Ryanair vs. easyJet: Das Brief-Duell der Billig-Piloten

Von

Zwischen Europas führenden Discount-Airlines easyJet und Ryanair wird der Wettkampf härter und der Ton rauer. In einer Leserbrief-Debatte dreschen die Chefs aufeinander ein - und streiten neben Preisen und Profiten auch über die Sicherheit ihrer Flugzeuge.

Briefschrieber O'Leary: "Solch ein Unsinn"
AFP

Briefschrieber O'Leary: "Solch ein Unsinn"

London - In der Stimme der Pilotin liegt Panik: "Flug 592 muss dringend nach Miami zurück. Wir brennen, wir brennen." Wenige Minuten später stürzt die Passagiermaschine in die Everglades in Florida, 110 Menschen sterben. Rettungscrews, die Trümmer aus Wasser und Schlamm fischen, entdecken Sauerstoff-Generatoren, offenbar waren sie unsachgemäß verstaut. Möglich, dass sie den Brand an Bord verursacht oder beschleunigt haben.

Der Sprach-Rekorder der DC-9 überlebte den Absturz am 11. Mai 1996, die US-Billigfluglinie ValuJet verschwand vom Marken-Himmel. Ein Absturz und offene Fragen reichten, das Image der Airline zu zerstören. Europas Billigflieger-Branche, jünger als die der USA, hat kein vergleichbares Trauma überstehen müssen. Trotzdem ist, gerade in Großbritannien, eine bittere Debatte über die Sicherheit der Aldi-Flieger entbrannt. Mit mehreren Leserbriefen beteiligen sich die streitbaren Chefs der Top-Konkurrenten: Ryanair-Vorstandschef Michael O'Leary und easyJet-Gründer Stelios Haji-Ioannou.

Zufälle und Foulspiel

Die erste Runde eröffnete O'Leary mit einer seiner medienwirksamen Pöbeleien. Lange polemisierte der Ire primär gegen British Airways, stritt sich mit Lufthansa vor Gericht um Werbung, Preise und Flughafen-Namen. Dann gab Verfolger easyJet bekannt, er wolle mit Go fusionieren und Ryanair überholen. O'Leary fand ein neues Ziel: Ryanair sei "der einzige Billigflieger Europas", nörgelte er bei der Präsentation seiner Jahresergebnisse. Die Tickets der Konkurrenz seien im Schnitt 60 Prozent teurer, auch easyJets Profite seien lächerlich klein.

Briefschreiber Haji-Ioannou: Unfälle mit alten Flugzeugen können zum PR-Desaster werden
DPA

Briefschreiber Haji-Ioannou: Unfälle mit alten Flugzeugen können zum PR-Desaster werden

Stelios Haji-Ioannou, Gründer, Präsident und Großaktionär von easyJet, holte zur Revanche aus. In einem acht Absätze langen Leserbrief an die "Financial Times" ("FT") versuchte er Anfang dieser Woche aufzuzeigen, dass Ryanairs Profite lange nicht so imposant sind. Die Iren hätten mitnichten das bessere Geschäftsmodell, sondern verdankten ihre 44-prozentigen Gewinnanstieg gegenüber dem Vorjahr nur Zufällen und Tricks.

Absturzrisiko wissentlich in Kauf genommen?

Auf der Strecke Irland-Großbritannien zum Beispiel sei Ryanair faktischer Monopolist. Dass die Steuern in Irland niedriger seien, sei schwerlich ein Erfolg des Managements. EasyJet erreiche mit Flügen zu wichtigen Drehscheiben das potenziell größere Publikum, während Ryanair nur "wenige Landebahnen in der Mitte des Nirgendwos" ansteuere. Hinzu komme, dass Ryanair 20 Flugzeuge benutze, die rund 23 Jahre alt seien und die Bilanz nicht mehr durch Abschreibungen belasten. Das Management nehme offenbar aus Profitstreben das "Risiko eines Imageschadens" in Kauf, der sich durch "einen Unfall mit einem alten Flugzeug" einstellen könne.

Angst-Szenario Flugzeugabsturz: Fluglinien mit zweifelhaften Image können an einer einzigen Katastrophe zu Grunde gehen
DPA

Angst-Szenario Flugzeugabsturz: Fluglinien mit zweifelhaften Image können an einer einzigen Katastrophe zu Grunde gehen

Offenkundig hatte Hajiu-Ioannou nur bezweckt, potenzielle Aktionäre zu gewinnen. Sein Tenor: Langfristig ist easyJet das überlegene Investment. Es waren indes die wenigen Sätze über Sicherheit, mögliche Abstürze und das Alter der Ryanair-Jets, die empört zurückgewiesen oder besorgt zitiert wurden. Kein Wunder, schüren sie doch die jüngst aufgeflammte Angst vor der Unsicherheit der Discount-Airlines. Fast gleichzeitig berichtete die Londoner "Times" über eine Beschwerde, die ein Fluglotse anonym bei einer Meldestelle eingereicht hatte. Seine Vorwürfe: Piloten der Billig-Airlines würden Anweisungen des Towers missachten, flögen zu tief oder Abkürzungen über Wohngebiete, führen auf der Rollbahn zu schnell und zu dicht auf. Alles, damit die Maschinen keine kostbare Zeit auf dem Flughafen vergeuden. Allen war klar, dass vor allem Ryanair gemeint war.

Risiko für Menschen, Risiko für den Profit

Ryanair-Chef O'Leary wies die Attacken des gebürtigen Griechen Haji-Ioannou in einer provokanten Replik an die "FT" zurück. Die Überschrift: "Wie man Gewinner von Jammerlappen unterscheidet". Er wundere sich, dass Haji-Ioannou "seinen Namen unter solch einen Unsinn" setze. Davon abgesehen vermied es O'Leary, in die Sicherheitsdebatte einzusteigen und legte dem Investmentguru Warren Buffett das Preisargument in den Mund: "In einem deregulierten Markt gewinnt der Spieler mit den billigsten Angeboten."

Der temperamentvolle Grieche konnte es sich indes nicht verkneifen, noch einmal nachzukarten. In einem weiteren Brief präsentierte er eine fadenscheinige Differenzierung: Er habe nicht behaupten wollen, das hohe Alter der Ryanair-Maschinen sei ein Sicherheitsrisiko für die Passagiere. Tatsächlich sei es "nur" ein Sicherheitsrisiko für das Geschäftsmodell und das Image der Fluglinie. Ryanair solle aus dem Beispiel ValuJet lernen. Er hoffe, so Haji-Ioannou herablassend, dass die Debatte dazu beigetragen habe, O'Learys Risikobewusstsein zu schärfen.

Der Unverwundbare und der Phönix

Auf Diskussionsseiten im Internet zeigen sich viele Piloten frustriert über die Diskussion. Auch Crews teurer National-Fluglinien, schreiben manche anonym, würden Bestimmungen im Interesse der Schnelligkeit missachten. In einem weiteren Brief an die "FT" verlangte ein O'Leary-Alliierter, Haji-Ioannou müsse sich für seine "fahrlässigen Bemerkungen" entschuldigen.

Immer wieder benutzen die Verteidiger der Billig-Airlines ein Argument: Die älteste und größte Billigfluglinie der Welt, Southwest Airlines aus Dallas, Texas, habe in 32 Jahren kein einziges Menschenleben durch Unfälle verloren. Und auch ValuJet, die Fluglinie, deren DC-9 in den Everglades versank, war nach dem Desaster nur scheintot. Unter dem neuen Namen AirTran und anderem Management gehört die Firma zu den steilen Aufsteigern am amerikanischen Billig-Airline-Himmel.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS

© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback