Ritter Sport Die Schoko-Pleite der Stiftung Warentest

Die Stiftung Warentest hat im Streit mit Ritter Sport eine empfindliche Niederlage vor Gericht eingesteckt. Im ungünstigsten Fall könnten noch Schadensersatzforderungen auf die Verbraucherschützer zukommen.

Voll-Nuss-Schokolade von Ritter Sport: Streit mit der Stiftung Warentest
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Voll-Nuss-Schokolade von Ritter Sport: Streit mit der Stiftung Warentest

Von , München


Die Geduld von Eva Spangler war erschöpft. Die Richterin am Münchner Oberlandesgericht sah sich am Dienstag irgendwann genötigt, den Anwalt der Stiftung Warentest für einen Augenblick zu unterbrechen. Ihr sei klar, dass er auch mit Blick auf die Öffentlichkeit seine "Pflöcke einschlagen" wolle, "aber wir kennen die Akten", sagte sie zu Ulrich Franz.

Der Berliner Fachanwalt für Medienrecht hatte soeben festgestellt, dass die Verbraucherschutzorganisation "im Gegensatz" zu Ritter Sport und dem Geschmacksstoffhersteller Symrise in dem Verfahren nichts verschwiegen habe.

Stiftung Warentest gegen Ritter Sport und den Aromenhersteller Symrise: Was sich am Dienstag im Sitzungssaal E.10 des Oberlandesgerichts abspielte, war eine neuerliche Runde in dem seit Monaten schwelenden sogenannten Schokoladenstreit. Und erneut musste die Verbraucherschutzorganisation eine empfindliche Niederlage einstecken. Ihr Imageschaden dürfte jetzt noch größer sein als nach dem Urteil des Münchner Landgerichts, gegen das die Stiftung in Berufung gegangen war.

Denn im Kern haben die Richter an diesem Dienstag entschieden: Die einstweilige Verfügung gegen die Stiftung Warentest hat weiter Bestand. Die Verbraucherschützer dürfen also nicht behaupten, sie hätten in der von ihr mit der Note "mangelhaft" bewerteten Voll-Nuss-Schokolade von Ritter Sport "den chemisch hergestellten Aromastoff Piperonal nachgewiesen". So hatten es die Verbraucherschützer in ihrem Dezember-Heft 2013 formuliert. Auch weitere darin enthaltene Passagen sind damit zu unterlassen - etwa der Satz, die Nussschokolade hätte "wegen Irreführung" nicht verkauft werden dürfen. Das Gericht wies damit die Berufung der Stiftung Warentest gegen das Urteil des Münchner Landgerichts vom Januar 2014 zurück.

"Unzulässige Verzerrung des Testergebnisses"

Was sich die Stiftung Warentest am Dienstag von Richterin Spangler vorhalten lassen musste, kam einer Totalniederlage gleich: Für einen Großteil der Leser sei durch den Testbericht der Eindruck entstanden, die Verbraucherschützer hätten den künstlichen Aromastoff Piperonal in der betreffenden Schokolade chemisch nachgewiesen. Dies, so die Richterin, sei aber nicht der Fall. Von einem Nachweis könne keine Rede sein, vielmehr handele es sich "nur um eine Schlussfolgerung". Insgesamt sei von einer "unzulässigen Verzerrung des Testergebnisses" auszugehen, so die Richterin.

In dem Verfahren würde "in erster Linie um Formulierungen gestritten", sagte Spangler - und die Verbraucherschützer müssten ihre Worte nicht zuletzt wegen der großen Bedeutung ihrer Testberichte sorgsam wählen.

Die Warentester waren aufgrund umfangreicher Recherchen und einem Gutachten zu dem Ergebnis gekommen, dass es kein Verfahren gebe, mit dem Piperonal in großen Mengen und kostendeckend auf natürliche Weise hergestellt werden könne.

Imageschaden für Ritter Sport

Ritter Sport hatte dagegen stets erklärt, "ausschließlich auf natürliche Rohstoffe" zu setzen. Das Unternehmen berief sich dabei auch auf eine eidesstattliche Erklärung von Symrise, wonach das an Ritter Sport gelieferte natürliche Aroma Piperonal enthält, das "ausschließlich aus botanischen Quellen gewonnen" und mit Verfahren hergestellt werde, die der europäischen Aromenverordnung entsprechen würden. Details zum Herstellungsverfahren hatte Symrise vor Gericht nicht genannt - das Unternehmen berief sich auf Betriebs- und Produktionsgeheimnisse.

