S.P.O.N. - Die Spur des Geldes: Mein Mann des Jahres ist Shinzo Abe

Eine Kolumne von Wolfgang Münchau

Die Deutschen halten stabile Preise immer noch für heilig. Besser wäre es, wenn sich unsere Notenbanker in der Euro-Krise an Shinzo Abe orientieren. Der frisch gekürte japanische Premier verkörpert die Zukunft der Geldpolitik, denn er stellt das Wachstum der Wirtschaft vor die Eindämmung der Inflation.

Wenn man aus der Zukunft auf 2012 zurückblickt, dann ist das Großereignis nicht das Jahr drei der Euro-Krise, sondern eine der radikalsten Neuausrichtungen der Wirtschaftspolitik unserer Generation. In Deutschland wurde darüber wenig in den Medien berichtet. Das liegt zum Teil auch daran, dass diese Neuausrichtung hier nicht stattgefunden hat. Es ist die Abkehr von der Preisstabilität als einzigem, ja sogar hauptsächlichem Ziel der Geldpolitik.

In den USA ist dieser Trend bislang am stärksten ausgeprägt. Dort werden die Zinsen erst dann wieder erhöht, wenn die Arbeitslosigkeit von zuletzt 7,7 Prozent auf 6,5 Prozent der arbeitenden Bevölkerung gefallen ist. Das Notenbankgesetz verpflichtet die Zentralbank zur Stabilisierung von Preisen sowie Beschäftigung - etwas, was wir hierzulande aus ideologischen Gründen immer abgelehnt haben. Notenbankchef Ben Bernanke ist aber mittlerweile sogar weitergegangen, indem er ein ausdrückliches Beschäftigungsziel gesetzt hat. Das Gewicht der zwei Säulen der amerikanischen Geldpolitik hat sich somit verschoben.

Beschäftigung ist jetzt offiziell wichtiger als die Preisstabilität.

Meine Wahl der Person des Jahres 2012 fällt trotzdem nicht auf Bernanke, sondern auf Shinzo Abe, den gerade neugewählten japanischen Ministerpräsidenten. Er will, dass die japanische Notenbank so lange Staatsanleihen aufkauft, bis die Inflation endlich wieder in die Höhe schießt. In Japan schwankte die Inflation in den letzten 20 Jahren zwischen leicht negativ und null. Das Wachstum ist ebenfalls bei null. In Japan fragten sich Volkswirte schon seit langem, wie man das Wachstum des nominalen Bruttoinlandsproduktes erhöhen kann. Stellen Sie sich Letzteres als die Summe von Realwachstum und Inflation vor. Wenn beide null sind, dann ist die Summe natürlich auch null.

In Großbritannien schlug der vor kurzem ernannte Notenbankgouverneur Mark Carney jetzt vor, das nominale Wachstum statt der Inflation zum Ziel zu erheben. Wenn man Inflation mit zwei Prozent ansetzt, das Realwachstum mit drei Prozent, dann käme ein Nominalwachstum von fünf Prozent raus. Wenn jetzt in einer Rezession das Realwachstum einbricht, dann müsste die Notenbank in einem solchen Regime in Windeseile eine Inflation von fünf Prozent erzeugen. Umgekehrt, wenn die Wirtschaft wieder anspringt und das Realwachstum wieder steigt, dann muss die Inflation schnell und drastisch fallen, damit man über das Ziel nicht hinausschießt. Die Notenbank muss also in beide Richtungen viel aktiver werden. Aus der "Politik der ruhigen Hand" würde die "Politik des rauchenden Colts".

Es geht um Verteilungsfragen

Was hier passiert, ist viel radikaler als die großen ideologischen Debatten der Vergangenheit, etwa die zwischen Monetaristen und Keynesianern in den siebziger Jahren. Das waren Debatten über Funktionsweisen und Methoden, weniger über Ziele. Auch die Keynesianer und ihre geistigen Nachfolger akzeptieren die Preisstabilität als Ziel der Geldpolitik. Der Disput vergangener Zeiten drehte sich vorwiegend um die Rolle von Geld in der Wirtschaft.

Heute geht es um Verteilungsfragen. Wenn Staaten, Firmen und Privatleute so hoch verschuldet sind, dass sie ihre Schulden nicht begleichen können, bedeutet die neue Notenbankpolitik in den USA, Großbritannien und Japan eine Umverteilung zugunsten von Schuldnern und zu Lasten von Gläubigern. Allein nur fünf Prozent Inflation pro Jahr halbieren die reale Schuldenlast in einem Zeitraum von nur 15 Jahren. Wenn Sie heute 50.000 Euro Schulden haben, dann haben Sie bei einem Jahresverdienst von 50.000 Euro eine Schuldenquote von 100 Prozent. Wenn jetzt Ihr Gehalt jedes Jahr nur um eine Inflationsrate von fünf Prozent steigt, dann haben Sie in 15 Jahren ein Gehalt von 100.000 Euro, aber immer noch 50.000 Euro Schulden. Die Schuldenquote hat sich halbiert, und das, obwohl Sie keinen Cent zurückbezahlt haben.

