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Russisch-Deutsches Atom-Joint-Venture: "Wir wollen Weltmarktführer werden"

Uran und Anreicherung aus Russland, Sicherheitstechnik von Siemens: So soll das AKW-Joint-Venture zwischen Russen und Deutschen den Weltmarkt erobern. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erklärt Rosatom-Chef Sergej Kirijenko, warum ausgerechnet die Weltfinanzkrise dabei hilft.

SPIEGEL ONLINE: Die Kernkraft scheint weltweit vor einer Renaissance zu stehen. Welche Chancen sehen Sie für die russische Atomindustrie?

Kirijenko: Wir brauchen eine optimale Balance in der Energieversorgung. Zu diesem Mix gehört in den kommenden drei bis vier Jahrzehnten ohne jeden Zweifel die Atomenergie, ohne fossile Rohstoffe und alternative Energien abwerten zu wollen. In Frankreich beträgt ihr Anteil 78 Prozent, in Russland 16 und in Deutschland 26. Der deutsche Wert ist für Ihr Land ziemlich ideal, wir wollen 25 bis 30 Prozent erreichen. Russland hat bereits vor einigen Jahren entschieden, sich in den globalen Markt zu integrieren statt sich zu isolieren.

Siemens-Chef Löscher und Rosatom-Direktor Kirijenko: "Wir ergänzen uns perfekt"
DPA

Siemens-Chef Löscher und Rosatom-Direktor Kirijenko: "Wir ergänzen uns perfekt"

SPIEGEL ONLINE: Und deshalb streben Sie nun eine Kooperation Ihres Unternehmens Rosatom mit Siemens Chart zeigen im großen Stil an, obwohl Russland selbst über den ganzen Zyklus der Atomtechnik von der Uranförderung über die Anreicherung bis zum Reaktorbau verfügt?

Kirijenko: Wir haben viel anzubieten und auch keine Angst, andere zu uns nach Russland zur Zusammenarbeit einzuladen. Wir sind uns unserer selbst sicher, denken aber nicht, dass wir alles besser können als andere.

SPIEGEL ONLINE: Sie brauchen Siemens also, um auf dem Weltmarkt bessere Chancen zu haben.

Kirijenko: Russland kann jede Aufgabe alleine lösen. Das wäre aber nur bedingt effektiv. Auf dem Weltmarkt herrscht Konkurrenz. Der Käufer vergleicht Qualität, Technik und Preis. Er kann einen Reaktor in Russland bestellen und gleichzeitig die Turbinen bei Siemens, General Electric oder Toshiba Chart zeigen, Siemens und Rosatom passen ideal zusammen.

SPIEGEL ONLINE: Warum denken Sie so?

Kirijenko: Weil wir uns perfekt ergänzen und wir uns durch gemeinsame Projekte in Russland, Europa und China schon lange kennen. Unsere Partnerschaft ist kein blindes Rendezvous.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Ihre Kunden davon?

Kirijenko: Unsere Allianz mit Siemens gibt dem Käufer beispielsweise die Garantie, in den nächsten 60 Jahren Brennelemente zu erhalten. Denn Russland verfügt heute über 40 Prozent der weltweiten Kapazitäten zur Anreicherung von Uran. Das ist einer der Vorzüge von Rosatom. Und wenn der Käufer das modernste Leit- und Sicherheitssystem möchte, dann bekommt er es von Siemens. Unsere Partnerschaft mit Siemens ist keine Wohltätigkeitsveranstaltung. Sie ist für uns von strategischer Natur und langfristig angelegt, weil sie beiden Seiten Gewinn bringt. Sicher ist Siemens in der Lage, selbständig seine Atomtechnik auszubauen. Aber das dauert Jahrzehnte. Wenn wir uns vereinigen, dann können wir all das dem Kunden gleich morgen anbieten.

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SPIEGEL ONLINE: Sie müssen allerdings die Auslastung Ihrer Atomkraftwerke verbessern, die bei dem AKW, das Russland im nordchinesischen Tianwan baut, bei 81 Prozent liegt. Die Finnen schaffen 95 Prozent.

Kirijenko: ... mit einem Reaktor, den die Sowjetunion in den Siebziger Jahren gebaut hat. Wir wollen und können diesen Wert auch erreichen. Das ist eine lösbare Aufgabe. Russland ist stolz auf seine moderne und sichere Atomtechnologie. Wir haben blendende Mathematiker und Programmierer, die auf Weltniveau arbeiten. Aber Siemens ist stärker bei den Kontroll- und Leitsystemen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Märkte haben Sie für das geplante Gemeinschaftsunternehmen mit Siemens im Blick?

