Rücktritt VW vertreibt Super-Sanierer Bernhard

Europas größter Autokonzern verliert seinen Chefsanierer. Wolfgang Bernhard geht - wegen Patriarch Piëch. Die Empörung ist so groß wie bei seinem Amtsantritt. Denn der Mann hat sich nicht wie befürchtet als Kahlschlag-Manager erwiesen, sondern als Retter aus der Krise.

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Berlin - Seit Wochen wurde darüber spekuliert - heute folgte der Vollzug. Der Chef der Markengruppe Volkswagen, Wolfgang Bernhard, verlässt VW. "Im gegenseitigen Einvernehmen" trennt man sich zum Monatsende, teilte Europas größter Autokonzern nach einer Aufsichtsratssitzung mit. Konzernchef Martin Winterkorn übernimmt seinen Job in Personalunion mit.

Scheidender VW-Manager Bernhard: Respekt der Belegschaft erkämpft
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Scheidender VW-Manager Bernhard: Respekt der Belegschaft erkämpft

Ein Dank für seine Arbeit, alles Gute für die Zukunft - und dann würdigte Winterkorn in der Mitteilung noch, "dass Bernhard die Restrukturierung des Unternehmens weiter voran gebracht und damit die Produktivität der Marke Volkswagen erhöht habe".

Das ist nicht zu tief gegriffen.

Bernhard gilt als knallharter Sanierer. Als Arbeitstier, der seinen Leuten alles abverlangt. So einer müsste eigentlich bei seinen Untergebenen ziemlich unbeliebt sein und ein Favorit der Konzernoberen. Bei Wolfgang Bernhard ist es genau umgekehrt. Es sind die Arbeiter und die Manager aus seinem Team, die den 46-Jährigen bejubeln. In der Konzernspitze begegnete man ihm dagegen zuletzt mit kühler Zurückhaltung.

Das ist umso bemerkenswerter, als Bernhard gerade mit den VW Chart zeigen-Werkern nicht eben zimperlich umsprang, als es darum ging, das Unternehmen wieder auf Kurs zu bringen. In der Mitarbeiterzeitung legte er schonungslos offen, wie weit VW in allen wichtigen Kennzahlen der Konkurrenz hinterher hinkt.

Löhne, Arbeitszeiten, aber auch konstruktive Ungeschicklichkeiten addieren sich bei VW zu Produktionskosten, die weit über den Bestwerten der Branche liegen. Bei einigen Golf-Modellen, so rechnete der Manager vor, legen die Wolfsburger sogar drauf.

Schließlich drohte er sogar, die Golf-Produktion im Stammwerk einzustellen, sollten Gewerkschaft und Betriebsrat VW ihm nicht entgegenkommen. So setzte er längere Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich durch und reduzierte die Zahl der Mitarbeiter.

Es ist seine Gradlinigkeit, die ihm trotzdem den Respekt der Belegschaft einbrachte. Die Leute bevorzugen die Auseinandersetzung mit offenem Visier. Auf Betriebsversammlungen verteidigte er seine Pläne, konterte Argumente, die er für nicht stichhaltig hielt, ließ aber Einwände gelten. Das waren keine Sonntagsveranstaltungen, aber sie gefielen den Arbeitern. Bei seiner letzten Vollversammlung, als Bernhards Abschied schon besiegelt schien, feierten sie ihn mit Ovationen im Stehen.

Managerkollegen trauern Bernhard nach

Auch die Mitarbeiter seines Führungszirkels stellten sich demonstrativ hinter ihn. In einem internen Brief machte die Volkswagen Management Association (VMA), die Interessenvertretung der leitenden Angestellten, Mitte Dezember deutlich, dass sie es für einen Fehler hielte, Bernhard ziehen zu lassen. "Die Führungskräfte fordern Kontinuität, um die vielen, in allen Ressourcen knapp kalkulierten Projekte wie geplant ins Ziel zu bringen", heißt es darin. "Diese können nur erfolgreich sein, wenn vom Vorstand bis zu den Experten der Bereiche alle vorbehaltlos und teamorientiert zusammenarbeiten."

Die Position des geachteten Leitwolfs hat Bernhard sich redlich erworben. Als Ex-Konzernchef Bernd Pischetsrieder zu Anfang des vergangenen Jahres um die Fortsetzung seines Vertrages kämpfte, hielt Bernhard eisern sein Reformtempo bei. Auch nachdem Pischetsrieder geschasst worden war und sich Veränderungen abzeichneten, die Bernhard keinesfalls mitmachen wollte, ließ er nicht nach. Ob es sich um neue Modelle handelte, die Verbesserung der Fertigungsstrukturen oder die Vertragsverhandlungen mit den Zulieferern - stets gab er Impulse, formulierte Vorgaben, machte Druck, wenn er es für nötig hielt.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Der Absatz der Marke VW stieg 2006 von knapp 3,1 auf fast 3,4 Millionen Autos. Das Ergebnis vor Steuern verbesserte sich von 400 Millionen Euro auf rund 1,6 Milliarden. Die Netto-Liquidität wuchs von knapp 2,1 Milliarden auf 4,8 Milliarden Euro. Auch die Verhandlungen mit den Zulieferern waren erfolgreich. Laut "Capital" sanken die Materialkosten zum Beispiel für den Golf um 360 Euro pro Fahrzeug.

Erfolg des gradlinigen Führungsstils

Auch Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch, der Bernard einst als Sanierer ins Haus geholt hatte, hätte sich über die Erfolge freuen können - wenn sie nicht gleichzeitig der Beleg für die Fehler gewesen wären, die er selbst als Konzernchef in der Vergangenheit begangen hat. Die konstruktiven Unzulänglichkeiten, die die Produktion der Autos teuer machen, gehen ebenso auf Piëchs Konto wie die Vereinbarungen mit der IG Metall, die sich noch immer als eine der schwersten Hypotheken für das Unternehmen erweist.

Auch sein Führungsstil blieb nicht ohne Einfluss. Intrigen, Neid und Missgunst prägten die Unternehmenskultur unter seiner Ägide. Piëch, der die Kunst der Intrige selbst meisterhaft beherrscht, machte vor, wie es geht.

Bernhards gradlinige Art wirkt dagegen wie ein Kontrastprogramm. Und sie liefert den eindruckvollen Beweis dafür, wie viel man damit erreichen kann.

Dass der einstige McKinsey-Mann die Rückkehr zu den alten Untugenden nicht mitmacht, ist nur konsequent. Fest steht: VW verliert einen der wichtigsten Impulsgeber auf dem Weg zu einer besseren Wettbewerbsfähigkeit. Interessant wäre es zu wissen, was der Chef des Großaktionärs Porsche Chart zeigen, Wendelin Wiedeking, darüber denkt. Schließlich ist er wie Bernhard dem so genannten "Toyota"-Prinzip verpflichtet, einer Management-Philosophie, die sich der ständigen Suche nach Verbesserungsmöglichkeiten verschreibt.

Was nun aus Bernhard wird, ist zumindest der Öffentlichkeit noch völlig unbekannt. Spekulationen gehen dahin, dass er möglicherweise zu seinem alten Arbeitgeber DaimlerChrysler Chart zeigen zurückkehrt. Immerhin steht dort inzwischen Dieter Zetsche an der Konzernspitze, ein Freund, der angesichts der Probleme im eigenen Haus vertraute Unterstützung sicher gebrauchen könnte. Bernhard hatte sich bei DaimlerChrysler in den USA an Zetsches Seite erst den Ruf des erfolgreichen Sanierers erworben.



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