Riskante Erwartungen Anleger misstrauen Dax-Anstieg

Der Dax ist heißgelaufen, weil Investoren in der Hoffnung auf eine wirtschaftliche Erholung Millionen in den Markt pumpen. Experten erwarten einen erneuten Rückgang um 1000 Punkte - denn der Boom am Aktienmarkt entspricht der Entwicklung in der wirklichen Wirtschaft nicht.

Von Karsten Stumm


Hamburg - Zehn Wochen lang ist der Dax Chart zeigen nun schon gestiegen. Hat dabei seit seinem Jahrestief im März etwa 40 Prozent zugelegt, die Verluste aus dem vergangenen Jahr somit Stück für Stück wettgemacht. Er ist sogar an die 5000-Punkte-Marke herangerückt - und hat sich damit womöglich vorerst an die Decke gestreckt. "Der Dax kämpft mit dieser Marke, anscheinend fällt es dem Index schwer, diese Schwelle nachhaltig zu überwinden", sagt Klaus Schrüfer, Leiter Anlagestrategie bei der SEB Bank.

Noch keinen Aufschwung bemerkt: Deutscher Maschinenbau im April mit Orderverlusten
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Noch keinen Aufschwung bemerkt: Deutscher Maschinenbau im April mit Orderverlusten

Tatsächlich hat Deutschlands wichtigstes Börsenbarometer dieses Niveau während eines Handelstages zwar schon ein paarmal kurzfristig überwunden. Am Schluss der Handelstage leuchtete aber nur zweimal die 5000 auf der Anzeigentafel im Frankfurter Börsensaal auf. Zu unsicher scheint vielen Anlegern das Comeback des Aktienmarkts, als dass sie nun weiter auf den zuletzt kräftigen Aufwärtstrend setzen.

Dabei hat der Dax mit seinem Schlusskurs vom 20. Mai mit 5038 Zählern einen neuen Rekordwert für das laufende Jahr markiert, was den vor zehn Wochen gestarteten Aufwärtstrend aus Sicht vieler Marktexperten bestätigt. "Dennoch zweifeln die Anleger an der Nachhaltigkeit der Aktienmarktbewegung", sagt Patrick Hussy, Geschäftsführer des Analysehauses Sentix.

Vielleicht nicht zu Unrecht.

Denn der stürmische Aufwärtstrend der vergangenen Wochen ist bereits vorbei. "Die Börse hat eine schnelle und starke Wirtschaftserholung vorweggenommen. Das war zu viel des Guten", sagt Stefan Bielmeier, Aktienanalyst der Deutschen Bank. "Vielleicht hat sich sogar eine Art Erwartungsblase an der Börse gebildet", ergänzt Michael Köhler, Analyst der Landesbank Baden-Württemberg.

An der Schallmauer: Dax hat die 5000-Punkte-Marke kurzfristig überschritten
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An der Schallmauer: Dax hat die 5000-Punkte-Marke kurzfristig überschritten

Tatsächlich liefern die Konjunkturdaten noch immer ein verschwommenes Bild der Wirtschaft. Erstmals hat zwar ein wichtiger Frühindikator für den Welthandel aufhorchen lassen: Der Baltic-Dry-Index ist auf den höchsten Stand seit acht Monaten geklettert. Der Index misst beispielsweise die Preisentwicklung der Frachtraten für Eisenerz, Kohle, Weizen und Zement - und hat nicht zuletzt für die deutsche Wirtschaft eine gewisse Bedeutung. Denn die Bundesrepublik dürfte als exportstarke Nation vom Aufschwung andernorts zügig mitprofitieren, der sich wahrscheinlich in den Frachtraten niederschlagen wird. Denn wenn die Produktion anzieht, müssen auch wieder mehr Vorprodukte transportiert werden.

Zudem zeigen auch schon wichtige hiesige Wirtschaftsindikatoren wie der Geschäftsklimaindex des Münchner Ifo-Wirtschaftsforschungsinstituts oder des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim nach oben.

Doch darin spiegelten sich zuletzt vor allem die Zukunftserwartungen vieler Unternehmen und Analysten wider. Die aktuelle wirtschaftliche Lage wurde zumeist schlecht bewertet. Und geradezu verheerend fielen auch die neuesten Auftragsdaten des deutschen Maschinenbaus aus: Im April gab es den heftigsten Auftragsrückgang des Jahres. Die Branche verbuchte 58 Prozent weniger Bestellungen als im entsprechenden Vorjahresmonat.

Nur eine Bärenmarktrallye?

Auch der Blick auf die Börsenhistorie lässt zweifeln, ob der bisherige Aufwärtstrend Bestand haben wird. Nur zweimal in der jüngeren Geschichte des Aktienmarkts ging ein so schneller Wiederanstieg der Kurse in einen dauerhaften Höhenflug der Aktienkurse über: Das war 1942, nach dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg und nach Ende des Irak-Kriegs im Jahr 2003. Dazwischen dominierten heftige Rücksetzer nach erstaunlichen Erholungsschüben das Bild.

Wer an die Unternehmensgewinne als Peilschnur der Aktienmärkte glaubt, findet dafür auch eine plausible Erklärung: Die deutschen Dax-Unternehmen beispielsweise bräuchten Jahre, um überhaupt wieder auf ihr glänzendes Ertragsniveau aus dem Jahr 2007 zurückzukommen - und damit den entsprechenden Dax-Stand. Das haben jetzt Experten der Bank M.M. Warburg vorgerechnet.

Ihr Fazit: Selbst wenn die hiesige Industrie wieder so kräftig wie im vergangenen Aufschwung zulegen würde, bräuchten sie bis zum Jahr 2013, um so gut wie vor der Finanz- und Wirtschaftskrise dazustehen. Und der Dax selbst bräuchte wohl noch mehr Jahre, um auf das 8000-Punkte-Niveau aus dem Januar 2008 zurückzukehren.

Deutsche-Bank-Experte Bielmeier rechnet dann auch damit, dass der Dax noch einmal wegknickt. Bis zum Jahresende könne der wichtigste hiesige Aktienindex auf 4000 Punkte zurückfallen.



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