S.P.O.N. - Die Spur des Geldes Deutschlands heuchlerische Monetaristen

Sie stemmen sich gegen Zinssenkungen und lehnen Ankäufe von Staatsanleihen ab: Deutschlands Währungshüter gerieren sich als aufrechte Monetaristen - sind es aber nicht. Milton Friedman würde sich im Grab umdrehen, wüsste er, wie die deutschen Banker seine Theorien heute auslegen.


Deutschlands Währungshüter fühlen sich im Euro-Raum schon lange nicht mehr wohl: Jürgen Stark verlässt dieser Tage sein Büro in der Frankfurter Zentrale der Europäischen Zentralbank. Zurückgetreten ist er aus Protest gegen die Aufkäufe von Anleihen. Im Frühjahr trat Axel Weber als Bundesbankchef zurück. Sein Nachfolger, Jens Weidmann, stammt aus der gleichen ideologischen Ecke.

Sie alle stehen mehr oder weniger in der Tradition des Monetarismus, eine wichtige Lehre des 20. Jahrhunderts, die der Geldmenge eine besondere Rolle zuwies.

Als Laie - und auch als Journalist - hält man sich am besten aus den theologischen Grabenkämpfen der Volkswirtschaft hinaus. Es sind Kämpfe ohne Sieger und Verlierer, vor allem ohne jede Einsicht unter den Beteiligten. Meine Kritik an Stark und Konsorten ist nicht deren konfessionelle Zugehörigkeit zu einer bestimmten volkswirtschaftlichen Sekte.

Es ist deren Heuchelei. Echte Monetaristen würden sich in dieser Krise völlig anders verhalten als ihre deutschen Jünger.

Kurz zum Hintergrund: Monetaristen glauben an einen monokausalen Zusammenhang zwischen der im Umlauf befindlichen Geldmenge und der zukünftigen Inflation. Der große amerikanische Ökonom Milton Friedman hatte diesen Zusammenhang in den sechziger Jahren wissenschaftlich begründet. In den siebziger Jahren wurde der Monetarismus zur Orthodoxie in den Zentralbanken. Mit dem massiven Anstieg globaler Finanzströme in den neunziger Jahren brach der statistische Zusammenhang zwischen Geldmenge und Inflation in vielen Ländern zusammen. Aus rein praktischen Gründen wandten sich daher immer mehr Zentralbanken von der monetaristischen Geldpolitik ab.

Alle Indikatoren der Monetaristen zeigen auf Rot

Deutsche Notenbanker wie Stark, Weidmann und Weber erinnern sich immer nur dann an den Monetarismus, wenn es darum geht, die Zinsen zu erhöhen - aber nicht, wenn es andersherum laufen soll. Sie sind asymmetrische Monetaristen. Ein echter Monetarist würde angesichts der Kreditklemme im Euro-Raum die Zinsen auf null senken. Er würde sogar für einen Aufkauf von Staatsanleihen plädieren. Echte Monetaristen würden den Zusammenbruch des Geldhandels zwischen den Banken nicht tolerieren.

Alle Indikatoren der Monetaristen zeigen auf Rot: die Geldmenge, die Kredite, die Liquiditätströme, die Zinsspannen. Die positiven Meldungen aus Deutschland spielen für die Einschätzung der Lage kaum eine Bedeutung. Der Referenzpunkt für die Geldpolitik ist der Euro-Raum als Ganzes. Da braut sich gerade etwas zusammen. Ein Milton Friedman würde jetzt auf das Gaspedal treten.

Jetzt höre ich schon den Einwand, Aufkäufe von Staatsanleihen seien inflationär und daher abzulehnen. Das ist falsch - und zwar aus zwei Gründen: Wenn das Ziel der Geldpolitik darin besteht, eine Inflationsrate auf einem bestimmten Niveau zu halten - etwa bei zwei Prozent -, dann ist eine Politik der Anleihenkäufe genau dann gerechtfertigt, wenn man glaubt, das Ziel in der Zukunft nicht zu erreichen. Natürlich kann man sich immer über die Prognosen streiten, aber nicht um das Prinzip: Anleihenkäufe, die der geldpolitischen Stabilisierung dienen, sind ein völlig legitimer Teil des Arsenals eines Notenbankers, auch eines Monetaristen. Das ist im Übrigen auch im europäischen Recht so vorgesehen.



