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Rohstoffkrise: Ölindustrie warnt vor neuem Preis-Schock

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94, 95, 96, bald 100 Dollar? Der Ölpreis springt von einem Rekord zum nächsten. Verbrauchern und Wirtschaft droht ein Preisschock. Experten warnen vor Panik und Hysterie - die Industrie wartet schon mit neuen Horrorszenarien auf.

Hamburg - Es war die Crème de la Crème der internationalen Ölindustrie, die sich in dieser Woche in London traf. Minister aus Arabien, Konzernchefs aus Europa und Amerika, Fachleute aus der ganzen Welt: Sie alle kamen zusammen, um über die Zukunft der Ölversorgung zu debattieren. Doch was wie ein normales Jahrstreffen begann, endete mit einer dramatischen Botschaft.

Rohstoffhändler (in Chicago): Die Rallye geht immer weiter
AP

Rohstoffhändler (in Chicago): Die Rallye geht immer weiter

Das Horrorszenario der exquisiten Runde: Die weltweiten Ölreserven sind weitaus knapper als gedacht. Schlimmer noch: Der Ölpreis, der seit Tagen auf neue Höhen steigt und steigt, wird bei 100 Dollar nicht halt machen. Die Rekord-Rallye geht den Experten zufolge auch danach weiter.

Ölpreis seit Anfang 2006: Kurz vor der 100-Dollar-Marke
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Ölpreis seit Anfang 2006: Kurz vor der 100-Dollar-Marke

Und es war nicht irgendwer, der diese Schreckensvision für die Weltwirtschaft entwarf. Sadad I. Al Husseini, Energieberater und früher Vorstand bei Aramco, dem staatlichen Ölkonzern Saudi-Arabiens, wagte sich als erster vor und verkündete: Die Ölproduzenten hätten ihre Reserven in der Vergangenheit um 300 Milliarden Barrel aufgebläht. Tatsächlich sei diese Menge jedoch "weder belegt noch förderbar". Dasselbe fürchtet Nobuo Tanaka, der neue Exekutivdirektor der Internationalen Energieagentur (IEA). Es sei "sehr unwahrscheinlich", dass sich die weltweite Ölproduktion in naher Zukunft wesentlich steigern lasse. Im Gegenteil: "Ab 2009 wird der Markt noch enger."

Für die düsteren Aussichten zählen die Experten eine ganze Reihe von Gründen auf:

  • Es werde immer schwieriger, neue Ölfelder zu entdecken und auszubeuten.
  • Hinzu komme, dass die Produzentenländer in den vergangenen Jahren chronisch zu wenig investiert hätten. Heute fehlten nun die nötigen Kapazitäten, um das vorhandene Öl aus der Erde zu holen.
  • Und natürlich durfte das Argument China nicht fehlen: Die steigende Nachfrage nach Energie könne kaum noch befriedigt werden.

Gestern meldete sich schließlich auch die private Wirtschaft zu Wort. Die weltweiten Produktionskapazitäten würden weit hinter den offiziellen Prognosen zurückbleiben, sagte der Chef des französischen Ölkonzerns Total, Christophe de Margerie. Derzeit liegt die Förderung bei 85 Millionen Barrel pro Tag. Bis 2030 gehen die IEA und die US-Regierung von 116 bis 118 Millionen Barrel aus. Diese Annahmen warf Margerie nun über den Haufen: "Wir können froh sein, wenn wir 100 Millionen Barrel schaffen."

Das Hauptproblem: Produzentenländer wie Venezuela oder Russland übernehmen die Förderung immer häufiger selbst. Private Unternehmen müssen sich zurückziehen, entsprechend wenig wird investiert. "Wir alle waren viel zu optimistisch", sagte Margerie.

Allerdings: Ganz uneigennützig sind diese Äußerungen nicht. Schließlich führen sie an den Ölmärkten zu einem weiteren Preisschub - und das kommt den Opec-Ländern und Unternehmen wie Total durchaus gelegen. Gerade in den vergangenen Tagen zogen die Kurse an den Rohstoffbörsen an.

"Im Markt gibt es große Unsicherheiten", sagt Rainer Wiek vom Hamburger Energieinformationsdienst EID. Betrachte man die reine Datenbasis, müsse der Ölpreis eigentlich bei rund 70 Dollar liegen - der Rest sei Spekulation.

