Umstrittener Russland-Tag in Rostock "Ich wehre mich dagegen, dass Gazprom verteufelt wird"

Gerhard Schröder als Hauptredner, Gazprom als Sponsor: Der Russland-Tag in Rostock ist heftig umstritten. Cheforganisator Andreas Steininger verteidigt das Treffen - und kritisiert die Ukraine-Politik des Westens.

Ein Interview von


Am 30. September treffen sich in Rostock Wirtschaftsführer aus Russland und Deutschland. Der "Russland-Tag" ist umstritten. Zu den Geldgebern der Veranstaltung gehören unter anderem der Gazprom-Konzern, als Hauptredner wird Ex-Kanzler und Gas-Lobbyist Gerhard Schröder erwartet. CDU und Grüne plädieren angesichts des Ukraine-Konflikts für eine Absage der Veranstaltung, die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern hält dagegen an dem Forum fest.

Andreas Steininger vom Ostinstitut in Wismar organisiert den Russland-Tag. Im Interview verteidigt er das Treffen und erklärt, warum er für eine Fortsetzung der engen Wirtschaftskontakte mit Russland plädiert.

SPIEGEL ONLINE: Herr Steininger, Sie halten am Rostocker Russland-Tag fest, einem umstrittenen deutsch-russischen Wirtschaftsforum. Was ist das Ziel der Veranstaltung?

Steininger: Sie soll eine Plattform bieten für den Austausch deutscher und russischer Firmen, möglichst ungeachtet der politischen Situation. Es kommen deutsche Unternehmer, aber auch viele aus Russland, die in Deutschland investieren wollen. Mecklenburg-Vorpommern liegt günstig an der Ostsee, viele russische Firmen sind hier aktiv.

SPIEGEL ONLINE: Grüne und CDU kritisieren die Veranstaltung angesichts der Lage in der Ukraine. Zu Recht?

Zur Person
  • Andreas Steininger ist Jurist und hat zum russischen Recht promoviert. Er war als Rechtsanwalt und Berater in Aserbaidschan und Russland tätig, heute ist er Professor für Wirtschaftsrecht in Wismar. Mit Ex-Wirtschaftsminister Wolfgang Clement gründete er 2009 das Ostinstitut Wismar.
Steininger: Viele deutsch-russischen Konferenzen und Foren sind in die Kritik geraten oder gar bereits gestrichen worden. Ich halte das für falsch. Wir müssen Möglichkeiten für Gespräche offenhalten. Die Wirtschaft ist in den vergangenen Jahren die tragende Säule in den deutsch-russischen Beziehungen gewesen. Wir sollten nicht auch noch diese Säule einreißen.

SPIEGEL ONLINE: Halten Sie es für eine gute Idee, die Veranstaltung ausgerechnet von Gazprom finanzieren zu lassen?

Steininger: Der Konzern ist einer von mehreren Sponsoren. Das Forum würde genauso ohne einen Beitrag von Gazprom stattfinden. Aber ich wehre mich dagegen, dass alles verteufelt wird, was von Gazprom kommt. Deutschland kauft mehr als 30 Prozent seines Gases aus Russland. Wieso sollte dann die Förderung eines Wirtschaftsforums verwerflich sein?

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Teilnehmer erwarten Sie?

Steininger: Wir haben bislang etwa 300 Zusagen. Das Forum hat eine große Signalwirkung in Russland. Ursprünglich wollte nur der Gouverneur des Gebiets Leningrad kommen, nun werden insgesamt sechs Regierungen russischer Provinzen kommen.

SPIEGEL ONLINE: Müssen Sie nicht befürchten, dass Russlands Propaganda Ihr Forum instrumentalisiert, nach dem Motto: Den Deutschen ist die Ukraine in Wahrheit egal, sie wollen Business as usual?

Steininger: Nein. Unser Fokus liegt nicht auf der Politik.

SPIEGEL ONLINE: Beim Russland-Tag soll auch Witali Jussufow sprechen, der Käufer der deutschen Wadan-Werften. Jussufows Vater war ein Vertrauter des jetzigen Premierministers, beide waren bei Gazprom. Der Fall zeigt doch, wie eng in Russland Politik und Wirtschaft verbunden sind. Können Sie da wirklich nicht verstehen, dass Ihr Forum unter Klüngel-Verdacht steht?

Steininger: Landes- und Bundesregierung haben grünes Licht für den Verkauf der Werften gegeben. Wenn Herr Jussufow die Betriebe kaufen durfte, warum soll er dann nicht auf einem Russland-Tag reden dürfen?

SPIEGEL ONLINE: Der Ostausschuss der Wirtschaft hat Sanktionen gegen Russland bislang unterstützt. Dreht sich die Stimmung nach dem Ende der Kampfhandlungen in der Ostukraine gegen solche Sanktionen?

Steininger: Ja, diesen Eindruck habe ich, ja. Einerseits sind viele Sanktionen eher symbolischer Natur. Sie werden - wenn überhaupt - nur langfristig Russlands Wirtschaft schaden. In jedem Fall wirken sie nicht so stark, dass Moskau seine Politik ändern würde. Andererseits reagiert Russland mit Gegensanktionen, Putin will wichtige Importgüter wie Autos durch Eigenproduktion ersetzen. Das kann ein Problem werden für viele Unternehmen, die in Russland investiert haben. In Deutschland hängen rund 300.000 Arbeitsplätze vom Handel mit Russland ab.