insgesamt 84 Beiträge
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cogitoergobum 21.12.2011
1. Barry Eichengreen für Anfänger
Zitat von sysopSie stemmen sich gegen Zinssenkungen und lehnen Ankäufe von Staatsanleihen ab: Deutschlands Währungshüter gerieren sich als aufrechte Monetaristen - sind es aber nicht. Milton Friedman würde sich im Grab umdrehen, wüsste er, wie die deutschen Banker seine Theorien heute auslegen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,805027,00.html
Also ich gehe ja jeden Morgen bei Lidll meine Brötchen kaufen und dann bei der Kasse sehe ich immer die vielen Menschen die wie Hypnotisiert auf die Bildzeitung schauen (die Bildzeitung liegt dort stapelweise) …ich schau mir dann immer die Gesichter der Menschen an …wie sie jeden Cent zwei Mal umdrehen müssen und wie sie den Namen Wulff einzeln Buchstabieren …erst W…dann lange nichts und dann uuuu …zwischenzeitlich blicken sie wieder in ihren Einkaufswagen dann wieder in ihren leeren Geldbeutel…dann kommt der Buchstabe lllll dran und so weiter….
wika 21.12.2011
2. Monetarist oder nicht …
… die Finanzpolitik ist doch ohnehin zur reinen Glaubenssache verkommen. Egal über welhen VWL oder BWL Budenzauber wir hier noch reden der zur Verwirrung gebraucht wird. Das Geldsystem führt inzwischen ein Eigenleben in einer Parallelwelt (noch), bis es in Bälde dann völlig gnadenlos auf die Realwirtschaft weil es kurz vor dem Kollaps versucht in Sachwerte zu fliehen. Die Börse ist ein feiner Indikator dafür, wenn es wieder „fresh money“ gegeben hat. Lieber Herr Münchau, versuchen sie doch mal einfache Worte für die anstehende Katastrophe zu finden, wie dieser „Anonyme Billionär“ hier: Schuldenkrise eskaliert, jetzt auch noch Guthabenkrise (http://qpress.de/2011/12/05/schuldenkrise-eskaliert-jetzt-auch-noch-guthabenkrise/) (sehr frei aber nicht unwahr fabuliert). Oder glauben sie allen Ernstes dass ein Geldsystem mit einem Exponential in seinem Wachstum ewig überdauern könnte? Selbst Krebszellen kommen zum Erliegen wenn sie den befallenen Organismus vernichtet haben … (°!°)
Firewing6 21.12.2011
3. Mal was anderes...
... wird dem Leser heute von Herrn Münchau geboten. Statt Panikmache bekommen wir diesmal den Versuch einer Volksaufklärung aufgetischt. Meiner Ansicht nach ist das ein klarer Fortschritt Herr Münchau! Gegenüber ihren anderen Ergüssen hilft dieser Beitrag das Problem "Finanzkrise" ein klein wenig besser zu verstehen.
herr_kowalski 21.12.2011
4. Sie scheinen ja einen ganz schönen Appetit zu haben.
Zitat von cogitoergobumAlso ich gehe ja jeden Morgen bei Lidll meine Brötchen kaufen und dann bei der Kasse sehe ich immer die vielen Menschen die wie Hypnotisiert auf die Bildzeitung schauen (die Bildzeitung liegt dort stapelweise) …ich schau mir dann immer die Gesichter der Menschen an …wie sie jeden Cent zwei Mal umdrehen müssen und wie sie den Namen Wulff einzeln Buchstabieren …erst W…dann lange nichts und dann uuuu …zwischenzeitlich blicken sie wieder in ihren Einkaufswagen dann wieder in ihren leeren Geldbeutel…dann kommt der Buchstabe lllll dran und so weiter….
Das ist mindestens das 3. Mal dass Sie heute Lidl-Brötchen gekauft haben !
muellerthomas 21.12.2011
5.
Zitat von sysopSie stemmen sich gegen Zinssenkungen und lehnen Ankäufe von Staatsanleihen ab: Deutschlands Währungshüter gerieren sich als aufrechte Monetaristen - sind es aber nicht. Milton Friedman würde sich im Grab umdrehen, wüsste er, wie die deutschen Banker seine Theorien heute auslegen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,805027,00.html
Endlich stemmen sich vereinzelte Stimmen gegen die Inflationspanik der Medien. Sieht auch hier: Fabian Fritzsche: Das Inflationsphantom Gästeblock (http://www.ftd.de/wirtschaftswunder/index.php?op=ViewArticle&articleId=2846&blogId=16)
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