Absturz der Währung Die fatale Rubel-Strategie des Kreml

Ihr Versuch, den freien Fall des Rubels zu bremsen, misslang. Nun droht auch Russlands Zentralbankchefin Nabiullina der Sturz. Hardliner werfen der Wirtschaftsliberalen gar Landesverrat vor. Doch die Ursachen der Krise liegen woanders.

Von , Moskau


Zentralbanker sind wie Dirigenten, wortkarg und manchmal etwas verschroben. Beide geben den Takt vor - die Dirigenten im Orchestergraben und die Notenbanker in der Volkswirtschaft.

Doch an diesem Dienstag verhielt es sich für die russische Zentralbank anders. Die Entscheidung der Währungshüter aus der Nacht, den Leitzins von 10,5 auf 17 Prozent hochzuschrauben, hat den Absturz des Rubels nur für einen Moment aufhalten können. Im Laufe des Tages verlor die russische Währung weiter an Wert. Am Abend erhielt man für einen Euro 85 Rubel.

Zentralbank-Chefin Elvira Nabiullina sah sich gezwungen, sich öffentlich zu äußern. Der höhere Zins solle russische Anleger dazu bewegen, ihre Rubel zu behalten, sagte Nabiullina. Es sei wichtig, "darauf die Aufmerksamkeit zu richten". Sie wirkte nun wie ein Dirigent, der seinem Orchester erst noch erklären muss, wie diese oder jene Geste gemeint ist.

Doch es half nichts. Vor manchen Wechselstuben in Moskau bildeten sich Menschenschlangen, die Leute wollten ihr russisches Geld loswerden. Das Leitzins-Manöver, so viel steht fest, ist gescheitert.

Vorwurf des Landesverrats

Der Rubel-Crash birgt große Risiken für die Wirtschaft und Bevölkerung des Landes: Die Inflation wird einen Großteil der Einkommen auffressen, die Stabilität des Bankensystems ist in Gefahr. Viele Kritiker machen Zentralbankchefin Nabiullina für die Lage verantwortlich, Hardliner fordern bereits ihren Rücktritt. Von einem "Verbrechen gegen den Staat" sprechen die Kommunisten in der Staatsduma. Jewgenij Fjodorow, ein Falke aus den Reihen der Regierungsfraktion, wirft der Zentralbank Landesverrat vor.

Elvira Sachipsadowna Nabiullina, geboren 1963 in Ufa im Ural, ist erst seit Juni 2013 Chefin der Zentralbank. Sie war eine enge Vertraute von Wladimir Putins erstem Wirtschaftsminister German Gref, schrieb mit an dessen ehrgeizigem Reformprogramm. 2007 stieg sie selbst zur Ministerin für Handel und Wirtschaft auf. Wegen ihres jugendlichen Aussehens taufte die Presse sie damals "das Mädchen mit dem Rubel".

Ihre zurückhaltende Art hat ihr das Image einer grauen Maus eingebracht. Mitarbeiter beschreiben sie aber auch als entschlossen. Sie gehört zur kleiner werdenden Gruppe der Wirtschaftsliberalen innerhalb der russischen Führung und lehnt beispielsweise die zunehmenden staatskapitalistischen Tendenzen in Russland ab. So machte sie etwa Front gegen die Bündelung Hunderter Firmen im Staatskonzern Rostech. Die Holding wird geführt von Sergej Tschemesow, einem ehemaligen KGB-Offizier, der in den Achtzigerjahren gemeinsam mit Putin in Dresden diente.

Sollten sich die Kritiker Nabiullinas durchsetzen und sie wegen der Krise ihren Posten verlieren, wäre das eine weitere Schwächung für den Reformflügel im Kreml - und ein weiterer Sieg für die Hardliner.

Politik der Zentralbank wirkt sprunghaft

Tatsache aber ist: Nabiullina hat in der Krise bislang keine gute Figur gemacht. Die Politik der Zentralbank wirkte in den vergangenen Monaten sprunghaft. Nabiullina trat nie entschlossen genug auf und konnte daher den Abwärtstrend nicht stoppen.

Den Analysten gab das Handeln der Zentralbank Rätsel auf. Moskau habe mit 400 Milliarden Dollar Devisenreserven zwar praktisch eine "Bazooka", um den Rubel zu verteidigen, so Timothy Ash von der Standard Bank. Aber offenbar habe niemand die Bedienungsanleitung gelesen.

Wahrscheinlicher ist aber, dass Nabiullinas Zentralbank die Folgen der Unentschlossenheit des Kreml ausbaden muss. Präsident Putin wollte die Krise eigentlich nutzen, um die heimische Industrie zu stärken. Der fallende Rubel sollte Produkte aus Russland international wettbewerbsfähiger machen. Gleichzeitig aber gab der Kreml auch die Anweisung heraus, die seit zwei Jahren abschmelzenden Devisenreserven zu schonen.

Die Zentralbank griff deshalb zu einer Leitzinserhöhung, in der Hoffnung, den Rubel-Verfall abzufedern. Das misslang bekanntlich.

