Russischer Milliardär Lebedew "Wir schauen uns rund 20 Banken in Deutschland an"

Der Moskauer Finanzmagnat Alexander Lebedew ist sauer auf die deutsche Politik - weil nicht er, sondern der US-Investor Lone Star den Zuschlag für die Mittelstandsbank IKB bekam. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview kündigt der Milliardär an, ein anderes Geldinstitut in Deutschland kaufen zu wollen.


SPIEGEL ONLINE: Herr Lebedew, am Donnerstag tagt der Verwaltungsrat der Mittelstandsbank IKB Chart zeigen, die gerade an den umstrittenen amerikanischen Investitionsfonds Lone Star verkauft worden ist. Auch Sie hatten sich interessiert und fühlen sich unfair behandelt. Wollen Sie juristisch vorgehen?

Lebedew: Das erwägen wir. Vor Gericht zu ziehen, ist aber nicht unser bevorzugtes Instrument. Wir wollen die deutsche Regierung keinesfalls an den Pranger stellen, sehen aber auch, dass es in der deutschen Öffentlichkeit und in Teilen der Politik erhebliche Zweifel an dem Deal zugunsten des US-Fonds gibt.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich nicht einfach zu spät gemeldet? Die Abgabefrist Ende Februar war schlicht abgelaufen.

Lebedew: Nach der Abgabefrist allerdings wurden die Bedingungen der Ausschreibung geändert. Bei aller Hochachtung vor Deutschland und seinem funktionierenden Rechtsstaat riecht die mangelnde Transparenz des Verfahrens mehr nach den Verhältnissen in meiner Heimat Russland. Erst hieß es, es sollten nur 40 Prozent der IKB verkauft werden, dann wurde auf 90 Prozent erhöht. Eine Minderheitsbeteiligung aber hatte uns nicht interessiert.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel wollten Sie für die IKB bezahlen?

Lebedew: Wir waren bereit, 200 bis 400 Millionen Dollar anzubieten. Wenn wir die gegenwärtigen Aktiva nehmen und die 'faulen Kredite' ausklammern, dann beträgt der jährliche Gewinn etwa 40 bis 60 Millionen Euro. Eine Bank kann ja nicht 1,5 bis 2 Jahresgewinne kosten! Wir könnten das zwei-, drei- oder vierfache der Summe anbieten, die Lone Star bezahlt. Um ehrlich zu sein: Letztlich machen 100 Millionen Euro mehr oder weniger den Kohl nicht fett, wo doch der deutsche Steuerzahler schon zehn Milliarden Euro verloren hat durch das Geld, das der Staat in die IKB gepumpt hat. Das Wichtigste ist: Unser Plan trägt strategischen Charakter. Anders als die Amerikaner sind wir kein Spekulationsfond. Wir wollten das Geschäft langfristig weiterentwickeln.

SPIEGEL ONLINE: Was konkret hatten Sie mit der IKB vor?

Lebedew: Wir suchen für unsere Nationalny Reservny Bank einen Partner, der Exporte deutscher mittelständischer Firmen auf den russischen Markt fördern könnte. IKB hat genau solche Klienten. Deutschland und Russland zusammengenommen ergeben einen Markt von 220 Millionen Menschen. Dazu kommt, dass uns in Deutschland mit Blue Wings eine Fluglinie gehört. Wir haben 20 Flugzeuge von Airbus gekauft, die in Deutschland zusammengebaut werden, und wir haben die Hamburger Touristikfirma Öger übernommen. Da gibt es Synergien.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie eine andere deutsche Bank kaufen?

Lebedew: Mit knapp 2000 Banken ist das deutsche Finanzwesen noch nicht konsolidiert. Da sehen wir eine Chance für uns. Wir haben deshalb in den vergangenen Monaten eine Marktstudie erstellt und rund 100 Banken gefunden, die prinzipiell zu uns passen könnten. Genauer schauen wir uns rund 20 Banken an.

SPIEGEL ONLINE: Nennen Sie doch ein paar Namen.

Lebedew: Das kann ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht. Es geht uns aber nicht um eine beliebige Bank. Wir müssen zusammenpassen. Die Regierung und der Bankaufsichtsrat sollten dafür sein.

SPIEGEL ONLINE: Denken Sie, dass die Verschlechterung der politischen Großwetterlage zwischen Russland und dem Westen, die nun im Kaukasus-Krieg kulminierte, verhindert hat, dass man einen russischen Investor für die IKB ernsthaft in Erwägung gezogen hat?

Lebedew: Im konkreten Fall eher nicht. Aber ich verstehe, dass man auf die Idee kommen kann.

SPIEGEL ONLINE: Kann gestört haben, dass Sie so etwas wie ein oppositioneller Oligarch sind, der zusammen mit dem ehemaligen Sowjetpräsidenten Michail Gorbatschow die Kreml-kritische Zeitung "Nowaja Gaseta" finanziert, für die auch die ermordete Journalisten Anna Politkowskaja gearbeitet hat?

Lebedew: Nein. Das denke ich nicht. Ich bin weder ein Oppositioneller noch regierungsnah.

Das Interview führte Matthias Schepp



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