Russland-Ukraine-Konflikt EU-Experten fürchten Kollaps der Gasleitungen

Ein Zusammenbruch des ukrainischen Gas-Pipeline-Systems ist nicht auszuschließen - davor warnen einem Bericht zufolge Experten der EU. Der russische Lieferstopp könne die Leitungen stark beschädigen. Viele europäische Mitgliedstaaten stünden dann vor einer ernsten Notlage.


Hamburg - Der Streit zwischen dem russischen Energiekonzern Gazprom und der Ukraine könnte weitreichendere Folgen haben als bislang angenommen. Energieexperten der EU-Kommission halten einen ernsten technischen Kollaps des ukrainischen Pipeline-Systems als Folge des Lieferstopps für eine reale Gefahr. Das berichtet die "Financial Times Deutschland" (FTD) in ihrer Donnerstagsausgabe.

Pipeline-Anlage östlich von Kiew: EU-Kommission fürchtet Kollaps des Leitungssystems
REUTERS

Pipeline-Anlage östlich von Kiew: EU-Kommission fürchtet Kollaps des Leitungssystems

Ein Zusammenbruch der Gasleitungen würde nach Überzeugung der Kommission zu einer ernsten Notlage in den meisten osteuropäischen EU-Mitgliedsstaaten führen, schreibt die Zeitung. Die Experten befürchten dem Bericht zufolge, dass die Lieferausfälle selbst dann erst in etwa einer Woche enden, wenn Russland am Donnerstag wieder Gas in die ukrainischen Pipelines pumpe. Das Ausmaß der Krise gelte in der EU als bislang beispiellos.

Konkret könnten Probleme bei den Verdichtungsstationen entstehen, die den zum Gastransport notwendigen Druck aufbauen. Um die Turbinen dieser Stationen betriebsbereit zu halten, müssten diese vorgewärmt werden. Das dafür oft eingesetzte Erdgas fehle jetzt. Nach einem Wiedereinsetzen der Gasversorgung müssten die abgekühlten Anlagen langsam wieder auf Temperatur gebracht werden, um Schäden zu vermeiden. Allerdings könnte das marode ukrainische Pipelinenetz durch den Lieferstopp auch größere Schäden erlitten haben.

Russland hatte bereits am Morgen vor ernsthaften Pipeline-Schäden durch den Lieferstopp gewarnt, um Handlungsdruck auf die Ukraine auszuüben. Der Staatsmonopolist Gazprom liefert aufgrund eines Schulden- und Preisstreits mit der Ukraine seit der Nacht zum Mittwoch kein Gas mehr an das Nachbarland. Davon sind auch viele EU-Staaten massiv betroffen, da 80 Prozent des russischen Gases für die Gemeinschaft durch die Ukraine fließen.

Offiziell hält sich Europa mit einseitigen Schuldzuweisungen an Russland oder die Ukraine bislang zurück. Doch intern geht die Kommission laut FTD seit Gazproms totalem Lieferstopp davon aus, dass Russland damit eindeutig seine vertraglichen Pflichten gegenüber den EU-Staaten verletzt hat. Außerdem sehe die Behörde Verdachtsmomente für eine lange vorbereitete Aktion Russlands, da bereits im Dezember Gazprom-Vertreter durch EU-Hauptstädte gereist seien, um auf die jetzige Krise vorzubereiten.

Seehofer greift Ex-Kanzler Schröder an

Russland EU Ukraine
SPIEGEL ONLINE

Russland EU Ukraine

Um im Gasstreit zu schlichten, hat die EU für Donnerstag zu einem Spitzengespräch in Brüssel geladen. Die Chefs von Gazprom und des ukrainischen Versorgers Naftogaz werden mittags im Europaparlament erwartet, wo sie vor dem Auswärtigen Ausschuss zur Einstellung der Gaslieferungen in die EU Stellung nehmen sollen. Auch der stellvertretende ukrainische Ministerpräsident Grigorij Nemyria und weitere Regierungsmitglieder besuchen das Parlament. Am Nachmittag trifft Gazprom-Chef Alexej Miller dann mit EU-Energiekommissar Andris Piebalgs zusammen.

Bayerns Ministerpräsident und CSU-Chef Horst Seehofer kritisierte unterdessen im Zusammenhang mit dem Gas-Konflikt den früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD). Es gebe "Leute aus Deutschland, die bei Gazprom sitzen, die sich immer gerne ihrer Beziehungen zu Russland rühmen", sagte Seehofer am Mittwochabend im Bayerischen Fernsehen. "Es ist erstaunlich, dass man dort keine Aktivitäten vernimmt, um von den Deutschen dieses Problem abzuhalten", sagte Seehofer in der Sendung "kontrovers - Das Politikmagazin".

Schröder ist Aufsichtsratsvorsitzender des Unternehmens Nordstream, das den Bau einer Ostseepipeline für russisches Gas plant. Am Mittwoch war der frühere Bundeskanzler in St. Petersburg mit dem russischen Regierungschef Wladimir Putin zusammengetroffen. Nach einer Meldung der Agentur Interfax hatte Schröder gesagt, die Pipeline solle im Oktober 2011 ans Netz gehen. Dieses Vorhaben sei wichtig für die künftige Energiesicherheit Europas, betonte Schröder nach russischen Angaben. Putin betonte, dass der aktuelle Energie-Konflikt mit der Ukraine das Vorhaben der Ostseepipeline beflügelt habe.

Am Abend kritisierten auch die USA die Blockade der Gas-Lieferungen. Die Versorgung für "verwundbare Menschen" mitten im Winter zu kappen, "das ist für uns nicht hinnehmbar", sagte der stellvertretende Sprecher des US- Außenministeriums, Robert Wood. Er rief Moskau und Kiew auf, eine "transparente" Vereinbarung zur Beilegung des Disputs zu treffen.

amz/dpa/Reuters

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.