S.P.O.N. - Die Spur des Geldes Die Ruhe vor dem großen Knall

Politik und Wirtschaft versuchen verzweifelt, den Euro-Crash zu verhindern. Doch die Gemeinschaftswährung jetzt noch zu retten ist fast unmöglich. Die Eigendynamik der Krise ist mittlerweile so mächtig, dass ein kleiner Funke reicht - und der Euro-Raum explodiert.

Von


Keine Vertragsänderung. Keine Banklizenz für den Rettungsfonds. Auch keine Erweiterung. Kein Kauf von Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank. Und natürlich auch keine Euro-Bonds. Lediglich ein popeliger Vertrag zwischen den Euro-Mitgliedern. Der ist dank unserer britischen Freunde möglicherweise auch noch ohne Rechtsgrundlage.

Wie der Zusammenbruch des Euros vonstatten gehen wird, ist schwer vorherzusagen. Dass es dazu kommen wird, ist immer wahrscheinlicher. Vielleicht kommt es zu irgendeinem Problem in Griechenland, oder die Italiener sind nicht bereit, eine Depression als Preis für den Verbleib im Euro-Raum zu bezahlen. Vielleicht sind es die französischen Banken. Oder es kommt zu einem Banken-Run aus heiterem Himmel.

Ich bin auch davon überzeugt, dass kein europäischer Politiker, der momentan Regierungsverantwortung trägt, einen Zusammenbruch des Euro will. Die Banken wollen es nicht. Die Industrie will es nicht. Und jeder, der sein Geld im Privatsektor verdient, sollte es eigentlich auch nicht wollen. Denn die Gefahren für die Privatwirtschaft sind unkalkulierbar.

Trotzdem wäre es ein großer Fehler zu glauben, dass das gemeinsame Interesse am Erhalt der Währungsunion ausreichen würde, sie zu retten. Zu jedem konkreten Zeitpunkt überwiegen nationale Interessen.

Es gibt auffällige Parallelen mit Kriegen vergangener Zeiten. Den Ersten Weltkrieg wollte keiner, doch er kam trotzdem. Es war die Geschichte einer außer Kontrolle geratenen politischen Eigendynamik. Es bedurfte lediglich eines nichtigen Auslösers, wie damals das Attentat auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajevo.

Auslöser des Dreißigjährigen Kriegs war der Prager Fenstersturz. So wurde aus einem Aufstand böhmischer Stände ein Krieg, der ganz Mitteleuropa verwüstete. Es waren vier Kriege, die sich miteinander überkreuzten. Am Ende schlossen sich die Kontrahenten des einen Kriegs zusammen, um an einem anderen teilzunehmen.

Nord gegen Süd, Ost gegen West, die Briten gegen den Rest

Solche Konflikt-Überlagerungen gibt es auch jetzt. Letzte Woche war es der alte schwelende Konflikt zwischen Großbritannien und den anderen EU-Ländern, der die Krise unter den Euro-Staaten kurzfristig überlagerte. Die Geschichte wird jetzt noch komplizierter: Die ost- und mitteleuropäischen Staaten wollen den Pakt nur dann unterzeichnen, wenn er keine bindende Wirkung in ihren eigenen Ländern hat. Wir stehen also wieder an einem dieser Kreuzwege europäischer Konflikte - Nord gegen Süd, Ost gegen West, die Briten gegen den Rest. Krieg wird es diesmal nicht geben. In unserem Zeitalter finden europäische Konflikte auf ökonomischer Ebene statt.

Hier ist ein mehr oder weniger plausibles Szenario, wie es weiter gehen kann: Man wird in den nächsten zwei Wochen in Brüssel, Berlin und Paris über die Rechtsgrundlage des neuen Vertrags diskutieren. Dann wird man ein paar Monate über die Inhalte streiten und bis in den Sommer hinauf um die Ratifizierung bangen. Wenn alles gutgeht, hat man am Ende einen neuen Stabilitätspakt.

Der aber wird an einem eher grundsätzlichen Problem leiden. Wäre er ein Schulaufsatz, so stünde darunter: "Thema verfehlt". Der Grund liegt in der wirtschaftlichen Dynamik. Der Internationale Währungsfonds und die OECD sehen einen Einbruch der Weltkonjunktur im Jahre 2012 voraus. Das wiederum würde verhindern, dass wir Europäer unsere Probleme auf den Rest der Welt abwälzen können, so wie wir es früher immer gemacht haben.

Wenn aber der Euro-Raum insgesamt keinen großen Überschuss in seiner Leistungsbilanz erzielen kann, dann wird es ungemütlich. Dann muss die gesamte Anpassung innerhalb der Euro-Zone stattfinden. Der Süden würde in eine lange Depression geraten. Das ist keine Konjunkturprognose, sondern die logische Konsequenz einer Sparpolitik in Zeiten wirtschaftlicher Schwäche. Die Währungsunion hat in diesen Ländern eine ähnliche Dynamik wie der Goldstandard in den frühen dreißiger Jahren.