Kirijenko: In Ost- und Zentraleuropa sind wir traditionell stark. Rosatom und Siemens haben hier gute Aussichten, weil sich die Märkte überschneiden und man beide Firmen gut kennt. Tschechien, Ungarn und die Slowakei denken über neue Kernkraftwerke nach, aber auch Finnland.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht brauchen Sie Siemens ja auch, um den seit dem Reaktorunfall von Tschernobyl lädierten Ruf der russischen Atomindustrie aufzupolieren.

Kirijenko: Wir dürfen Tschernobyl niemals vergessen und keiner Diskussion ausweichen. Tschernobyl, aber auch der Unfall von Three-Miles-Island, waren eine kolossale Lehre nicht nur für uns, sondern für die ganze Welt. Wir haben es heute mit einer vollkommen anderen, verbesserten und sicheren Atomtechnik zu tun. Mit sogenannten passiven Sicherheitssystemen, bei denen nicht nur der Mensch, sondern auch automatische Sicherungen Reaktorunfälle verhindern. Diese funktionieren, ohne dass der Mensch etwas tun muss. Die wichtigste Konsequenz, die Russland aus der damaligen Katastrophe gezogen hat, war, unseren Bürgern die Wahrheit zu sagen.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit konkret?

Kirijenko: Dazu mussten wir einen sehr weiten Weg zurücklegen. Wahrscheinlich können das die wenigsten unserer Kollegen in Europa begreifen, einfach weil sie nicht hier gelebt haben. Zu Sowjetzeiten war der ganze Atomkomplex streng abgeschlossen. Heute können unsere Bürger auf einer Internetseite die Radioaktivität rund um Atomkraftwerke und andere Objekte der Atomindustrie in Echtzeit abrufen.

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Forum - Billigstrom dank Atom?
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1.
Serrax 26.03.2009
Zitat von sysopUnion und FDP fordern längere Laufzeiten für die deutschen Kernkraftwerke. Kann Strom so wieder billiger werden? Oder sind die Risiken zu groß?
Nein - wir produzieren noch immer gut 2/3 unseres Stroms aus fossilen Energiequellen (Steinkohle, Braunkohle, Erdgas). Diese werden immer teurer - da helfen 20% Atomstrom gar nichts. Der Atomausstieg sollte wie geplant fortgesetzt werden und vor allem die ältesten und unsichersten AKW vom Netz gehen.
2.
Oggy, 26.03.2009
Weshalb sollte der Strom dadurch billiger werden? Doch nicht etwa weil sich die Kosten für Entwicklung, Bau etc amortisiert haben?! Der Kunde bezahlt doch jetzt schon den hohen Preis für Strom und die verschiedenen Steuern auch. Wobei, dann könnten ja die Steuern fürs EEG und KWKG wegfallen...ach was, den fällt bestimmt noch was neues ein. Vielleicht eine Strahlenschutzsteuer oder eine Leukämieabgabe. Einzig und allein den großen Energiekonzernen und ihren geldgierigen Aktionären kommt eine verlängerte Laufzeit zu Gute. Warum teuer Planen wenn man billig bauen kann.
3. blöde Frage .... billiger....
Fackus 26.03.2009
es darf doch nicht um billig oder weniger billig gehen bei der Energieerzeugung. Sondern nur darum, daß es auch ökologisch sinnvoll ist. Und da sind KKWs heute eben die beste Lösung. Nur in Deutschland wird das nicht erkannt. Schande für ein angebliches 'Hochtechnologieland'. Der deutsche Michel - der ewige Penner.
4.
kdshp 26.03.2009
Zitat von sysopUnion und FDP fordern längere Laufzeiten für die deutschen Kernkraftwerke. Kann Strom so wieder billiger werden? Oder sind die Risiken zu groß?
Hallo, was hat der strompreis mit atomkraft zu tuen ? Und wenn wir in D 100000 atomkraftwerke hätten würden wir immer mehr zahlen müssen weil der preis für den strom an der stromBÖRSE gemacht wird.
5.
GrafZahl 26.03.2009
Zitat von sysopUnion und FDP fordern längere Laufzeiten für die deutschen Kernkraftwerke. Kann Strom so wieder billiger werden? Oder sind die Risiken zu groß?
Das wurde hier endlos totdiskutiert, mit immer denselben Argumenten. Fest steht: wer bei der Bundestagswahl CDU/CSU oder FDP wählt, wählt Atomkraftbefürworter, die auch in Deutschland neue AKWs bauen wollen. Wer SPD wählt, wählt Atomkraftbefürworter, die dasselbe tun würden, aber dabei ein schlechtes Gewissen hätten.
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