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Rücktritt von Mehdorn: Abgang eines Dickkopfs

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Fast zehn Jahre lang hat Bahn-Chef Mehdorn jede Kritik ausgesessen, Affären und Skandale sind an ihm abgeperlt. Jetzt ist er über die Datenaffäre gestolpert - zu Fall gebracht hat ihn jedoch seine Selbstüberschätzung.

Hamburg - Am Schluss war es noch mal ein echter Mehdorn: Bei der Vorstellung der Geschäftszahlen am Montag in Berlin war es gleich die erste Frage, die die Journalisten nach dem endlosen Zahlenfluss interessierte. Ob er denn auch was zu der aktuellen Diskussion um einen möglichen Rücktritt sagen wolle, wurde Hartmut Mehdorn gefragt. Das werde er, beschied der Bahn-Chef dem Reporter, aber erst später. Und hörte sich weiter stoisch die Ausführungen seines Finanzvorstandes Diethelm Sack an.

Die kurze Episode sagt viel aus über den Mann, der die Bahn innerhalb von knapp zehn Jahren vom maroden Staatsbetrieb zum globalen Erfolgsunternehmen geführt hat. Kaum ein deutscher Manager ist so häufig abgeschrieben worden, hatte so desolate Umfragewerte - und strotzte trotzdem so vor Selbstbewusstsein. "Wenn ich das Glück gehabt hätte, Porsche zu leiten, wäre ich jetzt in Deutschland unter den Managern die Nummer eins", behauptete er einst.

"Diplomat wollte ich nie werden"

Egal ob es der umstrittene Börsengang, heftigste Tarifauseinandersetzungen, Fahrpreiserhöhungen oder technische Pannen waren - stets waren andere schuld. Mehdorn hat einen Verkehrsminister entmachtet und Kämpfe mit dem Chef seines Aufsichtsrates für sich entschieden. Er pöbelte gegen Politiker, die nichts auf die Reihe bringen, die Bahnindustrie, die Schrott abliefere, und Kunden, die ihren Müll gefälligst selbst aus den Zügen mitnehmen sollten. "Diplomat wollte ich nie werden", heißt denn auch ein Gesprächsband mit ihm.

Damit hat er über die Jahre selbst seine schärfsten Kritiker ermüdet: "Ich will den Rücktritt von Hartmut Mehdorn nicht mehr verlangen, ich habe ihn schon so häufig gefordert - und er bleibt ja doch", hieß es noch am Freitag aus den Reihen all derer, die immer darauf pochten, dass der Bahn-Chef angesichts der vielen Affären und Skandale endlich gehen müsse. "Das ruft nach Konsequenzen, jetzt muss gehandelt werden" - so erschöpft klang die Reaktion auf die Nachricht, dass die Bahn-Mitarbeiter weit umfangreicher überwacht wurden als bisher bekannt.

Und doch: Dieses Mal hat der bullige Manager und frühere Airbus-Vorstand den Bogen überspannt - und den Grad der Empörung unterschätzt. Seit Freitag waren neue Details zu der Datenüberwachung innerhalb des Konzerns bekanntgeworden. Hinweise, die darauf hindeuten, dass die Bahn die E-Mails von Mitarbeitern systematisch nach Kontakten zu Mehdorn-Kritikern durchsuchte. Und dass dies von niemand anderem als vom Strategiechef Alexander Hedderich, einem seiner engsten Mitarbeiter, in Auftrag gegeben worden war.

Trotzdem verkündete Mehdorn noch am Sonntag, keinerlei Hinweise auf Straftaten von Mitarbeitern zu sehen, und erklärte die andauernden Forderungen nach seinem Rücktritt für "politisch motiviert". Dabei bemerkte der Mann, der sich gerne mit dem Nimbus des hemdsärmeligen und unaufhaltsamen Tatmenschen schmückt, nicht, dass genau die Politik ihm zum Verhängnis werden würde. Dass er zum Ron Sommer der Bahn würde.