Es kann Monate dauern, bis es knallt, oder auch Jahre

Vor kurzem sprach ich mit einem ehemaligen griechischen Minister, der die Parallelen von Griechenland vor einem Jahr mit Italien und Spanien von heute zog. Er stellte die rhetorische Frage: Warum sollten Italien und Spanien auf die von Brüssel verschriebene strenge Sparpolitik anders reagieren als Griechenland? Und wer glaubt schon, dass gerade das italienische politische System diesen Druck aushalten wird?

Um die Katastrophe abzuwenden, müsste binnen kürzester Zeit ein unrealistisches Maß an Dingen passieren: Kanzlerin Angela Merkel müsste fast alles zurücknehmen, was sie bislang versprochen hat. Die Privatsektorbeteiligung in Griechenland müsste vom Tisch. Die Banklizenz für den Stabilitätsmechanismus müsste her. Die Europäische Zentralbank müsste die Funktion eines Käufers der letzten Instanz bekommen. Und dann bräuchte man noch eine echte Fiskalunion mit Euro-Bonds obendrauf.

Müsste. Hätte. Bräuchte. Es ergibt kaum noch einen Sinn, das alles zu fordern. Angesichts der politischen Situation in den Mitgliedsländern und der bisherigen Erfahrungen mit der Krisenpolitik ist nichts davon realistisch. Wir sind also jetzt schon an dem Punkt, wo das, was nötig ist, um die Krise zu lösen, schon längst nicht mehr mit dem überlappt, was politisch und rechtlich möglich ist. Und aus dieser Konstellation ergibt sich eine Gefahr für den Euro, und dies obwohl alle Beteiligten den Euro retten wollen.

