dem Institut generell schlechtgeht, der Mitarbeiter aber gut performt", sagt ein BaFin-Sprecher.
  • Banker sollen ihrem Institut dabei nicht nachträglich Geld zurückzahlen - stattdessen muss der Zeitraum, für den Boni ausgezahlt werden, so angepasst werden, dass die möglichen Negativeffekte von Risiken in der Entlohnung noch berücksichtigt werden können.

Die neuen Mindestanforderungen sind den Banken schon länger bekannt. Der Großteil der Regeln war bereits im zweiten Entwurf der neuen MaRisk enthalten, die seit Juni auf der Homepage der BaFin zu finden ist. Entsprechend sortiert fällt das Statement der Banken aus.

"Die neuen, von der deutschen Aufsicht in der MaRisk definierten Vergütungsregeln sind aus Sicht des Bankenverbandes grundsätzlich zielgerichtet und ausgewogen", schreibt der Bundesverband deutscher Banken in einem Statement. "Bonuszahlungen sind nur dann sachgerecht, wenn ein Unternehmen auch erfolgreich gewesen ist. Missmanagement oder Fehlverhalten darf nicht belohnt werden."

Bereits vor Veröffentlichung der endgültigen Fassung der MaRisk hätten die Banken an entsprechenden Lösungen gearbeitet. Zur stärkeren Langfristorientierung werden Bonus-Malus-Systeme geprüft oder sind schon eingeführt worden. Hiernach wird ein Teil von Leistungsprämien einbehalten, um sie in späteren Jahren mit eventuellen Verlusten zu verrechnen.

Hans-Peter Burghof, Bankenprofessor an der Universität Hohenheim, begrüßt die neuen Regeln der BaFin ebenfalls. "Der jetzige Entwurf geht deutlich über die traditionelle MaRisk hinaus", sagt er. "Wer sein Institut gegen die Wand fährt, kann nun keine Boni mehr einstreichen, und durch die Einbettung der Einzelleistung in die Gesamtleistung des Instituts wird der Ansport für überbordendes Zockertum gedrosselt."

Auch die verlängerten Messzeiträume begrüßt Burghof. "Durch sie werden erste Vorkehrungen dagegen getroffen, dass Investmentbanker ihren Instituten unüberschaubare Risiken unterjubeln", sagt der Bankenexperte. Die Formulierung der BaFin, den Zeitraum für die variable Vergütung "hinreichend langfristig" zu gestalten, sei allerdings noch zu vage, um dieses Ziel nachhaltig zu verfolgen. "Die Aufsicht muss Erfahrungen sammeln und dann für verschiedene Jobs konkrete Zeiträume entwickeln, in denen die Bonus-Malus-Systeme funktionieren. Nur so kann sie ihrem Kontrollanspruch letztlich gerecht werden."

Dass die BaFin in ihren Regeln keine konkreten Obergrenzen für Boni definiert, findet Burghof dagegen nicht problematisch: "Es mag für den gemeinen Bürger unverständlich sein, und mit Sicherheit sind die Managergehälter in Deutschland und USA generell zu hoch angesetzt. Dennoch muss sich in diesem Punkt der Markt selbst regulieren. Eine Definition von Obergrenzen wäre ein zu starker Eingriff des Staats in die Privatwirtschaft." Und das sei nur zu rechtfertigen, wenn der Staat die Eigenkapitalquote von Privatbanken mit Steuergeldern stützt - wie es momentan bei der Commerzbank, der Hypo Real Estate und der Aareal-Bank der Fall ist.

An einem Punkt des BaFin-Modells mäkelt der Bankenexperte allerdings ziemlich stark herum. "Die neuen Regeln weisen definitiv in die richtige Richtung - doch es muss sich erst zeigen, ob sie sich mit den Kontrollstrukturen, die die BaFin entworfen hat, nachdrücklich genug durchsetzen lassen."

Laut MaRisk müssen Banken nur dann einen Vergütungsausschuss einrichten, wenn "Art, Umfang, Komplexität und Risikogehalt der Geschäftsaktivitäten" hoch genug sind. Ein BaFin-Sprecher konkretisierte diese Formulierung auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE. "Das ist keine Hintertür, es geht nur darum, etwa kleine Sparkassen von den Regeln bei Bedarf zu befreien", sagte er. "Bei den großen und wichtigen Privatinstituten ist ein solcher Ausschuss generell Vorschrift."