Merkel lässt ihn fallen

Der ehemalige Telekom-Manager musste im Juni 2002 auf Druck der damaligen Bundesregierung sein Amt räumen. Es war Wahlkampf, und Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder wollte in der Diskussion um den krisengeschüttelten Telekom-Konzern ein Zeichen setzen. Ähnliches gilt jetzt für Kanzlerin Angela Merkel, die die Geduld mit dem Manager der Republik verloren hat. Sie wolle "auf keinen Fall noch einmal lesen, dass sie bedingungslos hinter Herrn Mehdorn steht", kolportierte die "Bild am Sonntag".

Dabei hatte gerade Merkel sich lange hinter Mehdorn gestellt, obwohl der auch mit ihr nicht immer zimperlich umgegangen war: Anfang November 2007 brüskierte er die Kanzlerin mit einem Brief, in dem er ein staatliches Einschreiten gegen Minigewerkschaften wie die GDL forderte - mitten in dem harten Tarifkampf mit den Lokführern. Weil Mehdorn den Brief aber nicht nur ihr, sondern gleich allen Chefs der Dax-30-Konzerne und den führenden Wirtschaftsverbänden schickte, stieß er bei Merkel auf wenig Gegenliebe. "Obwohl die Bahn zu 100 Prozent im Besitz des Bundes ist, muss sie sich als Wirtschaftsunternehmen verhalten", ließ sie Mehdorn kühl via Interview wissen.

Zumal Mehdorn über Jahre hinweg gerade dafür gekämpft hat, seinen Konzern möglichst ohne staatliche Einmischung führen zu dürfen - und den letzten großen deutschen Staatskonzern an die Börse zu bringen. Seine Vision vom größten Logistikkonzern der Welt sollte Wirklichkeit werden, dafür hat die Bahn reihenweise rund um den Globus Konkurrenten aufgekauft und sich hoch verschuldet. Kritische Fragen ließ sich Mehdorn dabei ungern gefallen. Selbst über die eigenen "Corporate Governance"-Grundsätze setzte er sich dabei hinweg. Die verlangen bei der Bahn, dass Vorstände im Alter von 65 Jahren ausscheiden.

"In die Weltwirtschaftsgeschichte eingehen"

Gekämpft hatte Mehdorn auch nie für irgendeine Privatisierung. Für ihn war klar, dass die 34.000 Kilometer Schienenwege und die Bahnhöfe - kurz das Netz - mit verkauft werden müssten. Denn wer das Netz hat, hat die Macht. Die Macht über Fahrpläne und Stilllegungen, aber auch über Konkurrenten, die dem Fast-Monopolisten und seinen Börsenpläne in die Quere kommen könnten. Mehdorn habe nur ein einziges Ziel, sagte der einstige Bahn-Manager und Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin im vergangenen Jahr: "In die Weltwirtschaftsgeschichte einzugehen als der Mann, der die Bahn privatisierte und an die Börse brachte."

Dass jetzt nicht nur dieses Projekt, sondern auch Mehdorn selbst gestoppt wurde, hängt mit eben dieser Selbstüberschätzung zusammen. Wie kein anderer Bahnchef hat sich Mehdorn mit gut dotierten Beratern abgesichert, Ex-Politiker, Landes- und Bundesminister - alles Lobbyisten, die überall für ihn den Kopf hinhalten. Er glaubte, die Regeln der Politik zu verstehen - und vergaß dabei, dass nicht nur Spitzenpolitiker die Richtung entscheiden. Dass man Parteitage und öffentliche Meinung nicht mit Hilfe von Druck und Eigensinnigkeit beeinflussen kann.

Doch genau daran ist Mehdorn letztlich gescheitert - auch wenn er es anders sieht.

In "einer solchen Wirtschaftskrise" könne er dem Unternehmen "eine wochen- oder monatelange Kampagne gegen mich" nicht zumuten, ließ er seine Mitarbeiter am Montag per Rundbrief wissen. Das Schreiben endet mit den Worten: "Einmal Eisenbahner, immer Eisenbahner." Besser müsste es wohl heißen: "Einmal Mehdorn, immer Mehdorn."

Mit Material von Reuters

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