Es kann Monate dauern, bis es knallt, oder auch Jahre. Vielleicht bleibt der Rumpf eines Euro übrig. Vielleicht auch nicht. Wir sind hier in einem Bereich nicht prognostizierbarer Unsicherheiten. Wenn irgendwo das griechische oder portugiesische Äquivalent eines Reissacks umfällt, oder irgendjemand in einer fremden Hauptstadt aus dem Fenster stürzt, dann kann es plötzlich sehr schnell gehen.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 296 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Whitejack 14.12.2011
1.
Also halten wir fest: Wenn nicht sehr bald die Schulden solidarisiert werden, während die Gewinne weiter privatisiert werden dürfen, wenn die Lasten nicht aus dem Gläubigerbereich auf die Nichtgläubiger abgewälzt werden, dann bricht der Euro zusammen? Dann lasst uns hoffen, dass das passiert. Und das sage ich als jemand, der den Euro eigentlich schätzt. Aber nicht zu den Konditionen. Wahrscheinlicher ist natürlich, dass der Autor der Kolumne Unsinn erzählt. So wie beim Ersten Weltkrieg, den ja auch "niemand gewollt" hat. Bis auf den Großteil des damaligen Volkes im Deutschen Reich, in Frankreich, Österreich, Großbritannien und Russland. Die waren nämlich durchaus sehr kriegslüstern. Und so war der Erste Weltkrieg eine Konsequenz aus dem Bedürfnis danach, nicht aber ein unglückliches Scheitern aller Bemühungen dagegen. Genauso wie der eigentliche Grund für das Scheitern des Euro darin liegen würde, dass der Großteil des heutigen Volkes einen Euro-Zusammenbruch WILL. Die Analogie zum 1.WK ist daher zwar passend, aber anders als der Autor es dargestellt hat. Wem das nicht klar ist, der kann sich ja mal fragen, warum Cameron den Beschluss blockiert hat, warum Merkel sich gegen Euro-Bonds und Ankurbelung durch die Zentralbank stemmt, warum - wie der Autor es selbst sagt - stets nationale Interessen dominieren. Weil die Leute kein Interesse am Euro haben, weil jeder glaubt, der Euro würde ihm schaden und nur nationale Dinge könnten von Vorteil für ihn sein. Im Zweifelsfall würden die Leute dann doch eben lieber den deutschen Banker retten als den griechischen Arbeiter. Ist doch ein Deutscher und damit doch auch irgendwie an meinem Wohlergehen interessiert, oder etwa nicht?
wika 14.12.2011
2. Unzulässige Stimmungsmache …
Lieber Herr Münchau, die gesamte Debatte - besser Debakel - rund um Euro und Euro-Rettung ist doch eine feine Nebelbombe und nicht zielführend. Hätten sie doch besser mal so ausgedehnt über die weltweite Geld-Systemkrise geschrieben. Es ist kein Problem des euro oder einer alleinige nationalen Währung, nein, alle Währungen sind betroffen. Um den Leser zu erheitern hätten Sie natürlich auch über die „Guthabenkrise“ schreiben können. Selbiges können Sie dafür an dieser Stelle nachlesen: Schuldenkrise eskaliert, jetzt auch noch *Guthabenkrise* (http://qpress.de/2011/12/05/schuldenkrise-eskaliert-jetzt-auch-noch-guthabenkrise/) … fachkompetent erklärt von einem Vertreter der „Anonymen Billionäre“, natürlich nicht ohne eine gewisse Brisanz die man im Normalfall zu verbergen sucht. Insoweit ist natürlich die Überschrift in Teilen richtig, denn vergeblich wird es sein, weil niemand gegen diese Formel hier aufbegehrt: Kapital * (1 + Zinssatz / 100) ^ Laufzeit … sie können die gerne auch als Weltuntergangsformel bezeichnen, denn diese kleine Winzigkeit ruiniert am Ende die 99,9% – was Wunder? Oder anders, die sogenannte Euro-Rettung ist nichts weiter als ein Kampf gegen die Windmühlen und eine Aufführung fürs Volk, damit es fein abgelenkt ist und nicht tiefer auf die Ursachen schaut. Das Euro-Konstrukt selbst kann in diesem Kontext nur einen Sinn haben … die Synchronisierung des Sprungs über die Klippe … „Alle für Einen, Einer für Alle“ … sie kennen den Heldenepos? Ohne Euro würden sich nämlich einer nach dem anderen zur Klippe begeben müssen … Deutschland vermutlich als Schlusslicht und Schieber … (°!°)
Walter S. 14.12.2011
3. Oh je...
Zitat von sysopPolitik und Wirtschaft versuchen verzweifelt den Euro-Crash zu verhindern. Doch die Gemeinschaftswährung jetzt noch zu retten, ist fast unmöglich. Die Eigendynamik der Krise ist mittlerweile so mächtig, dass ein kleiner Funke reicht - und der Euro-Raum explodiert. Vergebliche Euro-Rettung: Die Ruhe vor dem großen Knall - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,803646,00.html)
Der Autor disqualifiziert sich in seinem letzten Absatz ja schon selbst. Vielleicht kommt der Knall, vielleicht kommt er nicht.... Vielleicht dauert es Tage, vielleicht Jahre... Geht es noch unbestimmter? Und wenn man schon keine Meinung hat, warum muss man dann eine Seite darüber schreiben? Nicht das erste Mal bei diesem Autor, der mir gelegentlich wie ein Verschwörungstheoretiker rüberkommt...
kimba2010 14.12.2011
4. ...
Zitat von sysopPolitik und Wirtschaft versuchen verzweifelt den Euro-Crash zu verhindern. Doch die Gemeinschaftswährung jetzt noch zu retten, ist fast unmöglich. Die Eigendynamik der Krise ist mittlerweile so mächtig, dass ein kleiner Funke reicht - und der Euro-Raum explodiert. Vergebliche Euro-Rettung: Die Ruhe vor dem großen Knall - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,803646,00.html)
Guter Artikel von Herrn Münchau. So langsam dringt die Realität über den Euro auch ins SPON HQ durch. Hoffen wir auf einen schnellen Tod der Gemeinschaftswährung, ein langsames Dahinsiechen wäre nur schmerzhafter für alle und würde das Unvermeidliche nur hinausschieben.
optima.internacional@gmai 14.12.2011
5. Münchau als Greis
Zitat von wikaLieber Herr Münchau, die gesamte Debatte - besser Debakel - rund um Euro und Euro-Rettung ist doch eine feine Nebelbombe und nicht zielführend. Hätten sie doch besser mal so ausgedehnt über die weltweite Geld-Systemkrise geschrieben. Es ist kein Problem des euro oder einer alleinige nationalen Währung, nein, alle Währungen sind betroffen. Um den Leser zu erheitern hätten Sie natürlich auch über die „Guthabenkrise“ schreiben können. Selbiges können Sie dafür an dieser Stelle nachlesen: Schuldenkrise eskaliert, jetzt auch noch *Guthabenkrise* (http://qpress.de/2011/12/05/schuldenkrise-eskaliert-jetzt-auch-noch-guthabenkrise/) … fachkompetent erklärt von einem Vertreter der „Anonymen Billionäre“, natürlich nicht ohne eine gewisse Brisanz die man im Normalfall zu verbergen sucht. Insoweit ist natürlich die Überschrift in Teilen richtig, denn vergeblich wird es sein, weil niemand gegen diese Formel hier aufbegehrt: Kapital * (1 + Zinssatz / 100) ^ Laufzeit … sie können die gerne auch als Weltuntergangsformel bezeichnen, denn diese kleine Winzigkeit ruiniert am Ende die 99,9% – was Wunder? Oder anders, die sogenannte Euro-Rettung ist nichts weiter als ein Kampf gegen die Windmühlen und eine Aufführung fürs Volk, damit es fein abgelenkt ist und nicht tiefer auf die Ursachen schaut. Das Euro-Konstrukt selbst kann in diesem Kontext nur einen Sinn haben … die Synchronisierung des Sprungs über die Klippe … „Alle für Einen, Einer für Alle“ … sie kennen den Heldenepos? Ohne Euro würden sich nämlich einer nach dem anderen zur Klippe begeben müssen … Deutschland vermutlich als Schlusslicht und Schieber … (°!°)
Herr Münchau wird auch noch als Greis seine Rente in EURO beziehen können.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.