Run auf Edelmetall Ausnahmezustand auf dem Goldmarkt

Kleinsparer im Goldrausch: Verunsicherte Anleger stürzen sich auf Münzen und Barren, Fonds und Minenaktien. Münzprägeanstalten ackern sieben Tage die Woche - und kommen trotzdem mit der Produktion nicht hinterher.

Von , Frankfurt am Main


Frankfurt am Main - Atemlos klingt Robert Hartmann, als er ans Telefon geht. "Das ist schon Ausnahmezustand", sagt der Geschäftsführer des Münchner Goldhändlers Pro Aurum SPIEGEL ONLINE. Seit zwei Wochen kommt das Unternehmen mit der Auslieferung kaum hinterher, die Kunden stürmen den Online-Shop. Die Banken, die Pro Aurum betreut, bestellen und bestellen. Im Logistikzentrum werden die Päckchen im Akkord verschickt - sieben Tage die Woche. "Ich bin froh, dass die Mannschaft da mitzieht."

Seit die US-Investmentbank Lehman Brothers kollabierte und damit die Finanzkrise mit voller Wucht wieder ausbrach, stürmen verunsicherte Sparer und Anleger den Goldmarkt. Allein der gestrige Dienstag sei ein Tag gewesen, wie er ihn noch nie erlebt habe, sagt Hartmann. "Es könnte gut sein, dass weltweit ein hoher zweistelliger Tonnenbetrag Gold gekauft wurde", fügt er hinzu und klingt so, als könne er es selbst nicht so ganz glauben. Auch Roger Breitkopf, Edelmetallhändler bei der Deutschen Bank, sagt: "Die Umsätze haben sich im Vergleich zum August verzehnfacht."

Dabei wird alles gekauft was glänzt - Münzen, wie der Krügerrand, der American Eagle, der Maple Leaf oder der Philharmoniker, aber auch Goldbarren in allen Größen und Gewichten. So kletterte der Preis für eine Feinunze Gold seit dem 11. September von 730 auf über 880 Dollar am heutigen Mittwoch - "und angesichts des Runs auf den Markt wird es bald noch mehr sein", sagt Eugen Weinberg, Analyst bei der Commerzbank. Auch Gold-Fonds sind stark gefragt - und Goldminenaktien, die vor kurzem noch auf Talfahrt waren.

Die Gier nach dem sicheren Gold "ergreift jetzt die breite Masse", glaubt Weinberg. Es sei auch nicht mehr nur der Kleinsparer, der sich in das glänzende Edelmetall flüchtet, sagt Goldhändler Hartmann. Großanleger schichteten vermehrt um: "Das merkt man daran, dass die Ordervolumen viel stärker steigen, als die Zahl." Ein klares Zeichen, dass sich die Sparer auf eine Krise vorbereitet. Breitkopf fasst das Phänomen mit wenigen Worten zusammen: "Viele denken: Wer weiß, was da noch kommt." Wenn es hart auf hart geht, "kann man mit Gold immer noch etwas kaufen."

Der Glaube an das Goldinvestment in unsicheren Zeiten ist nicht nur Aberglaube: Kaum ein anderes Edelmetall ist derart resistent gegen allgemeine Wirtschaftskrisen. 70 Prozent allen Goldes werden laut Weinberg zu Schmuck verarbeitet - so ist der Preis auch nicht so eng an die Entwicklung der Industrie gekoppelt wie der anderer Edelmetalle. "Der Platinpreis hat sich seit Juli halbiert", sagt Weinberg zum Vergleich.

Noch dazu ist Gold steuerfrei. "Für sogenannte weiße Metalle wie Silber und Platin müssen 19 Prozent Mehrwertsteuer gezahlt werden, auf Gold nicht", erklärt Deutsche-Bank-Experte Breitkopf. Ein weiterer Grund, auf Gold statt auf andere Metalle zu setzen.

"Wie ein Versicherungsbeitrag"

Der aktuelle Nachfrageboom stellt Pro Aurum genau wie viele Banken vor eine kaum zu bewältigende Aufgabe. "Mehr als 300 bis 400 Päckchen am Tag zu versenden, geht einfach nicht", sagt Hartmann. Noch dazu sind viele Münzen und Barren ausverkauft. Nicht, weil es zu wenig Gold auf der Welt gäbe - "allein das Gold, das bereits gefördert wurde, reicht für Jahrzehnte", versichert Weinberg. Das Problem ist: Die Hersteller kommen mit der Münz- und Barrenproduktion nicht hinterher.

Die beliebteste aller Münzen - der südafrikanische Krügerrand - ist etwa kaum noch zu bekommen. Obwohl die Rand Refinery, wo das genau eine Feinunze (31,1 Gramm) schwere Goldstück hergestellt wird, mit voller Kapazitätsauslastung arbeitet - sieben Tage pro Woche. Bei anderen Münzen sieht es nicht viel besser aus. "Für den American Eagle und den American Buffalo gilt ein Bestellstopp", berichtet Hartmann. Und auch Goldbarren-Hersteller brauchen inzwischen manchmal mehrere Wochen, bis sie liefern, wie Deutsche-Bank-Händler Breitkopf sagt.

Entspannung auf dem Markt oder gar ein Preiseinbruch, weil die Finanz- und Aktienmärkte sich unerwartet schnell erholen, erwartet kaum jemand. Im Gegenteil: Die meisten Analysten gehen davon aus, dass der Unzen-Preis weiter steigen wird - und vielleicht schon dies Jahr die 1000-Dollar-Marke noch einmal knacken wird. "Das vierte Quartal ist traditionell ein gutes", sagt Weinberg. "In westlichen Ländern steht Weihnachten vor der Tür, in Indien die Hochzeitssaison, auch viele islamische Feiertage stehen an."

Und selbst, wenn der Preis wider erwarten doch ein paar Prozent nachlassen sollte, sei Gold eine gute Anlage, versichert Händler Hartmann. "Der Verlust ist dann wie ein Versicherungsbeitrag", erklärt er. Im Gegenzug habe man für den Krisenfall sein Geld in Sicherheit.

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