Genauso ist es mit Staaten. Wenn das nominale Wachstum steigt, dann fällt die Schuldenquote. Bei Nullwachstum und null Inflation fällt sie nicht. Das ist das japanische Problem und auch das Problem der südeuropäischen Länder. Sie entkommen ihrer Schuldenfalle weder durch Wachstum noch durch Inflation. Daher rührt die Idee, dass Notenbanken das nominale Wachstum und nicht die Preisstabilität zum Ziel erheben.

Wenn sich der politische Konsens ändert

Abe, Bernanke und Carney sind die öffentlichen Gesichter dieser Revolution. Dahinter verbergen sich aber wichtige Strippenzieher. Allen voran steht Michael Woodford, der wohl einflussreichste Geldökonom unserer Zeit. Er war es, der die neue Politik der Federal Reserve durch einen Artikel im Sommer vorbereitet hat. Darin schlug er vor, dass man sich auf die Beibehaltung des Null-Zinssatzes für einen bestimmten Zeitraum festlegen sollte und auch dann die Zinsen nicht erhöht, wenn die Inflation wieder anspringen sollte. Zum anderen schlug er die Verfolgung eines nominalen Wachstumsziels vor. Die Federal Reserve hat seinen ersten Vorschlag aufgegriffen, die Bank of England seinen zweiten.

Woodford hätte die Wahl zur Person des Jahre 2012 eher verdient als Abe, dem ich den üblichen Zynismus eines Politikers unterstelle. Trotzdem ist es von höchster Bedeutung, wenn sich der politische Konsens in einem der größten und wichtigsten Industrieländer der Welt ändert. Das ist in Japan geschehen, und ich sehe darin einen globalen Trend. Daher fällt meine Wahl auf Abe, der diesen Trend am stärksten verkörpert.

Im Euro-Raum werden wir diesen Trend allerdings nicht so schnell nachahmen. Man wird ihn zunächst ignorieren, dann belächeln, sich dann darüber ärgern und ihn spätestens nach zehn Jahren auch annehmen - und so tun, alles hätte sich nichts wirklich geändert. Daraus ergibt sich auch meine Langfristprognose: Erst wenn wir Abes Politik übernehmen, besteht eine Chance zur Lösung der Euro-Krise. Darin besteht die wahre Bedeutung seiner Revolution.

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insgesamt 136 Beiträge
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    Seite 1    
1. Lieber Herr Münchhausen,
egon-erwin-kisch 26.12.2012
auch die Financial Times Deutschland konnte trotz hoher Verluste lange leben, weil jemand diese ausglich. Als das ausblieb, wurde sie eingestellt. Für die Defizitländer im Euro-Raum gilt gleiches. Wie soll Japan überleben, wenn die Schulden nicht zurückgezahlt werden?
2.
testthewest 26.12.2012
Zitat von sysopDie Deutschen halten stabile Preise immer noch für heilig. Besser wäre es, wenn sich unsere Notenbanker in der Euro-Krise an Shinzo Abe orientieren. Der frisch gekürte japanische Premier verkörpert die Zukunft der Geldpolitik, denn er stellt das Wachstum der Wirtschaft vor die Eindämmung der Inflation. Rückblick 2012: Person des Jahres ist Shinzo Abe - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/rueckblick-2012-person-des-jahres-ist-shinzo-abe-a-874653.html)
War alles schon da, Herr Münchau. Die Wirkung ist von kurzer Dauer und am Ende bleibt nur die Inflation und die Wirtschaft geht bergab. Oder waren die 1920iger Jahre eine Wirtschaftswunder-Zeit am Ende?
3. Ein schönes Rechenbeispiel
egon-erwin-kisch 26.12.2012
Nur haben sich im gleichen Zeitraum die Preise in der realen Welt um 100 Prozent erhöht, so dass dem nominalen Gehalt eine um 50 Prozent verringerte Kaufkraft entgegen steht.
4. Theorie und Wirklichkeit
mdhp 26.12.2012
Gesamtwirtschaftlich gesehen funktioniert dies "vielleicht", aber was bedeutet es im Detail? Die Spekulationen nehmen dramatisch zu, die einzigen die darunter leiden werden sind die Masse an Geringverdienern und die Mittelschicht. Deren größe nimmt zu (dank weniger Arbeitslosen), aber insgesamt werden diese noch weniger Vermögen haben. Das Grundproblem der Welt bleibt: "es gibt kein unendliches Wachstum"
5. Münchau ist ein Lobbyist der Schubkarrenindustrie!
gernot999 26.12.2012
1923, wir kommen.
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Wolfgang Münchau

Wolfgang Münchau ist Associate Editor und Kolumnist der "Financial Times" und Mitbegründer von www.eurointelligence.com, einem Informationsdienst über den Euro-Raum. Er gründete die "Financial Times Deutschland" mit und war deren Co-Chefredakteur. Zuvor arbeitete Münchau als Korrespondent englischer Zeitungen in Washington, Brüssel und Frankfurt am Main. Er lebt und wohnt in Großbritannien und hat mehrere Bücher zur internationalen Finanzkrise veröffentlicht.

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