Aufgrund der Berichterstattung von Stiftung Warentest war zwischenzeitlich ein staatsanwaltschaftliches Ermittlungsverfahren gegen den Aromenhersteller geführt worden, es wurde mittlerweile eingestellt: Die Lebensmittelbehörde hatte Proben bei Symrise entnommen und offenbar nichts zu beanstanden.

Ritter Sport wertete die Gerichtsentscheidung als Erfolg. Sie zeige, dass auch die Stiftung Warentest "nicht willkürliche Behauptungen in die Welt setzen" dürfe, die "jeder Grundlage entbehren", hieß es in einer Pressemitteilung. Die Stiftung Warentest will erst die schriftliche Urteilsbegründung abwarten. Nach einer genauen Analyse werde man dann "über weitere Schritte entscheiden", sagte Stiftungsvorstand Hubertus Primus.

Dass der Streit zwischen den Konfliktparteien beendet ist, ist schwer vorstellbar - im Gericht waren zum Teil harsche Worte gefallen: "Dieser Fall stinkt zum Himmel", hatte etwa Warentest-Anwalt Franz gesagt. Die Gegenseite warf den Verbraucherschützern vor, mit ihrer Berichterstattung "zu weit" gegangen zu sein.

Unklar ist, ob der Schokoladenhersteller Schadenersatzansprüche gegen die Verbraucherschützer geltend machen wird. Das Unternehmen wollte sich dazu auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE am Dienstag nicht äußern. Eine Sprecherin verwies aber unter Berufung auf regelmäßig durchgeführte Imageerhebungen darauf, dass Ritter Sport durch die Testberichterstattung zwischenzeitlich einen "deutlichen Ansehensverlust" erlitten habe.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Untertan 2.0 09.09.2014
1. Wenn man keine Probleme hat...
Der ganze Streit ist ziemlich lächerlich, wenn man bedenkt, dass es für die Qualität der Schokoloade vollkommen egal ist, ob ein und die selbe Verbindung nun Pflanzenteilen oder dem Reagenzglas stammt
inovatech 09.09.2014
2. Peinlich
für die Stiftung, trotzdem deckt es Mängel auch für Ritter auf. Warum kann man nicht mit offenen Karten spielen, anstatt alles zu vertuschen und zu verheimlichen. Kundenfreundlichkeit geht anders!
viwaldi 09.09.2014
3. Hallo Stifung Warentest
einfach mal zugeben, dass man sich vergaloppiert hat - ist das soooo schwer? Die Richterin hat es doch auf den Punkt gebracht: zum Zeitpunkt des Tests konnten die Tester ihre Bewertung nicht belegen. Wenn Stiftung Warentest regelmäßig aufgrund von Vermutungen und Schlussfolgerungen, nicht aber auf belastbaren und belegbaren Tatsachen ihre Testergebnisse veröffentlichen würde, dann gute Nacht. Manchmal kann ein Schritt zurück auch ein Fortschritt sein. Stiftung Warentest verhält sich genauso wie so mancher verbohrter Hersteller. Also, alle mal locker machen. Ich kaufe weiterhin Ritter-Sport, egal wie das Zeug da hergestellt wird. Wichtig ist doch, dass es nicht gesundheitsschädlich ist. Und davon war noch nie die Rede.
hörtauf 09.09.2014
4. Danke an das Gericht
Endlich wird die oftmals (nein - nicht immer!!) willkürliche Art der Stiftung Warentest mal in die Schranken gewiesen. Ehrlicher Verbraucherschutz ist gut - aber nicht auf Kosten der Unternehmen ohne Grund. Hätte die Stiftung Warentest einfach bei Ritter vorab angefragt, wäre alles richtig gewesen.
bartholomew_simpson 09.09.2014
5. Unter Schololade
verstehe ich etwas anderes als eine Pampe aus Zucker, Fett und ein paar Aromastoffen, die mit Kakao eingefärbt ist. Darf ruhig etwas mehr kosten als Ritter-Sport.
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