Die Märkte fürchten, dass die höheren Zinsen die ohnehin schwächelnde Konjunktur abwürgen - und die Krise damit weiter verstärken. Es sei "nicht klug, den Rubel auf Kosten der wirtschaftlichen Entwicklung retten zu wollen", warnt Boris Titow, Russland Unternehmens-Ombudsmann.

Noch schärfer formulierte es Sergej Glasjew, ein Berater von Präsident Putin. Die Politik der Zentralbank führe Russland "mit Vollgas in die Katastrophe". Glasjew ist selbst Ökonom und war vor der Ernennung Nabiullinas der Favorit der Hardliner im Kreml für den Posten.

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Benjamin Bidder ist Korrespondent von SPIEGEL ONLINE in Moskau und berichtet regelmäßig über die Krise in der Ukraine - unter anderem aus Moskau, Kiew, Odessa, Donezk.

E-Mail: Benjamin_Bidder@spiegel.de

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insgesamt 118 Beiträge
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Epikurus 16.12.2014
1. Russland hat in den letzten 20 Jahren viele Währungs- und Wirtschaftskrisen
überstanden. Es gibt viele im Westen, die darauf hoffen, dass Putin und andere entmachtet werden. Wie naiv muss man aber sein, dass der Wirtschaftskrieg gegen Russland zu Jubel führen würde, wenn eine neue Regierung kommen würde? Die Atmosphäre ist nun in Europa ziemlich vergiftet. Es wird auch in ganz Europa einen Riss durch die Bevölkerung geben. Man wird Putin nicht das EU-Chaos anhängen können, dass mit dem Expansionswahnsinn aus Brüssel begann.
joann 16.12.2014
2. Mal sehen, ob wir die Russen schnell genug
kaputtgeschrieben und kaputtsanktioniert kriegen - dann sind wir die Sorge los, dass die BRICS vielleicht erfolgreich etwas tun, um sich von der Dollarmonopolstellung zu befreien. Das darf nicht passieren, denn es ist das Eine, was dem Westen seine wirtschaftliche Vormachtstellung und Kontrolle uber den Planeten verschafft, und die Erste Welt zu dem macht, was sie ist : the West is the Best. Alles, aber auch wirklich Alles andere (Terrorismus, Ebola, Konjunktur etc) ist daneben beinahe ebenso irrelevant wie der Klimawandel
nofreemen 16.12.2014
3. Pleite na und
Japan, die USA, Argentinien, Italien alle waren sie schon Pleite, einige schon mehrere male. Es gibt noch mehr davon und es werden immer mehr. Alle Stsaten sind hoffnungslos überschuldet trotz MBA, Unis etc. Neu bei Russland ist, dass man ein Staat Mutwillig in den Ruin treibt. Einer der wenigen Staaten der nicht verschuldet ist. Aus purem Neid und Intolleranz will man die Russen auf Linie bringen, gleichschalten. Das Finanzsystem entbehrt jeder Logik und unterliegt den Regeln des Schneeball Systems. Man spricht aber von Finanzökonomie und setzt eine Geldmenge ein das um ein zigfaches der benötigten Menge entspricht. Das alles nur um die Börsenpapiere und Aktien dem gemeinen Handwerk zu bevorteilen. Die Bürger merken das etwas nicht stimmt und werden zu Wutbürgern. Die regierungswillfährigen Journalisten reiben sich die Augen und versuchen mit abstrusen Theorien die Lage zu erklären. Im Zeitalter der social Media wird es immer schwieriger die Leute in den Griff zu bekommen. Man lässt sich nicht mehr so leicht verarschen von Leuten die keine Begabungen haben aussen Börsenzahlen zu jonglieten. Akte Werte sind wieder gefragt und dami tun sich die Politikerwendehälse sehr schwer. Die Demokratie und ihr Rechtssysten sind auf dem Prüfstand. Resultat : ab in die Wetstatt und später wieder kommen.
petitbonhomme 16.12.2014
4. Aktuell
Ich habe gerade gelesen der Kongress hat Obama ein Gesetz vorgelegt das er nächste Woche Unterschreiben wird. Neue Sanktionen gegen Russland obwohl eine Waffenruhe zurzeit anhält. Der Krieg den die USA wollen kommt schleichend und er wird kommen. Gott stehe uns bei, es wird sehr ernst, ich glaube den Europäer ist das noch garnicht so recht bewusst.
TS_Alien 16.12.2014
5.
Russland ist marode, in allen Bereichen. Den Fall des Rubels halten Stützungsgeschäfte nicht auf, zumindest nicht auf Dauer. Auf die Stützung spekulieren nur etliche Spekulanten. Russland hätte vor 20 Jahren seine Wirtschaft sanieren müssen und Geld in zukunftsträchtige Industriebereiche stecken sollen. Dabei hätten sicher viele ausländische Investoren geholfen, wenn die nicht um ihr Geld und um ihr Leben hätten fürchten müssen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Die aktuelle russische Wirtschaftskrise hat sich angekündigt. Mit den lächerlich geringen Sanktionen des Westens hat sie kaum etwas zu tun. Das Land geht nun etwas schneller den Bach herunter, den Bach herunter gegangen wäre das Land sowieso.
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