Das Problem dieses Kontrollgremiums könnte allerdings sein, dass es in der Hierarchie falsch angesiedelt ist. Denn das Gremium wird von der Geschäftsleitung eingerichtet, arbeitet mit der Innenrevision zusammen. Der Aufsichtsrat, der die Interessen der Aktionäre vertritt, ist nicht direkt beteiligt - er wird nur mindestens einmal jährlich über die Entwicklung der Vergütungssysteme informiert - und hat ein generelles Auskunftsrecht.

"Es wäre wünschenswert, Vertreter des Aufsichtsrats direkt in den Vergütungsausschuss zu integrieren", sagt Burghof. "Oder zumindest die Kompetenzen der Aufseher in diesem Bereich zu stärken." In der jetzigen Konstellation bestehe das Risiko, dass die Aufseher "zu weit weg vom Geschehen sind, die Vergütungssysteme nicht genau genug prüfen - und sich Vorstände weiter gegenseitig hohe Summen zuspielen".

Die BaFin sitzt als übergeordneter Kontrolleur in diesem Konstrukt sogar noch weiter weg. Das Bundesfinanzministerium betonte, dass die Finanzaufsicht zwar die Einhaltung der neuen Vergütungsregeln kontrollieren kann, aber nicht in individuelle Vergütungsverträge eingreifen darf.

Forum - Bonus trotz Staatshilfe?
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Reziprozität 15.07.2009
1.
Zitat von sysopStaatsgeld in Anspruch nehmen, aber dem Chef hohe Boni zahlen: Das Vorgehen der angeschlagenen HSH Nordbank empört Finanzminister Peer Steinbrück. Bonuszahlungen trotz Krise und Staatshilfe?
Ganz eindeutig: Nein! Was hat btw. die HSH Nordbank eigentlich im DeserTec-Konsortium zu suchen? Sollen die nicht die Kreditfinanzierung fuer den Mittelstand im Norden absichern?
dhanz, 15.07.2009
2.
Zitat von sysopStaatsgeld in Anspruch nehmen, aber dem Chef hohe Boni zahlen: Das Vorgehen der angeschlagenen HSH Nordbank empört Finanzminister Peer Steinbrück. Bonuszahlungen trotz Krise und Staatshilfe?
Natürlich NEIN. Für die Zukunft muß man mit den Vorständen Verträge aushandeln, die die Möglichkeit von Bonuszahlungen STRENG an den nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens koppeln.
der_pfau 15.07.2009
3. Bonus trotz Staatshilfe?
Und damit offenbart sich wieder eine alte Erkenntnis. Wer dreist genug ist, dem füllt man die Taschen. Hat den wirklich jemand gedacht, wir kehren von der freien zur sozialen Marktwirtschaft zurück?
japan10 15.07.2009
4.
Zitat von sysopStaatsgeld in Anspruch nehmen, aber dem Chef hohe Boni zahlen: Das Vorgehen der angeschlagenen HSH Nordbank empört Finanzminister Peer Steinbrück. Bonuszahlungen trotz Krise und Staatshilfe?
HSH Nordbank ist doch ganz was besonderes. Da hat man einen Wirtschaftsmann als Minister und dieser wird rausgeekelt. Es zeigt, wie Machtlos doch unsere Politiker gegen diese Leute sind.
boell 15.07.2009
5.
Zitat von sysopStaatsgeld in Anspruch nehmen, aber dem Chef hohe Boni zahlen: Das Vorgehen der angeschlagenen HSH Nordbank empört Finanzminister Peer Steinbrück. Bonuszahlungen trotz Krise und Staatshilfe?
Ich finde das ganz in Ordnung. Schliesslich tun diese studierten Betriebswirte etwas mit ihren systemtragenden Banken für den Aufschwung der freien Kräfte des Marktes, ergo haben sie alle Unterstützung nötig und sei es in Form von Boni. Neid hilft nicht weiter, sondern Applaus.
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