SPIEGEL ONLINE: Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) gibt Ihnen Rückendeckung. Er sagt, auch der Westen habe Schuld an der Ukraine-Krise. Sehen Sie das ähnlich?

Steininger: Auch wenn das in deutschen Medien gern anders dargestellt wird: Es ist selten, dass eine Seite zu 100 Prozent im Recht ist. Ich würde allerdings nicht von Schuld sprechen. Aber der Westen hätte klüger handeln können.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie?

Steininger: Man hätte erkennen müssen, dass die Ukraine ein in sich gespaltener Staat ist, mit einem stark russisch geprägten Osten. Brüssel hätte Moskau früher in die Gespräche über das Assoziierungsabkommen mit der Ukraine einbeziehen sollen. Ich bin mir sicher, dass es dann nie zu einer solchen Eskalation gekommen wäre. Europa hätte der Regierung in Kiew auch früher zu einer Föderalisierung raten sollen. Das hätte verhindern können, dass die Radikalen in der Ostukraine die Oberhand gewinnen.

SPIEGEL ONLINE: In Kiew fürchten viele, Berlin könnte die Ukraine im Stich lassen, aus Furcht um lukrative Russland-Geschäfte. Ist diese Sorge berechtigt?

Steininger: Gesetzt den Fall, die Nato lieferte der Ukraine keine Waffen und nähme das Land nicht in die Allianz auf. Das würden viele Ukrainer auch als Verrat interpretieren. Aber selbst die USA wollen derzeit nicht so weit gehen, weil Waffenlieferungen die Lage leicht weiter eskalieren lassen könnten.

SPIEGEL ONLINE: Wann kann man denn mit einem Ukraine-Tag in Rostock rechnen?

Steininger: Ich schließe das nicht aus. Aber unser Institut ist auf den Ostsee-Raum fokussiert, die Ukraine gehört da eigentlich nicht dazu.

Der Autor auf Facebook



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 73 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
spiegelleser861 25.09.2014
1. wo er Recht hat, hat er Recht...
Als sogenannter "Putin-Versteher" oder auch "5. Kolonne Putins", finde ich, dass der Mann Recht hat. Klar sind das im Kreml keine Heiligen, aber zumindest ist Russland ein fairer Handelspartner. Dagegen kostet uns die bedingungslose Unterstützung des korrupten und genauso kriegstreiberischen Haufens in Kiew Milliarden...
snBandit 25.09.2014
2. Pfui!
Zitat: "Steininger: Nein. Unser Fokus liegt nicht auf der Politik." ...Dann geht es also doch ausschliesslich um Geld/Investitionen. Herr Steininger, wir brauchen hier keine russischen Investitionen! Wenn der Herr Putin endlich mal seine ihm noch verbliebenen Devisenreserven in die Hand nehmen würde und die absolut marode russische Wirtschaft/Infrastruktur modernisieren würde - wie einstmals mit Europa "verabredet", dann brauchen sich hiesige Unternehmen keine Sorgen um Aufträge machen. Solange das wenige Geld aber noch für Urlaubsausflüge russischer Soldaten mit Panzern und Kalaschnikow herhalten muss, wird Sie, Herr Steininger, die Politik schneller einholen, als es Ihnen und dem Ex-Wirtschaftsunsinn Clement recht ist. Die "Potemkinschen Dörfer" in/nach China (Gaspipeline) muss ja auch erst noch gebaut werden und der Tschaika brauch auch noch ne Weile bis er mit gängigen Automarke Schritt halten kann. Aber Hauptsache Gazprom kann weiter die Welt erpressen. ;)
Graphite 25.09.2014
3. sehr gut
Danke, dass es noch solche Menschen gibt die an Zusammenarbeit und Diplomatie glauben. Der Kalte Krieg hat zu nichts ausser aufrüstung geführt! Wir deutschen müssen weiterhin das Gespräch suchen und uns nicht vor den amerikanischen Karren spannen lassen. Kommts hart auf hart lassen uns die amis fallen wie eine heisse Kartoffel!
dunnhaupt 25.09.2014
4. Solche Typen können es nicht lassen ...
...sich überall in den Vordergrund zu drängen. Sie müssen auf jeder Taufe das Baby sein, und auf jedem Begräbnis die Leiche. Ein normaler Mensch in Schröders Situation zöge sich bescheiden in den verdienten Ruhestand zurück.
Grafsteiner 25.09.2014
5. Das mag ja so sein
Selbst wenn Putin der CIA-Propagandafigur mit der Zeit ähnlich werden würde und die Russen für Sie traditionell Untermenschen sind, so ändert das nichts an der Tatsache, dass Russland über funktionierende Streitkräfte mit funktionierenden Waffen verfügt. Sah man bei Eroberung der Ostukraine, als die Geisterarmee Russlands die ukrainischen Streitkräfte in Klumpp schossen und jedes Flugzeug herunterholten. Wie sich sich hier was herunterholen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.