Auch andere Fachleute sehen die Londoner Konferenz skeptisch. "Für mich ist das Panikmache", sagt Peter Kehrer, Geologe an der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe. "Die Reserven, die bisher angegeben wurden, sind glaubwürdig."

Noch weiter geht Manuel Frondel, Energieexperte am Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI). "Es gibt genug Öl auf der Welt. In letzten 50 Jahren sind die Reserven sogar leicht angestiegen."

Was paradox klingt, lässt sich leicht erklären: Denn der Begriff "Reserve" ist als jene Menge definiert, die sich zum aktuellen Preis mit der aktuellen Technologie wirtschaftlich fördern lässt. Mit anderen Worten: Je höher der Preis, desto mehr Reserven gibt es - schließlich lohnt es sich bei einem hohen Ölpreis, auch solche Felder anzuzapfen, deren Förderung früher zu teuer war. Hinzu kommt der technische Fortschritt, der immer mehr Ölvorkommen erschließbar macht. "Man findet ständig neues Öl", sagt Frondel, "auch in der Nordsee."

Anders verhält es sich mit der Gesamtmenge eines Rohstoffs in der Erdkruste. Diese ist natürlich begrenzt, aber noch lange nicht aufgebraucht, sagt Experte Frondel. "Es gibt genug Öl auf der Welt." Sämtliche Vorhersagen aus den siebziger Jahren, wonach die Rohstoffvorräte der Erde schon bald aufgebraucht würden, seien heute widerlegt.

Die zehn größten Erdölförderer
1 Saudi-Arabien 525,0
2 Russische Föderation 485,0
3 USA 313,6
4 Iran 198,0
5 China 186,0
6 Mexiko 185,5
7 Kanada 152,0
8 Venezuela 151,0
9 Arabische Emirate 137,7
10 Norwegen 130,0
Angaben: Millionen Tonnen (2006), Quelle: Esso-Studie Oeldorado 2007

Aber was treibt den Ölpreis dann? Für Ökonomen ist die Antwort klar: Die Welt hat kein Angebots-, sondern ein Nachfrageproblem. Nicht nur in Schwellenländern wie China und Indien nimmt der Verbrauch dramatisch zu. Auch in Industriestaaten wie den USA und Japan steigt die Öl-Nachfrage. Nur in Europa ist sie relativ konstant.

Die zehn ölreichsten Länder
1 Saudi-Arabien 35.478
2 Kanada 24.126
3 Iran 18.630
4 Irak 15.430
5 Kuwait 13.717
6 Arabische Emirate 12.851
7 Venezuela 11.190
8 Russische Föderation 8.163
9 Libyen 5.465
10 Nigeria 4.915
Angaben: Millionen Tonnen (2006), Quelle: Esso-Studie Oeldorado 2007

"Um den Ölpreis zu senken, müsste man etwas auf der Nachfrageseite tun", sagt Frondel. Das Mittel der Wahl ist für ihn klar: Nur mit hohen Energiesteuern lasse sich der Verbrauch reduzieren. Kurzfristig treibe das für die Verbraucher natürlich den Preis. Langfristig hingegen werde die Nachfrage gedämpft - und das Ölproblem gelöst. Allerdings gibt selbst Frondel zu, dass das Vorhaben nicht einfach ist: "Kein US-Präsident traut sich, Energie richtig zu besteuern."

Immerhin: Der Weltwirtschaft macht der hohe Ölpreis nicht viel aus. Bisher ist 2007 ein Boomjahr. Besonders Europa kommt mit der teuren Energie recht gut zurecht. Zum einen liegt das an den ohnehin hohen Energiesteuern - dadurch fällt die Teuerung beim Rohöl prozentual nicht so schwer ins Gewicht. Zum anderen macht der hohe Euro-Kurs das in Dollar gehandelte Öl vergleichsweise günstig.

Die Konjunkturforscher vom RWI geben sich deshalb gelassen. Pro zehn Dollar Preisanstieg beim Rohöl rechnen sie mit einem Dämpfer fürs deutsche Wirtschaftswachstum von 0,2 Prozentpunkten. "Im Vergleich zu den siebziger Jahren ist das sehr moderat", sagt Frondel. "Damals hatte man es mit einem plötzlichen Angebotsschock zu tun. Heute steigt die Nachfrage - darauf können sich die Märkte einstellen."

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